Lost Chronicles

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Cai hatte sich nahe der Gitter und möglichst weit weg von dem besoffenen Schläfer an die kalte Mauer der Zellenwand gelehnt und beobachtete milde interessiert, wie Atevora den Waschbären scheinbar in aller ihr zur verfügung stehenden Gründlichkeit untersuchte, bis Scimitar unüberhörbar das Bewusstsein wieder erlangte und von der weißen Magierin auch sogleich zur Ruhe angewiesen wurde.
“Wem sagt su das…” stimmte er Scimitar zu, welcher seinem Unmut lautstark Luft machte. “Um deinen Vorlauten Freund hat sich übrigens Lisbeth gekümmert. Ich nehme an du kannst ihn nachher bei ihr abholen…” fügte er gedämpfter und direkt an den Waschbären gewandt zu. Ihm schien es nicht ratsam das sprechende Schwert hier laut zu erwähnen, aber er hoffte dass der Waschbär trotzdem verstand was er er ihm mitteilen wollte.
Sie selbst hatten all ihre Waffen ja abgeben dürfen, welche wahrscheinlich gerade ausprobiert und von Hand zu Hand gingen. Und es würde fürchterlich teuer werden sie wieder zu bekommen.
Verdammt, er wollte sich gar nicht ausmalen was sie erst erwarten würde, wenn Gavron von dem ganzen Desaster hier erfuhr, das sprengte doch alles bisher dagewesene...
Athaín hatte sich derweil damit beschäftigt die Zelle abzuschreiten und erfolglos versucht den Betrunkenen in der Ecke aufzuwecken. Cai schätzte dass er versuchte sich in der neuen Umgebung eine Orientierung zu verschaffen, bevor sein Schwingenbruder sich neben ihm auf den Boden setzte “Gehts dir gut? Du siehst mies aus!” fragte er besorgt, während er ihn leicht anstupste. Immerhin hatte es ihn deutlich schlimmer erwischt als Cai selbst, der außer ein paar schrammen und blauen Flecken nicht wirklich Verletzungen davongetragen hatte. Am schlimmsten hatte ihn wohl immer noch das faulige Obst und Gemüse getroffen, mit welchem man sie bei diesem Spießrutenlauf zum Gefängnis beworfen hatte.
Auch der Magierin waren die Verletzungen des Drachenreiters nicht entgangen und bot ihm auch prompt an diese zu versorgen.
Der junge Rotschopf konnte nicht umhin leichtes Bedauern bei dem Gedanken zu verspüren, dass er ja selbst keine Schnitte oder Kratzer vorzuweisen hatte um die man sich kümmern konnte. Ihm würde also wahrscheinlich keine Behandlung zuteil werden.

“Ja, ich dachte mir, nach all der Mühe die wir wegen dieser Idioten hatten, wäre es doch schade wenn das einfach so bei der Stadtwache enden würde… Ich hoffe es ist irgendetwas wichtiges…” bei dem Glück dass sie heute hatten, konnte es aber auch gut sein dass es sich lediglich um die letzte EInkaufsliste oder einen schlecht geschriebenen Liebesbrief handelte.
Der Brief war zwar mal versiegelt gewesen, aber das sollte nichts heißen. Er wollte ihn schon auffalten, als Scimitar ihn auch noch prompt unterbrach. Was hatte er denn jetzt vor?
Cai verfolgte belustigt wie der Waschbär mit einer leicht bekleideten aber gut bestückten Dame namens Lotti diskutierte und fast hätte er grinsend eingeworfen dass ihn die Geschichte von letzter Woche durchaus interessiert hätte. Aber nur fast.
Scimitar zahlte sie schließlich und Lotti legte sich auf der anderen Seite ihrer Zelle auf die Lauer, was Cai zum anlass nahm um den Brief auseinander zu falten und in das trübe Licht der Kerkerzelle zu halten. “Sind alle so weit?” fragte er sicherheitshalber nochmal nach, falls noch jemandem irgendetwas einfiel was vorher noch dringend erledigt werden musste “Gut, dann hoffen wir dass es keine Poesie ist, dafür ab ich kein Gespür! Und die Handschrift ist fürchterlich...” das Licht war miserabel um die scheußliche und trotzdem recht kleine Handschrift zu entziffern, der Schreiber war sicher Beamter. Die hatten meistens eine Sauklaue weil sie sich dann keine Gedanken mehr um Geheimhaltung und Verschlüsselung machen mussten, wenn ohnehin nur sie selbst das Geschriebene lesen konnten.
Er begannmit gedämpfter Stimme und recht stockend zu lesen. Wie gesagt, die Handschrift war schlimm und er hatte die Augenbaruen konzentriert gerunzelt, während er den zerknitterten Brief im schwachen Licht hielt. “Zum achten Kerzenstrich… des… vierten Tages im Mond des… ich nehm mal an das heißt Yrqon... ist im Hohlweg mit der… Durchreise des Kaufmannes Pfeffersack zu rechnen. Selbiger ist leicht zu erkennen: Fett, schwabbelig und stinkt nach Geld. In seinem Besitz befindet sich… ein…. eine unscheinbare Holzschatulle, selbige ist einzukassieren und UNGEÖFFNET dem Kontaktmann in der Niederstadt von… Accipetris zu übergeben. Die ladung des zweiten Wagens kann zur freien Verfügung behalten werden. Keine Zeugen hinterlassen!”
Cai ließ den Brief sinken und den Blick aus den neugierigen Braunen Augen durch den Raum wandern, obwohl es gar nicht lange dauerte bis er bei Scimitar hängen blieb “Welche Schatulle? Und was hat d’Lenfer damit zu tun?”
Caius verlas stockend den Text des Briefes. Scimitar war der Letzte, der sich darüber lustig gemacht hätte, konnte er doch mit Müh und Not seinen Namen kritzeln und lesen. Laut der Gaukler waren Lesen und Schreiben überbewertete Fähigkeiten, im Gegensatz zu Rechnen, immerhin musste man ja wissen, wie viele Münzen in der Geldkatze klimperten. Was den Waschbären allerdings sehr wohl zum Grinsen brachte war Lotti: Die Dirne hatte zwar pflichtschuldig ihren Platz am anderen Ende der Zelle eingenommen – das hätte er ihr auch geraten bei dem Wucherlohn, den sie fürs Schmiere stehen einsackte, allerdings zupfte sie an dem ohnehin schon tiefen Ausschnitt herum, sodass die Befürchtung im Raum schwebte, dass sie bei einer unbedachten Bewegung im Freien stehen würde. Aus den Augenwinkeln schielte sie immer wieder in die Richtung seiner Zellennachbaren und musterte dabei erst den großen Blonden und dann wieder den rothaarigen Jungspund. Scimitar knurrte sie tonlos an, die verdammte Schnalle sollte doch den Gang im Auge behalten und nicht rumflirten. Es musste ihr doch klar sein, dass bei ihnen kein Kupferling zu holen war, aber wahrscheinlich dachte sie, dass nach einem Aufenthalt im Gefängnis jeder Mann das nötige Kleingeld für ein leichtes Mädchen aufbringen würde. Lotti leckte sich die prallen Lippen, als sie Aithan erneut musterte (und ihr Blick verdächtig lang an seinem Hintern hängen blieb), streckte Scimitar die Zunge heraus und schickte Caius schließlich noch eine Kußhand, sehr darauf bedacht, dass der Jüngling es auch bemerken konnte. Dann nahm Lotti die Wache endlich wieder mit voller Aufmerksamkeit auf. Der Waschbär grinste (aber so dass die Hure es nicht sehen konnte). Aber das Grinsen gefror ihm, als der Rotschopf sich an ihn wandte >Welche Schatulle? Und was hat d’Lenfer damit zu tun?< Wie zum Geier kam er darauf, dass er, ein redlicher Waschbär im Dienstleistungs- und Personenschutzgeschäft, etwas wissen könnte? Schon klappte sein Maul auf, um entschieden zu protestieren und zu beteuern, keine Ahnung zu haben aber dann …. „Wahrscheinlich das Kästchen, das der Fettklops von einem Geldsack in seiner Kutsche versteckt hat als die Lumpen uns heute morgen überfallen haben. Der … der Name d’Lenfer sagt mir nichts aber das Wappen, das … das war das Selbe, wie es der Anführer am Wams trug.“

Scimitar seufzte. Irgendwie hatte sein Mundwerk geplappert, während sein Hirn noch nach Ausreden gesucht hatte. Nun war die Katze aus dem Sack und er konnte genauso gut auch den Rest erzählen. Viel schlimmer konnte es ja schon nicht mehr werden. „Vor drei Tagen hat mich in einem kleinen Ort rund vierundzwanzig Kerzenstriche von Acceptris entfernt ein Mann angesprochen, der einen Begleitschutz für den Warenkarren seines Herrn suchte. Ich war knapp bei Kasse und an so einem Wachauftrag ist ja nichts Besonderes … dachte ich. Es hätte mich stutzig machen sollen, als zum Kerzenstrich der Abreise der Auftraggeber, eben besagter, gut gebauter, Kaufmann plötzlich eröffnete, uns in seiner Kutsche zu begleiten und, was mich noch mehr verwundern hätte sollen, er bestand darauf, dass ich auf seinem Wagen am Bock mitfuhr. Die Ladung des Warenkarrens schien ihm im Gegensatz dazu egal zu sein.“ Der Waschbär zog die Nase kraus, als ein Geräusch, das verdächtig nach einem Furz klang, aus der Richtung des Säufers zu ihnen herüber schallte. Hatte der neben einem gewaltigen Rausch auch noch Blähungen? Oh ihr Altvorderen …. Scimitar besann sich auf die Erzählung der Ereignisse und berichtete weiter. „Wenige Kerzenstriche vor der Hauptstadt, der Tag begann gerade zu grauen, wurden wir in dem Hohlweg, der zum Nordtor führt, überfallen. Der Fettklops hat noch geschnarcht, uns übrigen hat er ja gezwungen, die Nacht durch zu fahren. Aber er hatte seinen Hintern gemütlich in der Kutsche. Nun … wie dem auch sein, es gab eine nette kleine Auseinandersetzung, sie waren zu sechst und einer hat es geschafft, den Verschlag zu öffnen. Vor Schreck ist der edle Herr von seinem Sitz geplumst, mich wundert‘s noch immer, dass die Achse nicht gebrochen ist. Nun ja, da hab ich das Kästchen gesehen. An sich nichts Besonderes, ein einfaches Holzkästchen. Aber am Deckel war irgendwas eingraviert, ich konnte aber nicht erkennen was. Und es hat geleuchtet, also nicht wie eine Kerze leuchtet, sondern es war ein seltsam dunkles, blauschwarzes Leuchten. Ich dachte erst ich täusche mich, der Händler hat es eiligst zwischen die Polster der Kutsche gestopft … und sich drauf gehockt.“ Scimitar kratzte sich am Kopf und zuckte zusammen, als er sich unbeabsichtigt an die Beule tatschte. Verflucht! „Auf jeden Fall hab ich mit dem Lastenfahrer die Bande platt gemacht, waren reichlich unkoordiniert. Und dann sind wir weiter nach Acceptis, wo sich unsere Wege getrennt haben.“ Dass er dem Kaufmann noch zusätzlich Geld, sozusagen Gefahrenzulage, abgeknöpft hatte, verschwieg er. Bär musste schließlich nicht alles erzählen und es tat ja nichts zur Sache. Gespannt sah er seine Mitgefangenen (ausgenommen dem Trunkenbold, der nach wie vor schnarchte und grunzte) an, neugierig was die von der ganzen Sache hielten.
Die Magierin konnte dem jungen Drachenreiter nur beipflichten. Athain hatte deutlich an Glanz und Glorie – falls er eines davon jemals besessen haben sollte – eingebüßt und sah äußerst ramponiert aus. Als gutherzige, wohlmeinende und durch und durch empathische Magierin bot sie natürlich dem armen leidenden Mann ihre joviale Fürsorge an. Ja, was sollte man sagen? So war sie einfach unsere mitfühlende und mildtätige Gräfin. Ein Herz für alle, selbst für brummige Stinkstiefel mit Augenbinde! Außerdem neigt der Erzähler dieser Geschichte niemals zu Zynik, Sarkasmus oder Ironie.
Mit sachten Schritten die kaum auf dem Boden zu hören waren, überwand Atevora die Entfernung zwischen sich und dem Drachenreiter, der sie soeben nach Nadel, Faden und Alkohol fragte.
„Wundsäuberung mit Alkohol?“ Ein deutlicher Hauch von Empörung über derart vorsintflutliche Methoden schwang in ihrem hellen Stimmchen mit als die dazu gehörige hellhäutige Frau vor Athain in die Hocke ging. Der Duft ihres Parfüms, eine samtige Mischung aus Apfelblüte, Zitronengras und wilder Rose begleitete dabei ihre Bewegungen. „Oder wollt ihr einen für den Mut heben?“ Sie könnte ihn auch mit Alkohol quälen, wenn er darauf bestand, aber eigentlich.. „Wenn es euch Recht ist, werde ich zum Säubern der Wunde etwas benutzen das weniger schmerzhaft ist.“
So direkt vor Aithan glitt Atevoras Blick auch kurz zu dessen Schwingenbruder Caius „Habt ihr auch Verletzungen Caius? Wenn ja dann schaue ich mir diese nachher ebenfalls an.“ Meinte sie mit ausgesucht freundlichem Tonfall und einem jovialen Lächeln auf den blassen Lippen, ehe sie nach Aithans Arm griff. Sie packte nicht kräftig zu, überwiegend weil diese schmalen Finger von sich aus niemals einen starken Griff hatten.

Das Hemd welches der Kämpfer trug hatte bei dem Tavernendisput kräftig gelitten und die Ränder des aufgeschlitzten Hemdärmels klebten zusammen mit allerhand matischigem Gemüseresten feucht am Arm und über der Wunde. Vorsichtig zupfte die kleine Magierin also mit ihren perfekt manikürten Fingern daran um die Verletzung besser sehen zu können. Besonders ergiebig war dies jedoch nicht. „Bitte zieht eurer Hemd aus, damit ich die Wunde besser behandeln kann.“ Bat sie den Drachenreiter darum mit höflichem Tonfall, unterdessen Scimitar sich anschickte mit der Dame aus dem horizontalen Gewerbe zu feilschen.
„Soll ich euch dabei helfen?“ Erkundigte sie sich beim Drachenreiter. Natürlich bat dieser nicht um Hilfe. Ohne großes Brummen, oder mäkeliger Befindlichkeiten kam er der Bitte schlichtweg nach. Jedenfalls hatte dieser das wohl vor. Die Umsetzung seines Vorhabens bereitete ihm jedoch augenscheinliche Probleme. Atevora schloss, dass es an weiteren Verletzungen liegen könnte. Aus diesem Grund, ebenso da sie ihre Arbeit rasch aufnehmen wollte und auch ihrer zwei süßen Kindchen zum Dank, oder der sich daraus resultierenden Übung, griff die Gräfin wie automatisiert nach dem Hemd und half Herrn dabei sich zu entkleiden.

Reichlich nackte Haut präsentierte sich nun vor ihr. Ein in elbischer Manier athletischer Oberkörper, scharf definiert ohne unnötiges Gramm fett um die Muskelpartien. Er würde wirklich GUT aussehen wären da nicht diese viele Schrammen, Kratzer und ausgefranste Narben. Sie verunstalteten das Bild wie eine Ansammlung lästiger Makel und Fremdkörper. "Meiner Teu, so viele Narben. Ich glaube manche Narben haben... Narben." Die Gräfin schnaubte entrüstet. Haben Drachenreiter den Brauch Narben als eine Art Statussymbol zu Schau zu tragen? Ihr Blick zuckte zu Caius und sah ihn einen Moment eindringlich ins jugendliche Gesicht, ehe sie sich wieder Aithan zuwandte.
"Verzeiht.." Entschuldigte sie sich. Auch das Objekt um Athains Hals bemerkte die Magierin. Im ersten Augenblick hielt sie es für einen etwas klobigen Anhänger aus einem hellen Material wie Knochen, doch dann erkannte sie Löcher darin, und revidierte den ersten Eindruck. Es sah eher wie ein Musikinstrument aus, eine Flöte für sehr kleine Finger. Eine für Kinder? Die Magierin schob den Gedanken und die Fragen dazu beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche.
„Ich werde jetzt die Wunden säubern.. “

Das Feilschen des Waschbären verfolgte Atevora nicht, sie war schließlich mit der Wundversorgung beschäftigt. Genau genommen rezitierte sie aus ihrem schlauen Büchlein soeben eine Formel um die Umgebung der Wunde oberflächlich zu reinigen und sich an die Verletzung heranzutasten. So wurde das beginnend verkrustete Blut hinfort gewaschen, ebenso der Dreck der Straße und die Überreste von fauligem Gemüse mit dem der Drachenreiter während seines Spießrutenlaufes beworfen wurde und das einen Weg durch das Hemd auf den Körper und um die Wunde gefunden hatte. Nun nach dieser ersten Säuberung konnte sie auch mehr von der Schnittwunde selbst sehen, unter Anderem dass sich etwas Gewebe vom aufgeschlitzten Hemdärmel in die Wunde gestohlen hatte.

Anstatt mit einer Pinzette wild in der Verletzung herumzustochern entfernte sie das Stoffstückchen mittels Magie um anschließend einer speziellen Lösung nachzuspülen um eine Infektion zu unterbinden. „Ist gar nicht so schlimm wie es vorhin ausgesehen hat.“ Meinte sie dann lapidar, träufelte etwas der Flüssigkeit auch auf die aufgesprungene Lippe, und bestrich die Wundränder am Oberarm mit einer Schmerzen betäubenden Salbe, damit der Mann die bevorstehenden Nadelstiche nicht spüren musste. „Bevor ich die Wunde nähe, wirke noch einen unsichtbaren Medicus auf Euch damit die Blessuren insgesamt schneller und besser abheilen. In Ordnung?“
Da er wohl schwerlich täglich zu einer Nachbehandlung bei ihr vorbeikommen würde, kramte sie sogar aus ihrem wundervollem Täschlein etwas hervor das den Zauber potenter machen würde und aussah wie ein kleiner Tiegel mit eingelegten Eidechsenschwänzen. Den Verschluss bekam sie jedoch im ersten Moment nicht auf. „Caius, ich bekomme den Korken nicht runter, würdet ihr mir bitte kurz helfen?“ Ja sie armes schwaches Frauenzimmer benötigt einen großen starken Helfer.

Einige Augenblicke später fischte sie einen dieser eingelegten Eidechsenschwänze aus der Flüssigkeit heraus und verkorkete das Gefäß sorgsam wieder. Murmelnd begann die weißhaarige Frau nun eine Formel zu rezitieren. Der sonore Klang ihrer Stimme wurde einen Moment vom einem seltsamen Geräusch begleitet. Einem eigenwilligen Knirschen und Matschen als sie mit einer Hand die Überreste des Tieres zerquetschte. Ein merkwürdiger Dunst, dunkel und mit einem Schillern durchzogen, als wären tausende Silberblättchen wirbelnd darin verfangen, begann aus dieser geschlossenen Hand zu wabern. Sie öffnete sie leicht und legte sie auf Athains Brust. Sofort zog sich die magische Essenz getragen von Atevoras Worten in den Körper des humanoiden. Sicherlich könnte er Mann nun eine Kälte spüren die sich im Körper auszubreiten begann. Eine die sich schleichend auf die pochenden Prellungen und verschiedenen Wunden zu legen begann. Ganz so als hätte sie begonnen alle Prellungen gleichzeitig mit heilenden Salben und kühlenden Kompressen zu behandeln. Der Unsichtbare Medicus regte die Wundheilung stark an und würde dafür Sorge tragen, dass eine Narbenbildung vermindert wurde. Dank der Essenz des magischen Tieres, das sie verwendet hatte, würde sich die Wirksamkeit des Zaubers bald steigern und auch deutlich länger anhalten es normal der Fall wäre. Sie musste sich also nun beeilen Schnittwunde sorgsam zusammen zu nähen. „So und nun noch nähen.."

Nicht besonders beeindruckt brummte Athain inzwischen in Scimitars Richtung, dass sie auch hätten flüstern können, womit Atevora dem großen Mann auch beigepflichtet hätte. Aber sie war gerade damit beschäftigt die ersten Stiche zu tun, und sie war nicht besonders geübt damit etwas zu nähen.
„Mhm.“ Antwortete die Magierin also nebensächlich, als Caius seine Frage in den Raum stellte, ob sie alle bereit waren, währenddessen sie mit feinen kleinen Nadelstichen die Wunde vernähte.

Kaum begann der Mann den Brief zu verlesen, strebten schon die zierlichen Augenbrauen der Magierin ungläubig zueinander und furchten die Stirn. Schwabbelig, stinkt nach Geld? „Keine Angabe von Körpergröße, oder ähnlichem?“ Was war denn das für eine bescheidene Personenbeschreibung? Außerdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass der Kaufmann wirklich Pfeffersack hieß. Das war doch normalerweise ein Schimpfwort. „Eine Personenbeschreibung in diesem.. Detailgrad ist neu...“ Das klang doch etwas brummig, während die Nadel abermals ins Gewebe eintauchte, hindurch stieß und auf der anderen Seite herausgezogen wurde. Die Textpassage zu dem Kästchen war auch nicht besser. Unerfreut verzog die Magierin den Mund. Konnte das wirklich sein? Wer sollte mit so einer Beschreibung etwas anfangen? Etwas in der Art dachte die Gräfin unterdessen sie den Faden sauber abschnitt und anschließend zu Caius und auf den Brief schielte. Dabei konnte sie erkennen, dass bei der Erwähnung zur Holzschatulle eine kleine Skizze abgebildet war. Eine Schatulle mit einer Art Zeichen oben drauf das ihr irgendwie bekannt vorkam. Moment.. ist das.. „Darf ich das Schriftstück mal sehen.“ Bat sie, den jungen Mann, und griff nach dem Schreiben.
Tatsächlich. Eine Skizze der Schatulle und das Zeichen darauf ließ ihr für einen Moment den Atem stocken. Dieses Zeichen hatte sie in Vandrigg gesehen. Dort in diesem Verlies! In Atevora begann Ärger zu brodeln, wie ein zähes Säurebad.

Prompt richteten sich ihre dunklen Augen fordernd und eisig kalt auf den Waschbären, insbesondere da dieser wieder begann sich um eine Antwort herumzudrücken. „Scimitar, meint ihr nicht es reicht mit diesen Spielchen? Diese beiden Drachenreiter sind wegen den Ereignissen mit denen ihr in Verbindung steht verletzt worden und hier in Arrest. Habt ihr eigentlich einen Hauch einer Ahnung welch Ärger den Herren nun blüht? Habt ihr auch nur eine Vorstellung welcher Ärger EUCH blüht wenn meine Geduld weiter leidet? Also hättet ihr nun die G ü t e etwas genauer zu werden? Wieso wollten diese Leute von d`Lenfer euch an den Kragen? Wie steht ihr mit diesem Kaufmann und der Schatulle in Verbindung?“ Es wurde Zeit die Karten auf den Tisch zu legen.

Tatsächlich begann Scimitar zu erzählen. Klar und ausführlich. Die Magierin unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. So langsam begann sich alles zu fügen. Dieser Kaufmann hatte aus unbekannter Quelle eine Schatulle mit einem Artefakt darin. Eines das diese seltsame Organisation, die sie Malar und Bran mitsamt dem Manticor und unzähliger Weiterer für Experimente gefangen gehalten hatte, gehörte. Eines das sie wohl zurück wollten. Dafür bedienten sie sich d`Lenfer und seiner Schergen. Dieser Racoonis wusste nichts von dem Artefakt, aber wie der Kaufmann aussieht, und auch das Kästchen und er wusste auch wo sich ihre Wege getrennt hatten.
„Vielen Dank für die ausführliche Schilderung der Ereignisse. Klingt nach einem Artefakt das für sehr viel Aufregung sorgt.“ Bemerkte die Weißhaarige und erhob sich mit einer fließenden Begebung.. „Mir steht übrigens auch noch eine Schilderung bevor, und zwar gegenüber der Stadtwache, und womöglich auch gegenüber dem magischen Institut. Wahrheiten sind interessant. Finden ihr nicht auch? Sie unterliegen fast immer einem massiven persönlichen Blickwinkel und erheblichen Interpretationsspielraum.“ Nachdenklich griff sie an ihr Kinn. „Habt ihr edler Recke ein armes bedrängtes Fräulein in Nöten vor dem Zugriff dieser Rüpel beschützt, oder habt ihr einfach so ein Messer geworfen und eine Schlägerei vorm Zaun gebrochen bei der mehrere verletzt und eine Taverne ramponiert wurde? Was ist mit eurem Schwert, ist es gefährlich? Und ihr? Womöglich fallt ihr gar nicht in die Zuständigkeit der Garde sondern jener der Magier? Vielleicht sollte jemand aus dem Hause Opal euch und eurer Schwert einer genaueren Untersuchung unterziehen. Hmm. Schwierig schwierig... “

Die Magierin wirkte ruhig und gefasst, genau so wie ihre Stimme der es jedoch an jeglicher Wärme fehlte. Berechnung und Kalkül war alles das die Magierin gerade antrieb während sie etwas näher auf den Waschbären zu schritt. „Herr Racoonis? Ich habe Euch ein Angebot zu unterbreiten bei dem wir uns sicherlich Handelseinig werden. Begebt euch in meine Dienste, und übernehmt drei Aufträge für mich. Drei die ihr euch nicht aussuchen, oder ablehnen dürft. Ich werde euch dafür sogar entlohnen. Fair versteht sich. Wenn ihr einwilligt, dann schätze ich landet ihr weder am Schafott noch auf einem Seziertisch. Na was sagt ihr? Haben wir eine Übereinkunft?“
Ein Angebot? Was die Magierin ihm da vorschlug war schlichte Erpressung und zwar von der übelsten Sorte. Scimitar blieb im ersten Moment regelrecht die Spucke weg. So ein impertinentes Weibsbild! Sämtliche Läuse, Flöhe und sonstiges Ungeziefer sollte sich in den weißen Zotteln dieser Hexe einnisten und nach Tunlichkeit fleißigst für Nachwuchs sorgen. Erst fummelte sie ihm am Pelz herum, während er wehrlos in den Tiefen der Bewusstlosigkeit darnieder lag, dann kanzelte sie ihn ab wie einen Welpen und nun hatte sie noch die Frechheit, ihn zu bedrohen, zu erpressen! Wütend knurrte er die Gräfin an und fletschte die Zähne. Wäre er in Freiheit würde er sich Askarton schnappen und das Weite suchen, am besten weit weg aus dieser Altvorderen verdammten Stadt. Aber er hockte in diesem fünfmal vermaledeiten und verfluchten Knastloch mit einem stinkenden, stockbesoffenen Säufer, zwei Drachenreiter, die nicht Manns genug gewesen waren, ihm in männlicher Solidarität gegen dieses Magierweib beizustehen und eben mit dieser selbst. Und zu allem Überfluss kicherte von der anderen Seite auch noch Lotti. Die verdammte Hure hatte Ohren wie ein Luchs und hörte immer alles das, was sie einen Dreck anging. Wie eben genau das jetzt! Und zu allem Übel beließ sie es nicht bei Gekicher, nein, das Weibsbild musste auch noch ihren Senf dazu geben. >Scimitar, hat den unzähmbaren Waschbären jetzt eine Frau an der Leine? Noch dazu eine Hochwohlgeborene?< „Halt dein Schandmaul Lotti!“ fauchte er in Richtung der Hure, die ihn aber nicht weiter beachtete, sondern lieber den weißhaarigen Riesen anschmachtete und gelegentlich auch den Rotschopf mit musternden Blicken bedachte.

Wieso mussten die Weiber auch immer zusammenhalten, also zumindest indirekt? Mit noch mieserer Laune als zuvor wandte er sich wieder Atevora zu.

„Soll das eine Drohung sein?“
>Ich erwähne Möglichkeiten …< Einige Momente starrten sich Waschbär und Magierin in die Augen, die Spannung in der Luft war beinahe greifbar. Dann, nach einigen bangen Augenblicken, wo man nicht wusste ob der Waschbär der Gräfin an die Gurgel ging oder ob diesem dem Nager einen Zauber an den Hals schickte, wandte Scimitar den Blick ab. „Nun gut, ich geh auf den Handel ein. Drei Aufträge Aber nur, wenn auch mein Schwert vor jeweder magischen Forschung bewahrt bleibt.“ So sehr er und der magische Zahnstocher sich auch gegenseitig immer wieder aufrieben, im Grunde konnten sie zwar ohne einander, wollten es aber nicht. Und in diesem Moment war er sehr froh, dass das Schwert in Lisbeths Obhut war. Zumindest hatte Caius das behauptet und warum sollte der ihn anlügen? >Natürlich, für mein Dafürhalten ist es euer Eigentum. Ich werde es von jeglicher magischen Forschung unangetastet lassen.< akzeptierte die Magierin. Scimitar grunzte zur Bestätigung, dann streckte er Atevora die Pfote hin. Es war nur ein Auftrag beziehungsweise zwei oder drei. Und wer sagte schon, dass man seinem Auftraggeber trauen, oder ihn gar mögen musste? Er für seinen Teil würde der weißen Hexe auf keinen Fall seinen pelzigen Hintern zudrehen.
Glanz und Glorie waren so ziemlich das Letzte worüber Athaín gerade nachdachte. Er hatte andere Sorgen, wobei die Wunde an seinem Arm - obwohl sie inzwischen, wo das Blut nicht mehr heiß und aufgepeitscht durch die Adern pumpte, zu schmerzen begann - zu den eher kleineren zählte. Es war weder die erste noch die schwerste Verletzung die er jemals erlitten hatte, und ganz sicher würde es auch nicht die letzte sein. Warum er und Caius sich nicht einmal aus einer Schlägerei heraushalten konnten während sie bereits auf Strafdienst waren, würde allerdings das zentrale Thema einer hochnotpeinlichen Befragung sein, und er konnte Windmeister Gavrons enttäuschten Blick schon jetzt auf seiner Haut brennen spüren. Wären es Zorn oder Ärger gewesen, hätte sich der Drachenreiter weit weniger darum geschert. Aber das Gefühl versagt zu haben war etwas, womit er nicht gut umgehen konnte. Und sie hatten versagt. Nicht einmal ein Entschuldigungsschreiben und etwas Bestechungsgeld konnten sie anscheinend überbringen ohne sich einen Haufen Ärger einzuhandeln. Und wofür? Letztendlich nichts, was in irgendeiner Form in den Kompetenzbereich des Ordens fiel. Athaín brummte missvergnügt, zog dann jedoch einen Mundwinkel zu einem halben Lächeln hoch als er von seinem Schwingenbruder angestupst wurde, begleitet von der Frage ob es ihm gut ginge. "Keine Sorge, Kleiner. Tut nur beim Lachen etwas weh", gab er zurück. "Was ist mir dir? Alles noch da wo es hingehört?"

Direkt vor ihm raschelte feine Seide und der Duft nach sauberem Weib und einem delikaten Duftwasser stieg ihm in die Nase. Er hätte auch ohne Zwitscherstimmchen erraten wer es war. „Wundsäuberung mit Alkohol?“ erklang es in einem Ton, als hätte man der Dame vorgeschlagen Dung zu benutzen. Der Drachenreiter fragte sich womit denn wohl sonst, denn natürlich war es Usus, zur Erstversorgung eine Runde Hochprozentiges über eine offene Wunde zu kippen. Das beugte einer Infektion vor. Die Salben und Pülverchen der Quacksalber hatte man im Feld kaum zur Verfügung. Auf eine Diskussion darüber hatte er jedoch keine Lust. "Tut was ihr für richtig haltet", brummte er deshalb nur und ließ sich das Hemd über den Kopf streifen, da dies anscheinend für unumgänglich nötig erachtet wurde. Die Narben in seinem Fleisch bekam er selbst eher selten zu Gesicht. Von den meisten wusste er nicht einmal wie sie aussahen. Manche konnte man mit den Fingerspitzen ertasten, andere waren schlecht verheilt und machten sich hin und wieder bemerkbar. Bisher hatte er Glück gehabt, und keine schränkte ihn ernsthaft ein. Darum gebeten sie auf seinem Körper spazieren tragen zu dürfen hatte er jedoch sicher nicht. "Die Wunde, die Ihr versorgen wolltet, befindet sich an meinem Arm, Frau Magistra", konnte sich Athaín eine Replik auf den vorlauten Kommentar nicht verkneifen, und wies dazu mit dem Finger auf die entsprechende Stelle. "Wenn Ihr aber zu zartbesaitet für den Anblick von Narben seid - einen Lappen darum wickeln kann ich auch noch selbst."

Das Fräulein Etepetete beschloss dann aber doch sich selbst zu bemühen. Vielleicht gehörte das zur Berufsehre oder so etwas in der Richtung. Athaín nickte nur auf die Bitte um Verzeihung hin - er wusste nicht wirklich wofür diese gedacht war - und ließ sie werkeln. Von der Behandlung selbst bekam er nicht viel mit, was er einerseits als positiv empfand, andererseits jedoch auch ein wenig skeptisch war. Für gewöhnlich schmerzte es ordentlich, wenn die Heiler ihren Sud in die Wunden träufelten oder Fremdkörper entfernten. Da es nun so gar nicht schmerzte, konnte der Blinde auch nicht verfolgen ob überhaupt etwas gemacht wurde, außer Sprüchlein zu rezitieren. Er musste wohl einfach auf die Quacksalberkünste der Magierin vertrauen und später auf dem Drachenfelsen jemanden drüber sehen lassen. Denn wer bei Schlägen auf den Kopf empfahl viel Wasser zu trinken - bei dem empfahl sich wohl eine Überprüfung. Die ganze Zeit über hielt der Drachenreiter still, bis er dann plötzlich eine Bewegung dicht vor seinem Gesicht spürte.

Ebenso plötzlich fand sich das Handgelenk der Dame im reflexartigen Griff kräftiger Männerfinger wieder, die es gewohnt waren ein Schwert zu halten und entsprechend zupacken konnten. Athaín brummte leise und ließ sofort wieder los, sobald er merkte was er da gefangen hatte. "Himmelarsch..." Den Rest verschluckte er und besann sich auf seine Manieren. "Könntet Ihr freundlicherweise einen Ton sagen, wenn Ihr Eure Aktivitäten von meinem Arm zu meinem Gesicht verlagert? Ich sehe nicht was Ihr da treibt. Verzeiht wenn ich grob war. Das war keine Absicht." Was im Folgenden passierte bekam er ebenfalls nicht mit, nur dass Caius gebeten wurde etwas zu öffnen. Kurz darauf tönte es merkwürdig als hätte man ein größeres Insekt zertreten. Bevor Athaín jedoch nachfragen konnte, legte sich eine Hand auf seine Brust und er sog scharf die Luft ein bei der plötzlichen Kälte die ihn durchfuhr. Sie war jedoch nur im ersten Moment unangenehm, dann schien sie sich auszubreiten und tatsächlich wohltuend auf die eben noch schmerzenden Stellen zu legen. Bei den Altvorderen, das waren verdammt viele! Der Drachenreiter hatte sie zuvor nur als undefinierbares Schmerzknäuel wahrgenommen.

So vom Schmerz einigermaßen befreit - das Pieksen der Nadel war der Rede nicht wert - war es doch sehr viel einfacher der Stimme seines Schwingenbruders zu lauschen, welcher den Brief vorlas. Ein wenig stockend zwar, aber der Blinde war sicher der Letzte, der sich darüber beschweren wollte. Während er noch damit beschäftigt war sich einen Reim darauf zu machen, verlangte bereits die Magierin nach dem Schreiben, und dem Rascheln zufolge nahm sie es auch an sich, noch während sie dabei war ein weiteres Loch durch seine Haut zu pieksen. "He, Fräulein Tausendsassa", erinnerte er sie. "Mir wäre wohler wenn Ihr Euch auf eine Sache konzentrieren könntet. Kann ich davon ausgehen dass Ihr hier fertig seid und keine Nadel in meinem Arm vergessen habt?"

Dass dieser Waschbär namens Scimitar ein zwielichtiger Vogel... nun ja... Pelzträger war, wusste man inzwischen. Auch in der Taverne hatte er sich schon um klare Antworten herumgedrückt. Dass er in die Verschwörung verstrickt war, die das Schreiben offenbarte, bezweifelte Athaín jedoch. Das war eine Nummer zu groß für jemanden, der sein Schwert meistbietend vermietete und bei Huren unter die Röcke kroch. So offenbarte es sich dann auch. Scimitar hatte scheinbar nichts von dem Artefakt gewusst, von dem im Brief die Rede war, sondern war lediglich angeheuert worden um die Ladung zu bewachen. Dann war der Konvoi von diesen Schergen überfallen worden, zu denen anscheinend auch die Kerle im Gasthaus gehört hatten, und nun war auch mehr als offensichtlich warum sie hinter dem Waschbär her gewesen waren. Sie suchten wohl nach diesem leuchtenden Kasten und waren der Meinung er wüsste wo dieser abgeblieben sei. So weit, so klar. Anstatt sich allerdings darüber einen Kopf zu machen, wo er sich denn wirklich befand und wie man ihn möglicherweise zuerst in die Finger bekam, hatte die Magieren wohl andere Pläne.

Zur männlichen Solidarität kam es indes nicht. Bevor er oder Caius noch etwas dazu sagen konnten, war der Waschbär bereits auf die räuberische Erpressung eingegangen und hatte eingeschlagen. Nun ja, wenn man es denn so eilig hatte sich unter die Fuchtel eines äußerst unangenehmen Weibsstücks zu begeben, konnte einem wohl nicht wirklich jemand helfen. Athaín schüttelte den Kopf. "Und wie kommen wir nun an diese Kiste heran?" sprach er stattdessen ein Thema an welches ihm äußerst wichtig erschien. "Das Ding könnte schließlich sonstwas sein. Wo finden wir diesen Kaufmann, bevor er es weiter verhökern wird?"
Der Umgang mit seinem Schwingenbruder war ihm so schrecklich vertraut, dass er in seiner Gegenwart beinahe unbewusst auf nonverbale Kommunikation verzichtete, wie Kopfschütteln oder Nicken und solche Sachen. Am Anfang hatte das noch zu viel verwirrung und seltsamen Phasen des Schweigens geführt, während jeder darauf wartete, dass der Andere das Gespräch weiter führte. Aber mittlerweile, klappte das ganz gut. “Ja, ich denke bei mir ist noch alles dran und da wo es hingehört! Dank deiner Hilfe!” aber irgendwie war das meistens keine Seltenheit. Cai war nur die Ablenkung und der Überraschungsangriff, während Athaín die Angriffe einsteckte. Aber, jeder hatte seine Stärken und Schwächen und hatte seine Aufgabe in diesem Gespann. Und es funktionierte.
“Mir geht es gut, ich hab nur ein paar Kratzer und viele Blaue Flecken…” nuschelte er in seinen nicht vorhandenen Bartwuchs hinein, als die Magierin ihm jovial anbot, dass sie sich auch um ihn kümmern würde, wenn er denn Verletzungen hätte. Aber… gleichzeitig war sie schon damit beschäftigt, Athaín aus seinem Hemd zu schälen, wegen der medizinischen Behandlung natürlich. Aber trotzdem würde er einen so direkten Vergleich mit seinem Schwingenbruder, nicht riskieren. Zumal er nur zu gut wusste, dass er hier nur verlieren konnte. Trotz des ganzen Trainings war er immer eher drahtig und schlank geblieben und hatte nie sehenswert an Muskelmasse zugelegt und gegen den äußerst athletischen und groß gewachsenen Athaín, konnte er also nur den Kürzeren ziehen. Also nein, das war der Mühe nicht wert.
Seine Brauen wanderten jedoch fragend nach oben, als die Magierin dann auf einmal ihn anstarrte, kaum dass die Bemerkung zu den Narben ihren Mund verlassen hatte. Ja, er hatte auch ein paar Narben, wenn es darum ging. Sicherlich nicht so viele wie sein Schwingenbruder, aber das eine oder andere Mal hatte es ihn auch erwischt, aber: “Es... lässt sich bei der Berufung kaum vermeiden, dass man nicht hin und wieder ein Andenken behält.” antwortete er mit einem leichten Schulterzucken.

“Das ist keine…” gute Idee. Cai war für den Hauch zu langsam gewesen, den es gebraucht hatte dass die Magierin ihre Hand nach Athaíns Gesicht auszustrecken. Einen blinden ungefragt ins Gesicht zu greifen war einfach kein sehr guter Einfall, schon gar nicht wenn es sich dabei um einen Drachenreiter handelte. Der weißhaarige bewies auch prompt seine Reflexe, indem er sie bei der Hand packte und deftig zu fluchen begann.
Cai entschloss sich, dass es besser war wenn sie das unter sich klärten, da brauchte es keine Einmischung...
Er beobachtete jedoch neugierig wie sie die Wunde seines Schwingenbruders säuberte und behandelte, bevor sie ihm auch prompt einen verkorkten Tiegel unter die Nase hielt, mit der Bitte ihn zu öffnen “Aber natürlich…” der Korken steckte immerhin nicht so fest in dem kleinen Gefäß, dass er sich blamierte und er konnte schon bald einen interessierten Blick hinein werfen “Was ist das denn?” wollte er auch gleich wissen, bevor er sich daran erinnerte dass er ihr den Tiegel ja zurück geben musste.

“Nein, mehr steht da wirklich nicht drin…” bestätigte er, während er den Brief kurz umdrehte, als wolle er sich vergewissern, dass die Rückseite nicht noch irgendein Geheimnis verbarg, aber da war nichts mehr.
“Äh… sicher…” er hielt Atevora den Brief hin, während er fast ein wenig abwesend klang. Er war doch nicht etwa abgelenkt, von der Dame in der nächsten Zelle, die gerade an ihrem Dekoltee herum zupfte und die Lippen schürzte. Aber nein, natürlich nicht! Es war reiner zufall, dass er sich durch die ohnehin schon wirren Haare strich und verschmitzt zurück lächelte, als Lotti ihm eine Kusshand zuwarf.
Seine Aufmerksamkeit schnalzte aber auch prompt wieder zurück zu seinen Zellengenossen, als Atevoras Stimme ärgerlich durch den kleinen Raum schnitt.
Moment, was hatte er gerade verpasst?
Zum Glück anscheinend nichts sonderlich wichtiges, denn Scimitar begann zu erzählen und war eigentlich erst dabei seine Fragen wirklich zu beantworten.
Der Waschbär schien einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort, oder vom falschen Händler beschäftigt worden sein. Zumindest klappte Cai schon den Mund auf um seine unerwünschte Meinung zu dem ganzen Thema abzugeben, denn auch er war der Meinung, dass dieser Umganston nicht wirklich gerechtfertigt war. Aber Scimitar hatte sich darauf eingelassen bevor mehr als zwei zusammenhängende Silben aus seinen Mund gekommen waren.
Er schnaubte leise “Wir beide können gar nichts tun, zumindest nicht bis sich irgendwer her bemüht und uns wieder auslöst." stellte er fest, während er Athaín eine Hand auf die Schulter legte, während er sprach. Die hellhaarige Magierin war ja nur zu Besuch hier und der Waschbär hatte sich gerade eben auf einen Handel für drei Aufträge mit ihr eingelassen, wenn sie es eilig hatte, dann konnte es also gut sein dass sie sich darum kümmerte, das Scimitar wieder frei kam. Den Drachenreitern blieb unterdessen wohl nichts weiter… als zu warten bis man sie wieder abholte.
Ein Wort das Athain gut beschrieb? Verschwendung.
Es wäre besser die Götter dieser Welt würden ihm zu seinem Augenlicht auch noch die Stimme rauben, dann könnte er sich zu seinem Glück nicht mehr artikulieren wie ein bärbeißiger Hausdrache. Glücklicherweise war Caius umgänglicher, ein typischer Jungspund wie er im Buche stand. Einer der sich nicht gröber verletzt hatte, wie er gerade versicherte. „Ich bin froh, dass es euch nicht schlimmer erwischt hat.“

Also begann sie sich der Übung wegen und um Scherereien möglichst gering zu halten, um den hellhaarigen Rüpel zu kümmern. Als er grob Atevoras Hand packte erschrak die Gräfin. Der schnelle und zielgenaue Reflex kam völlig unerwartet. Als er sie dann auch noch verbal anbaffte und sie sich der Grobheit des Griffes gewahr wurde, besserte sich der Gräfin ohnedies schon recht fragile Laune natürlich nicht sonderlich. „Wen hattet ihr erwartet, wenn ich und nur ich direkt vor euch bin? Den geheimen Schlächter von Sankt Nimmerlein, die backenkneifende Oma Gertrud, oder den Vampir Bumsti?“ Die Magierin rieb sich die Stelle an der sie der Mann gepackt hatte. Sein Griff war wie der einer Schraubzwinge gewesen. Man konnte förmlich den Abdruck seiner Finger am Unterarm erkennen. Wie Atevora doch Handgreiflichkeiten ihr gegenüber verachtete. Die Entschuldigung zur Handgreiflichkeit besänftigte sie da auch nur geringfügig. „Und grob, ja das wart ihr. Ihr seid schon die ganze Zeit grob zu mir.“ Zu Athains Glück gehörte die Magierin zur seltenen Spezies der unerhörten Perfektionisten, darum würde sie trotz des Ärgers der zäh und schmierig in ihrer Magengegend waberte, ihre Arbeit gewissenhaft ausführen. Leider kam ihr bei ihrem Vorhaben kurz ihre fehlende Muskelkraft in die Quere. Ein lästiger Zustand, aber die gute Bleichnase wäre nicht sie selbst, wenn sie sich nicht zu helfen wüsste. Wozu hatte man auch weitere Männer im Umfeld? Die ließen bekannter Maßen gerne die Muskeln spielen. Gedacht getan. „Ihr seid mein Held! Vielen Dank, Caius.“ Mit diesen Worten nahm sie dem Jungspund das Behältnis wieder ab. „Zauberkomponenten.“ Entgegnete sie auf seine Frage zum Inhalt und wusste, dass sie das Ganze sicherlich genauer hätte beschreiben können. Nur stand ihr nicht der Sinn danach jemandes Kopf mit Informationen zu füllen der diese nicht gebrauchen konnte und kümmerte sich stattdessen zielgerichtet und fachkundig um die Verwundungen.

Es dauerte indes nicht lange, da schwappte eine neue verbale Beißattacke seitens Athain zu ihr herüber. Natürlich beendete sie heikle Arbeiten und ließ keine Nadeln in einem Arm stecken, .. nun.. jedenfalls nicht mehr. Was war dieser Kerl, ein pampiges unerzogenes Balg? War es so selbstverständlich dass man sich gefälligst kostenlos um seine Wunden zu kümmern hatte mit aller gebotenen Kunst, dass er sich diesen Tonfall herausnehmen konnte? Die Magierin beschloss sich ganz spontan nicht angesprochen zu fühlen. „Hier ist kein Fräulein Tausendsassa, aber wenn ich sie treffe übermittle ich ihr vielleicht eure Fragen. Im Übrigen könnt ihr nur von einem ausgehen und zwar davon: Es war keine Selbstverständlichkeit, dass jemand einfach so kostenlos eure Wunden versorgt. Dennoch denkt ihr nicht im Traume daran euch zu bedanken. Stattdessen stellt ihr auf dreiste Art erneut eine Forderung wie man mit euch umzugehen hat. Dabei gilt in der Regel das ungeschriebene Gesetz: Wenn ihr es nicht für nötig erachtet freundlich, höflich und fürsorglich zu agieren, dann wird es auch keiner für nötig erachten euch etwas davon entgegen zu bringen.“

Aktuell gab es Wichtigeres mit dem es sich zu beschäftigen galt, als mit diesem dreisten Kerl der bei den rudimentärsten Gepflogenheiten die Zeit am Scheißhaus verbracht haben muss, denn die Skizze die sie auf dem Schreiben gesehen hatte trieb ihr einige äußerst unangenehme Erinnerungen ins Gedächtnis. Hier galt es Dringlichkeit walten zu lassen, die Obrigkeit zu informieren und der Waschbär musste zur Mitarbeit bewegt werden. Vorbei war es mit Artigkeiten und moralisch korrektem Vorgehen oder langem herumlamentieren. Kurzum sie erpresste den Waschbären. Entweder er würde tun was sie wollte, oder sie würde dafür sorgen dass er sich wünschen er wäre niemals geboren worden. Den Ernst der hinter Atevoras Worten stand erkannte das kluge Pelzwesen offenbar ebenso wie der Magierin inzwischen reichlich angeschlagenem Geduldsfaden. So Fackelte er nicht lange herum willigte zähnefletschend ein.
„Ausgezeichnet.“ Natürlich besiegelte sie den Handel mit einem Handschlag. Wie wundervoll warm wuschlig der pelzige Handrücken von Scimitar doch war! Aber der Blick den er ihr schenkte erdolchte sie förmlich. „Vermutlich habe ich jede Verwünschung die ihr euch gerade denkt verdient.“ Die Magierin schmunzelte selbstironisch.

Kaum war das Geschäft besiegelt, zog Athain mit seiner Frage die Aufmerksamkeit wieder auf sich. Caius Antwort brachte es auf den Punkt. Sie konnten im Moment überhaupt nichts tun. Sie selbst hatte nichts gegen Kooperationen mit dem Ordo Draconis, aber Athain war nicht nur auffällig wie ein bunter Hund, sein benehmen blieb ebenso im Gedächtnis wie ihn vermutlich ärger ob dieser Schlägerei erwartete. Ob er die richtige Besetzung für das war, das sie im Sinn hatte war mehr als fraglich. Ebenso ob einer der beiden Reiter in nächster Zeit überhaupt noch für irgend eine Unternehmung zur Verfügung stand. Caius hatte ihrer Meinung nach jedenfalls Potential.
Mit einem bekräftigenden Nicken stimmte sie seiner Anmerkung zu.
„Apropos Kiste. Ich möchte in den Besitz dieser Kiste inklusive des beschriebenen fraglichen Inhaltes gelangen. Und da ihr wisst wie die Kiste, der Inhalt und dieser Kaufmann aussehen, sowie wo er sich zuletzt befand, ist das auch mein erster Auftrag an euch Scimitar. Besorgt mir Beides so rasch wie irgend möglich. Mir ist egal wie und wer euch dabei hilft, und solange ich nichts Gegenteiliges höre, werde ich davon ausgehen, dass alles mit legalen Mittel geschieht.“ Was nicht bedeutete, dass sie von Scimitar erwartete wirklich nur legale Mittel zu benutzen. Sicherlich war des Waschbären Gehör geschult genug um dies aus der Formulierung heraus zu hören. „Aber zuerst müsst ihr hier natürlich heraus. Bei euch Beiden.“ Damit blickte sie mit ernster Miene zu den Drachenreitern. „Sofern es noch nicht geschehen ist, werde ich veranlassen, dass der Ordo Draconis verständigt wird, und weil ich Caius so nett finde werde ich so gut mir möglich ist Schadenbegrenzung betreiben. Wegen Athain werde ich tief in die Argumentationstrickkiste greifen müssen. Ein blinder Drachenreiter der in einer überfüllten Taverne scharfe Schwerter schwingt. Wie das schon klingt. Einfach Grandios...“ Die Magierin schnaubte missvergnügt.
Damit packte sie ihre sieben Sachen. „Lotti? Ihr besitzt eine so angenehme und deutlich lautere Stimme als ich. Könntet ihr mir den Gefallen tun und nach den Wachen für mich rufen? Mir fällt sicherlich etwas ein diese Freundlichkeit zu erwidern.“
>Mit Vergnügen, meine Süße!< flötete Lotti, zwinkerte der Magierin zu, schickte Caius noch ein Küsschen und marschierte dann mit wackelndem Hinterteil ans andere Eck ihrer Zelle. Dort steckte sie zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus, der Scimitar in den empfindlichen Waschbärohren gellte und ihm ein Knurren entlockte. Verdammte Weiber allesamt!

>Hey Bertran, schwing dein zuckersüßen Fahrgestell mal hier rüber!<
>Sssssscht Lotti, bist du wahnsinnig? Erzähl doch gleich Acceptis, dass wir uns etwas … naja … näher bekannt … also …< Der junge Wachbeamte war krebsrot, als er den Zellengang herunter geeilt kam.
>Verdammt, was willst du? Ich hab dir gesagt, ich kann nichts für dich tun, außer dafür sorgen dass du allein in der Zelle bleibst. Warum glaubst hab ich den ganzen Haufen da zu dem Suffkopf gesteckt?<
>Schon gut, geht ja nicht um mich. Die Lady dahinten hat Sehnsucht nach deiner Gesellschaft.<

Bei diesen Worten wies sie auf die Magierin. Scimitar verdrehte die Augen. Dachte diese weißhaarige Erpresserin etwa, sie konnte hier so einfach mit den Fingern schnippen und die Wachen sprangen oder machten Männchen wie dressierte Hunde? Innerlich grinste er hämisch, freute er sich doch schon auf die Standpauke, die Madame Oberschlau gleich von der Wache bekommen würde. Aber das Grinsen blieb ihm im Hals stecken, als dieser Bertram nach einigen kurzen geflüsterten Worten doch tatsächlich die Zelle aufschloss und die Magierin an seiner Seite davon stolzierte. Was bei allen Altvorderen und dreimal verfluchten Schatten hatte das zu bedeuten? Wer war diese Person? Das mulmige Gefühl, dass er seit seiner Dienstverpflichtung im Magen verspürt hatte, verstärkte sich nochmal.

„Verdammter, dreimal verfluchter Eichhorndreck!“ Vor Wut kickte er einen Stein von sich, der prompt am Hintern des schnarchenden Säufers landete. >Hey, lass das, kann man hiel nicht mal seinen Lausch in Luhe ausschlafen veldammte Saubande!< grunzte dieser. Am liebsten würde der Waschbär seinen Frust jetzt an dieser Type auslassen, aber die kleine Stimme der Vernunft, die ja doch in seinem pelzigen Schädel wohnte, raunte ihm zu, dass das eine verdammt schlechte Idee wäre, saß er ohnehin schon ziemlich tief in der Scheiße. „Schlaf weiter!“ war seine einzige Reaktion und ließ sich möglichst weit von diesem Menschen entfernt an die Wand gelehnt nieder. Lotti machte von der anderen Zelle her immer noch nonverbale Flirtversuche in Richtung der beiden Drachenreiter (anscheinend hatte die Hure nicht mitbekommen, dass Aithan sie nicht sehen konnte, naja sie war halt nicht die hellste Kerze im Raum). An jedem anderen Tag hätte Scimitar diese Szenerie belustigend gefunden aber heute war er absolut nicht in Stimmung für solch Blödheiten. „Gib doch Ruh du dämliche Schnalle!“ brummte er kaum hörbar in seinen Bart. In seinem Hirn ratterte es. Wie sollte er nur diese Schatulle mit was auch immer darin beschaffen? Immerhin war er sich sicher, dass sie sich im Haus des Kaufmannes befand, denn der Karren zum Kontor war ohne selbige davon gefahren. Und der fette Geldsack hatte immer wieder >Nur ein Siebentag, nur ein Siebentag< in sein dreifach Kinn gemurmelt, während ihm der Angstschweiß auf der Stirn stand und er sich, das Kästchen unter seinem Mantel an die Brust pressend, immer wieder umgesehen hatte und sich den Hals dabei fast wie eine Eule verdrehte.

Aber zuerst musste Scimitar aus diesem Loch raus und da konnte er wohl nur auf Lady Atevora vertrauen, auch wenn ihm das in keinster Weise in dem Kram passte. Frustriert schnippte er einen Kiesel über den Boden. Nun ja … „Sagt kennt ihr Schnittack?“ wandte er sich an die Drachenreiter. Gut, dieses Spiel, bei dem es darum ging, den eigenen Kiesel möglichst nah an einen Ziel Kiesel zu schnippen ohne diesen zu verschieben, mit einem Blinden zu spielen war nicht gerade fair. Aber war das Leben fair? Und bevor sie hier herum hockten, konnten sie genauso gut ein dämliches Gossenspiel spielen. „Um eine Runde Bier im Wichtel …. Sofern sie uns da noch reinlassen … wie wär‘s?“
Was nur stimmte mit dieser Dame nicht? Athaín konnte sich keinen Reim darauf machen. Er hatte sich erschreckt, sein Körper hatte vor ihm reagiert, er hatte sich erklärt und entschuldigt. Was ehrlich gemeint war, denn es tat ihm wirklich leid. Er hatte sie nicht hart anfassen wollen. Rückgängig machen konnte er es nicht, es blieb nur die Bitte um Verzeihung. Jeder gewöhnliche Mensch hätte daraufhin seinen Ärger heruntergeschluckt, es verstanden und mit einem gemurmelten Mein Fehler seinen Teil der Schuld auf sich genommen - selbst dann wenn er gar nicht daran schuld war. Es waren einfach Floskeln, die man austauschte um zu vermeiden dass man aneinander geriet. Diese Frau schien davon jedoch noch nichts gehört zu haben. Sie benahm sich... wie ein nicht sonderlich wohlerzogenes Kind, was seinen Willen nicht bekam. Das war merkwürdig. Vorhin in der Taverne hatte sie sich anders verhalten, sogar als der Kerl zudringlich wurde. Die heftige Reaktion jetzt konnte er sich nicht erklären.

"Es könnte alles Mögliche sein", erkärte er deshalb in ruhigem Ton. "Ihr wisst es nicht, wenn Ihr es nicht seht. Wenn Caius plötzlich seine Hand in Richtung Eures Gesichts schnellen lässt, werdet Ihr die Augen zusammenkneifen. Ihr könnt dagegen nichts tun, Euer Körper reagiert einfach. Erst danach schaltet sich Euer Verstand ein und sagt Euch, dass es nur der liebe, nette Caius ist. Es ist ein Reflex. Ich habe andere Reflexe als Ihr, aber ich kann mich genausowenig dagegen wehren. Ich kann Euch nur sagen wie Ihr es vermeiden könnt sie auszulösen." Es lag kein Anflug von Aufsässigkeit oder Häme in seinem Tonfall. Athaín konnte zuweilen abweisend sein, wofür er seine Gründe hatte. Er konnte auch gereizt klingen wenn man ihn nervte. Er wurde aber niemals pampig oder ließ sich auf einen dummen Streit ein. Wenn er nichts zu sagen hatte, hielt er den Mund.

"Die ganze Zeit?" Ehrlich erstaunt hob er den Kopf und legte ihn dann in Richtung Caius schief. Das Äquivalent eines fragendes Blicks. "Ist mir was entgangen?" Soweit es ihm bekannt war, hatten sie kaum Zeit gehabt ein Wort zu wechseln, geschweige denn grob zu werden. Aber vielleicht hatte er ja tatsächlich etwas nicht mitbekommen. Dann war es möglicherweise seinem Schwingenbruder aufgefallen.

Für den Rest der "Behandlung" verhielt sich der Hellhaarige ruhig und fragte auch nicht weiter nach was denn diese Komponenten waren. Es interessierte ihn auch nicht wirklich. Caius hätte sich schon gemeldet wenn er der Meinung gewesen wäre es würde ihm Schaden zufügen. Überdies fühlte sich die Wirkung von Wasauchimmer gut an, und selbstredend war er dankbar. Dass die Magierin noch an seinem Arm herumfummelte während sie bereits nach dem Schreiben griff, erschien ihm aber dann doch ein wenig suspekt, weshalb er lieber doch nachfragte - und erneut eine scharfzüngige und diesmal sogar für seine Begriffe recht anmaßende Antwort bekam. Athaín schüttelte den Kopf. "Dann darf ich mein Hemd also wieder anziehen und fragen wieviel mich Eure Gunst gekostet hat?" Natürlich hatte er nicht erwartet dass diese Dame irgendetwas aus reiner Freundlichkeit tat. Erstens erwartete er das von einer Magierin sowieso nicht, und zweitens hatte sie bereits dem Waschbären gegenüber deutlich zu verstehen gegeben woher der Wind wehte. "Ach ja und... Danke", fügte er der Vollständigkeit halber hinzu. Ohne Gezeter wäre der Dank wahrscheinlich herzlicher ausgefallen, aber darauf wurde wohl kein Wert gelegt. Dann würde es eben nur Silber geben. Welches Athaín derzeit nicht besaß, aber er würde es schon irgendwie auftreiben. Das nächste Mal beschloss er vorher nachzudenken. Er hatte sich überrumpeln lassen wie von einem Stiefelwichser beim Stadttor. In der Tat war das dämlich.

"Du hast wahrscheinlich recht", brummte er auf die Erklärung seines Schwingenbruders hin. Auch wenn man ihm anmerkte dass es ihm überhaupt nicht schmeckte, war es eine unbestreitbare Tatsache dass sie bis auf Weiteres hier festsaßen. Und danach würde erst einmal der Kommandant des Drachenfelsens ein Wörtchen zu verlieren haben. Der Hellhaarige hob die Hand, als die Magierin schon wieder ihre - sicherlich völlig kostenlosen und unverbindlichen - Dienste anbot. "Um mich müsst Ihr Euch nicht bemühen. Ich bin nicht sicher, ob ich mir weitere Gefälligkeiten von Euch leisten kann. Also betreibt, was immer Ihr wollt, bitte nur für Caius." Gavron wusste vermutlich ohnehin schon längst bescheid, da er über hervorragende Kontakte zur Bürokratie verfügte. Nun ja. Im Klartext hieß das, er wusste an welchen Stellen er die Räder schmieren musste. "Und du sei vorsichtig von wem du Gefallen annimmst", murmelte Athaín in Richtung seines Schwingenbruders. "Vor allem wenn er... oder sie... es tut weil du so nett bist."

Inzwischen hatte der Waschbär mit der Hure verhandelt, die wiederum ihrerseits etwas mit dem Wachmann ausgehandelt hatte. Auf jeden Fall durfte die Magierin wohl gehen, während der Rest von ihnen den Aufenthalt noch weiter genießen durfte. Ein Stein polterte durch die Gegend und der Besoffene beschwerte sich. Anscheinend hatte es Frau Magistra geschafft, sich bei dem Pelztier ebenfalls beliebt zu machen. "Ich passe, aber ich geb dir später gern ein Bier im Wichtel aus", grinste der ältere Drachenreiter, der sich naturgemäß nicht ausrechnete beim Schnittack große Chancen zu haben. "Oder... in unserem neuen Stammlokal, falls wir jetzt nicht in ganz Accipetris Hausverbot haben." Letzteres würde wohl eher nicht so sein, denn die Drachenreiter spülten Geld in die Kassen. Außerdem durften die Besitzer des Wichtels sicher auf eine großzügige Entschädigung hoffen. Die Athaín und Caius wahrscheinlich abarbeiten durften.
Cai konnte nicht anders, als mäßig interessiert und mit leicht hochgezogenen Brauen die Diskussion zu verfolgen, welche sich zwischen seinem Schwingenbruder und der blassen Magierin entfaltete. Es war… immerhin interessant zuzuschauen, wie sich das ganze entwickelte und sich eine Aussage auf die andere stapelte.
außerdem gab er sich Mühe, seine Hand recht unauffällig in Gesichtsnähe zu lassen, ein kratzen an der Nase, ein scheinbar nachdenkliches übers Kinn streichen, ein kurzes und leises Räuspern... alles um die zuckenden Mundwinkel zu verbergen. Denn auch wenn Cai jetzt nicht wirklich den Ruf hatte, dass er wusste wann es besser war sich zurück zu halten, war selbst ihm irgendwie klar, dass unbedachtes Gelächter ob der kuriosen Situation nicht wirklich hilfreich wäre.
Wurde alles immer schräger, noch dazu wurde er für das Öffnen des Fläschchens gleich zum Helden erklärt, auch wenn er keine wirklich zufriedenstellende Antwort auf seine neugierige Frage erhielt. Aber, was auch immer drin war, sah im besten Falle etwas eklig aus, aber nicht sonderlich gefährlich, also hakte er auch nicht nach. Und ihre sehr routinierten Bewegungen, als sie Athaín versorgte, sprachen davon, dass es ihr sicher nicht in Erfahrung oder Können mangelte. Es würde ihn nicht wundern wenn da nicht einmal ordentliche Narben übrig blieben… Aber sein Schwingenbruder hatte davon ohnehin schon genug, also…
Das einzige woran es zwischen den beiden scheinbar haperte, war an der Komunikation...

Cai hob jedoch abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf, kaum das Athaín den Kopf zu ihm drehte “Oh nein, schau mich nicht so fragend an.” antwortete er mit einem leichtfertigen, belustigten Schnauben “Der liebe, nette Caius wird sich da jetzt nicht mehr einmischen und irgendwem seine Grobheiten und Unzulänglichkeiten unter die Nase reiben. Ihr könnt beide gut austeilen, wenn ihr nicht einstecken könnt, ist das nicht mein Problem.” Nebenbei bemerkt, war er wohl kaum der Richtige um sich da jetzt als Vermittler zwischen die Fronten zu stellen, dazu fehlte es ihm an… Feinfühligkeit.
“Außerdem hast du mich bei der Sache mit der Schwarzhaarigen auch einfach sitzen gelassen. Und auch wenn die Geschichte jetzt nicht hierher gehört, kannst du es doch als die versprochene Retourkutsche sehen!”
Zwar würde er sich bereitwillig vor jedes Schwert und jeden Pfeil werfen, der auf seinen Schwingenbruder zielte und im Zweifelsfalle würde er sich natürlich auch auf Athaíns Seite schlagen, aber in manche Dinge musste man sich nicht einmischen, wenn es nicht unbedingt notwendig war...

Der mehr oder weniger zwangsverpflichtete Waschbär, bekam auch gleich seinen ersten Auftrag, welcher jetzt und in anbetracht der Situation nicht sonderlich verwunderlich war.
“Den Brief, kann ich den kurz noch mal sehen?” fragte er höflich, während bittend er die Hand danach ausstreckte. Er wollte auch wirklich nur noch mal einen kurzen Blick darauf werfen. Atevora hatte irgendetwas darauf entdeckt, was ihre Stimmung hatte umschwingen lassen und zwar nicht zum guten. Er war einfach nur Neugierig darauf, was es war. Auf dem Brief war doch eine Zeichnung gewesen, oder? Vorher hatte er wenig Aufmerksamkeit darauf verschwendet, was vielleicht ein Fehler gewesen war…
Auch ihm schmeckte die Tatsache, dass sie hier festsaßen bis man sie abholte, genauso wenig wie Athaín, aber derzeit und mit leeren Taschen konnten sie die Situation nun wirklich nicht ändern.
“Danke für euer Bemühen.” meinte er mit einem stillen Seufzen. Attribute wie lieb und nett jetzt nicht unbedingt solche mit denen er gerne betitelt wurde, oder die er angestrebt hätte. “Gavron macht sowieso nie und nimmer eine Ausnahme, schon gar nicht für uns!” er selbst gehörte nicht wirklich zu den Musterschülern des Drachenfelsen, denen man den ein oder anderen Fehltritt durchgehen ließ, indem man ein Auge zudrückte. Dafür… hatte er wahrscheinlich schon zu viele Fehltritte begangen. “Und ich glaube ihr werdet staunen, wie wenig man sich am Drachenfelsen über diese Geschichte wundern wird…” fügte er seinen Worten noch hinzu, welche er mit einem schmunzeln und einem leichten Schulterzucken an die Magierin er noch an die Magierin gewandt “Solltet ihr es trotzdem versuchen… Danke!”

Der Junge Drachenreiter schien sich daraufhin reichlich Mühe zu geben, der guten Lotti nicht mehr allzuviel Beachtung zu schenken, auch wenn diese ihr Bemühen noch immer nicht aufgegeben hatte.
Stattdessen ließ er sich, mit einem kurzen Lachen, auf eine Spiel Schnittack ein “Warum nicht? Ich hab schon Schulden, also so viel schlimmer kanns doch nicht mehr werden, oder?” auch wenn es ihn nicht wunderte dass Athaín aussetzte.
Er ging in die Hocke um einige passende Kieselsteine zusammen zu suchen, auch wenn er sich vorsätzlich aus der Umgebung des Betrunkenen fernhielt.
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