Lost Chronicles

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Auf einem Waldweg in der Nähe Accipetris

„Aua, aua, aua!“ „Jetzt hör mal auf zu jammern, du Weichei! Du bist ein Schwert und kein Sonnenschirm einer Lady.“ Scimitar verfluchte sich gefühlt das hundertste Mal für die Nachlässigkeit, die Schwertscheide seiner wehleidigen Waffe vor dem Antritt der Reise nicht ordentlich eingeölt zu haben. Dann würde dieser zimperliche Stahlhaufen zumindest unflätige Lieder grölen anstatt sich wie eine alte Jungfer zu gebärden. Mit elegantem Schwung platzierte er einen Oberhau, der seinen Gegner, einem Bandit, jedoch in der Taille, anstatt wie es eigentlich gehören würde, am Kopf traf. Das Ergebnis war allerdings dasselbe: Der Angreifer ging mit einem Rumps zu Boden, begleitet von einem erneuten Schrei Askartons. Innerlich verdrehte er die Augen: Wann würde sein Schwert endlich sein … was auch immer halten und sich aufs Kämpfen konzentrieren? Im letzten Moment nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und stach einem weiteren Angreifer in den Oberschenkel. „Aihhhh“ „Schnauze!“ Nie mehr ohne Öl! Mit einem Knurren drehte Scimitar sich einmal im Kreis, doch der Kampf war vorüber: Zu seiner Verwunderung hatte auch der Kutscher sich an der Auseinandersetzung beteiligt, während sein Auftraggeber, ein fetter Kaufmann, sich mit einer Geschwindigkeit, die man dem Klops gar nicht zugetraut hätte, unter der Kutsche verkrochen hatte. Die beiden Gesellen, die am zweiten Wagen die eigentliche Fracht, einen Haufen Krimskrams, bewachen sollten, waren ebenfalls nicht untätig geblieben, eben schlug der Jüngere der beiden den letzten Banditen mit einem Stock nieder.

Der Waschbär runzelte die Stirn. Das war keine Bande gewesen, die schon lange zusammen gearbeitet hat. Der Angriff war beinahe stümperhaft unkoordiniert gewesen. Und von den sechs Kerlen waren gerade einmal drei ernst zu nehmende Gegner gewesen, der Rest fiel eher in die Kategorie Tavernen Schläger. Und aus welchem, dreimal verfluchten Grund, sollte eine Bande Banditen einen Wagen mit Haushalts- und sonstigem Tand plündern wollen? Entweder waren das komplette Anfänger oder Idioten gewesen oder … Scimitars Blick wanderte zu dem Kaufmann, der eben schnaufend unter seiner Kutscher hervor kroch und sich umständlich mit der linken Hand den Staub vom Mantel klopfte. Mit der Rechten hielt er, wie der Waschbär eben erst bemerkte, krampfhaft irgendetwas fest, das in einen grauen Fetzen gewickelt war. Seine Geldkatze konnte es nicht sein, die hing nach wie vor an seinem Gürtel, mindestens genauso rund wie sein Bauch. Warum engagierte ein solch reicher Schnösel eigentlich einen Söldner, um eine Ladung Null-Acht-Fünfzehn Waren zu eskortieren? Vor allem, nachdem seine eigenen Leute durch aus in der Lage zu sein schienen, sich ihrer Haut zu wehren?  Scimitar könnte sich ohrfeigen: Hätte er nicht so dringend das Geld gebraucht, wäre er schon früher misstrauisch geworden. Denn irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Der fette Kaufmann mühte sich eben, wieder in seine Kutsche zu klettern und dabei verrutschte das graue Tuch und enthüllte einen Blick, auf ein Kästchen, das aus den Ritzen zwischen Deckel und Stauraum zu leuchten schient. Kassetten, und seien sie noch so wertvoll, leuchteten nicht von sich aus und Dinge, die in solchen verwahrt wurden, sollten das eigentlich auch nicht tun außer …. Dem Waschbären stellten sich die Nackenhaare auf. Das stank nach Magie! Ein Knurren löste sich wie von selbst aus seiner Kehle, während er unwillkürlich die Zähne fletschte. Unbewusst war er näher an die Kutsche heran getreten und da die Sonne bereits im Sinken begriffen war und sie sich in einem von Bäumen überragtem Weg befanden, war das Licht bereits sehr flach. Die Schatten fielen auf das Gesicht des Waschbären und der fette Händler, der ob des Überfalls ohnehin aschfahl im Gesicht war, schluckte. Scimitar konnte die Schweißperlen auf der kahlen Stirn sehen und seine feine Nagetiernase sagte ihm, dass der Klops sich vor Angst bald wohl in die Hose machen würde.

Es war aber bei allen Göttern auch ein beängstigender Anblick, ein bis an die Zähne bewaffneter Waschbär, mit blutigen Flecken im Pelz und gezücktem Schwert (das zu diesem Augenblick zum Glück die Klappe hielt). „Ich … ich … ich bezahl dich dafür, dass du mich beschützt. Ich bezahl dich gut, und mit diesen Strauchdieben bist du doch spielend fertig geworden!“ Bei diesen Worten hatte der Händler sich immer weiter in die äußerste Ecke der Kutsche zurückgezogen, nicht ohne jedoch das Kästchen fest an die Brust zu drücken. Flehentlich sah er zu seinen Angestellten, sowohl am Bock als auch beim zweiten Wagen. Diese machten jedoch keine Anstalten, sich einzumischen. Sie waren als Fahrer beziehungsweise für den Frachtwagen eingestellt und würden eher Schatten gefälliges tun, als etwas anderes als etwas anderes als ihre Aufgaben zu erledigen. Dafür zahlte der knausrige Mistkerl zu wenig. Scimitar hatte mittlerweile die Kutsche erreicht. „Ja du bezahlst mich. Als Eskorte für eine Wagenladung Haushaltskram. Und für dich, wobei mir noch immer nicht eingängig ist, warum ein Händler so eine Ladung selbst begleitet. Aber halt, die Antwort hat der edle Herr ja im Arm: Ein bezauberndes Kästchen und so außergewöhnlich. Würde auf magisch tippen. Ein Artefakt … aber ich denke mal, da du es zu verbergen suchst ist es weder eines der Altvorderen noch hast du es wohl ehrlich erworben. Wenn ich raten dürfte: Du hast es geklaut, vermutlich einem Magier!“ Das Schweigen des Kaufmanns ist Antwort genug. „Ich hasse es, be-lo-gen zu werden!“ Scimitar bekräftigte seine Aussage mit einem Zähne fletschen. Vor Wut waren seine Ohren dicht an den Kopf gelegt. Es war nicht nur die Tatsache, dass er von seinem Kunden hinters Licht geführt und bei der Belohnung seiner Meinung nach gewaltig übervorteilt worden war. Nein, Magie! Obgleich er seine jetzige Existenz einer magischen Explosion verdankte, bedeutete das noch lange nicht, dass er Magie (und vor allem Magier) mochte. Und jetzt zog ihn dieser Fettklops in eine magische Sache hinein. Am liebsten hätte er sich umdrehen und den Kaufmann seinem Schicksal überlassen. Aber er brauchte verflucht noch mal das Geld …. „Ich werde den Auftrag beenden, aber ob der geänderten Umstände hat sich der Preis erhöht. Aus den drei Silber sind eben acht geworden. Und fünf davon will ich gleich. Plus 5 Kupfer als Buße für die Lügerei!“ Mittlerweile war das Schwert in der Scheide auf seinem Rücken verschwunden, wo es leise vor sich hin grummelte, bei den gestiegenen Lohnforderungen aber sofort rege Anteilnehme bekundete, indem es für sich exklusives Schwertöl verlangte. Das Teil war ein Schluckspecht, wie es in den Schriftrollen stand.

Der Waschbär streckte fordernd seine Pfote dem Kaufmann entgegen und dieser, noch immer kreidebleich und zitternd, versuchte nicht einmal zu handeln. Mit fahrigen Fingern nestelte er die geforderten Münzen aus der Geldkatze und ließ sie in die Hand Scimitars fallen. Mit einem Grunzen steckte er sie in eine der Taschen in seiner Weste. „Gut, wo wir das besprochen haben … lasst uns diesen Weg verlassen, ich hab keine Lust auf ein weiteres Techtelmechtel mit Strauchdieben. Obwohl … ab jetzt könnte ich mir gut vorstellen, dass jedes dieser Treffen extra kostet!“ Mit einem grimmigen Grinsen kletterte er flink auf den Kutschbock. „Los fahr!“ Der Kutscher ließ die Zügel schnalzen, zwinkerte seinem Sitznachbar aber belustigt zu. Der Kaufmann war nicht sehr beliebt bei seinen Leuten und dass der alte Geizkragen heute draufgezahlt hatte, war ihnen ein Vergnügen. Scimitar hingegen grübelte vor sich hin, während sie sich ihrem Ziel, der Stadt Accipetris näherten. Ihn juckte die linke Hinterpfote und das war meistens ein untrügliches Zeichen für Ärger.
Zeitgleich in einer Amtsstube in Accipetris...

Athaín mußte an sich halten. Er wußte gar nicht wie lange man sie in diesem muffigen Wartezimmer hatte schmoren lassen, nur um diese vermaledeite Schriftrolle endlich loszuwerden, und im Gegenzug eine andere Schriftrolle in Empfang zu nehmen, die bestätigte dass Erstere angekommen war. Und nun wagte es dieser widerwärtige Amtsschimmel zu behaupten, Antrag 18 Absatz B sei nicht korrekt formuliert? Ein leises, mißmutiges Knurren entrang sich der Kehle des Drachenreiters, der gemeinsam mit seinem jüngeren Kameraden heute ohne Beritt Dienst tun mußte. Am liebsten hätte er sich den Kerl am Kragen gepackt und über den festungsähnlichen Schreibtisch gezogen, hinter dem er sich verbarrikadierte. 

Dass dieser festungsähnlich war, schloß Athaín aus der massiven Beschaffenheit der Tischplatte, welche seine Fingerspitzen bereits erkundet hatten, sowie aus der Tatsache dass die penetrant näselnde Stimme des Unverschämten mindestens einen Schritt weit entfernt klang. Dennoch wäre das kein Hindernis für den sehnigen Arm des Halbdrachen gewesen, wenn... es nicht von Windmeister Gavron persönlich verboten worden wäre seinem Ärger auf diese Weise Luft zu machen, sollte man jemals wieder etwas anderes als Strafdienst tun wollen. 

"Wenn Ihr... freundlicherweise...", das zwischen den Zähnen hervorgequetschte Wort klang eher wie etwas, womit man ein besonders ekliges Insekt bedachte, "nochmal genau hinsehen würdet? Es steht bestimmt alles dort." Athaín wandte das Gesicht nach links, wo Caius neben ihm stand. "Hm?" Das Klimpern der Münzen in dem ledernen Beutel, den ihnen der Quartiermeister extra zu diesem Zweck mitgegeben hatte, hatte er noch nicht gehört. Womöglich hatte Cai vergessen ihn gemeinsam mit der Schriftrolle auf den Schreibtisch zu legen? Oh, wie er diese Art von Botengängen haßte! Um diese Tageszeit waren sie für gewöhnlich auf Patrouille, jagten im Sturzflug über Erdgrund hinweg und wichen Orkpfeilen aus. Aber nein, das mußte heute ausfallen. Nur weil sie vor einigen Tagen ihre Drachen auf dem Ladesteg für Luftschiffe gelandet und diesen für... eine Weile... blockiert hatten. Dabei hatten sie das nicht zum Vergnügen getan! Sie hatten etwas Dringendes zu erledigen gehabt und waren... zeitlich etwas knapp dran gewesen. Wie das eben so vorkam.

Die heutige Lektion, die sich der Kommandant für seine beiden Musterschüler ausgedacht hatte, lautete anscheinend: Wie erledige ich einen Behördengang ohne wegen Zertrümmerung öffentlichen Eigentums im Kerker zu landen? Jedenfalls ließ sich die Geduldprobe nicht anders erklären. Dabei stand das Meisterstück noch bevor. Athaín und Caius hatten nämlich beide einen Aufsatz verfassen dürfen mit dem Thema Warum es verboten ist einen Drachen auf einem Anleger abzustellen. Im Fall des Blinden hatte das ein Schreiber nach Diktat getan, und er hatte nur seinen Daumenabdruck darunter gesetzt. Wie auch immer - das Ergebnis durften sie nun dem Luftverkehrsministariat übereignen, nebst einer fürstlichen Geldbuße, die von der eigenen Apanage gezahlt zu werden hatte. Das war nicht nur demütigend, sondern riß auch noch ein überaus schmerzhaftes Loch in die Kasse. 

Zu allem Überfluß erklang nun wieder die leiernde Stimme des Schreibtisch-Banditen: "Wir erwarten überdies noch ein Erklärungsschreiben des Ordo Draconis bezüglich des Vorfalls vom vergangenen Tag des Donners, wegen Blockade einer Hafenanlage durch zwei Großechsen. Die Zugehörigkeit konnte ermittelt werden. Zahlbar ist ein Strafgeld von fünf Goldstücken." Eine Hand streckte sich dabei einer gierigen Klaue gleich auffordernd über den Tisch, und - es war manchmal schon ganz gut, dass Athaín nicht alles mitbekam. Das was er mitbekam, genügte indes schon völlig um seinen Puls auf 180 zu bringen. Die Kiefer mahlten unhörbar aufeinander und die Hände ballten sich zu Fäusten. Wie hatte der Kerl eben ihre Drachen genannt? Großechsen???
In einer Taverne in der Niederstadt von Accipetris, einige Kerzenstriche nach dem Kampf auf dem Waldweg

Gedankenverloren drehte Scimitar einen Bierhumpen, der in seinen Pfoten fast überdimensional groß wirkt. Es war jetzt einen knappen Kerzenstrich her, dass es sich am Übergang zur Hochstadt von dem fetten Händler getrennt hatte. Ohne zu murren hatte ihm dieser den Rest seines Lohnes gegeben, dabei aber tunlichst darauf geachtet, dem Waschbären jeglichen Blick auf das Kästchen zu verwehren. Seit auf dem Waldweg das Geheimnis der eigentlichen Fracht enthüllt worden war, hatte der Kaufmann zumindest die Maskerade beendet, sich um den Begleitwagen zu sorgen. Wahrscheinlich hätten Räuber diesen plündern können, es wäre ihm wohl einerlei gewesen. Kaum hatten sie den Eingang zur Stadt passiert, bog der Wagen mit dem Haushaltskram auch schon in Richtung der Speicher ab. Die Ware würde Geld bringen, aber es war nur ein netter Nebeneffekt für den Händler, da würde Scimitar seinen Pelz drauf verwetten.

Nun hockte der Waschbär also in der Taverne „Zum tanzenden Wichtel“ und brütete über diesen letzten Auftrag nach. Was eigentlich gar nicht seine Art war, den normalerweise war, sobald er seinen Lohn kassiert hatte, der erledigte Auftrag aus seinem Sinn. Lebst du in der Vergangenheit, verpasst du die Gegenwart, das war eines seiner Lebensmottos, neben der Grundeinstellung, sich als Söldner immer dort aufzuhalten, wo es Geld und Ärger gab. Aber dieses ominöse Kästchen, da war er sich sicher, hätte das Potential, ihm in der Gegenwart mehr Ärger zu bereiten, als ihm lieb war. Der Händler hatte ihn und vor allem seine Beobachtungsgabe gründlich unterschätzt. Wenn man so neugierig war wie Scimitar, entwickelte man früher oder später die Fähigkeit, selbst die kleinste Kleinigkeit zu erkennen. Und so war ihm auf dem Feldweg nicht entgangen, dass die Angreifer zwar eine unkoordinierte Truppe Strauchdiebe gewesen war, der Anführer jedoch, den er als Letzten um sein Leben erleichtert hatte, war definitiv mehr als ein gedungener Söldner. Dafür hatte zum einen sein Kampfstil gesprochen, zum anderen das Wappen, welches sein Wams auf der rechten Brustseite geziert hatte. Scimitar hatte nun wirklich keine Kenntnisse in Heraldik, aber er erkannte ein Adels- oder Magier Wappen wenn er eines sah. Und das, in Kombination mit der Tatsache, dass der Trupp ihnen aufgelauert hatte, untermauerte für ihn die Tatsache: Etwas war hier verdammt faul!

Versonnen nahm er einen weiteren Schluck und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass der Humpen bereits leer war. Und weil es sich ohne Alkohol schlechter nachdenken ließ, winkte er die Schankmaid heran, um einen weiteren zu ordern. Lisbeth, so war der Namen des Mädchens, behielt argwöhnisch seine Pfoten im Auge. Sie kannte den Waschbären, der zu den Stammgästen der Spelunke zählte. Und in neun von zehn Fällen war der Nager, wenn er angetrunken war, ein wenig zu selbstbewusst und kniff sie oder eines der anderen Mädchen gerne mal in das dralle Hinterteil. Heute war ihm jedoch gar nicht danach zu Mute und so bat er regelrecht höflich, wenn auch irgendwie Geistesabwesend um ein weiteres Getränk. In seinem Hirn hatten sich zwei mögliche Theorie manifestiert: Entweder hatte der Kaufmann, oder eher jemand, den er bezahlt hatte, das Kästchen von jemand anderem gestohlen, vermutlich jenem, der hinter dem Wappen steckte. Oder aber, er war doch auf redlichem Wege an das Artefakt gelangt und eben jener hinter dem Wappen wollte es nun auf unredliche Weise erwerben. Wobei, wäre Zweiteres der Fall, hätte er Scimitar einweihen können, es wäre ein durchaus legaler Auftrag gewesen. 

Oh bei allen existierenden und eingebildeten Göttern, diese ganze Nachdenkerei bereitete ihm Kopfschmerzen. Sein Waschbärgehirn, modifiziert oder nicht, war für solche Akrobatik nicht gebaut. Und er hatte noch keinen Gedanken daran verschwendet, was es mit dem Kästchen auf sich hatte. Warum ein reicher, fetter Kaufmann sich ein Artefakt zulegte. Mit einem Knurren nahm er einen Schluck von dem frisch gebrachten Bier.
Cai blinzelte träge vor sich hin. Während Athaín schon seit geraumer Weile auf größer werdender Flamme vor sich hin kochte, hatte die lange Warterei und schließlich die unglaubliche Geschwindigkeit mit welcher der Beamte sein Tagwerk vollführte, gekrönt von der leiernden Stimme, auf den jungen Drachenreiter eine ganz andere Wirkung: einschläfernde Langeweile.
Die ganze Reise, der ganze Auftrag, nein der ganze Tag, einfach alles heute war so schrecklich träge und mühsam. Aber gut, genau das war wahrscheinlich auch der Sinn und Zweck der ganzen Übung, eine Strafe machte schließlich selten Spaß, und sie sollte auch nicht angenehm sein. Aber dass Gavron sie heute ohne ihre Drachen losgeschickt hatte, war schon eine ganz neue Stufe der Strafarbeit.
Cai starrte gedankenverloren aus dem Fenster hinter dem Beamten, auf dem man den blauen Himmel und ein paar Wolken sehen konnte, während der Mann hinter dem riesigen Schreibtisch irgendetwas von Paragraphen und Anträgen lamentierte, was bei Cai allerdings zu einem Ohr rein wanderte und zum anderen wieder hinaus.

Erst Athaíns schneidende Stimme holte ihn mit einem Ruck zurück in die Realität und er schüttelte den Kopf als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. Moment mal, was passte nicht? Verdammt, er hätte besser aufpassen müssen!
Die Körpersprache seines Flügelmannes sprach nur zu deutlich davon, dass Athaín drauf und dran war den Kerl am liebsten hinter seinem lächerlich riesigen Schreibtisch hervor zu holen und ihn zumindest kräftig durch zu schütteln.Obwohl Athaín wahrscheinlich am liebsten ganz andere Dinge getan hätte.
Großechsen!
Unwillkürlich entfuhr ihm ein belustigtes Schnauben, welches in der ruhigen Amtsstube seltsam deplaziert wirkte, weshalb er hastig versuchte es als Räuspern zu tarnen.
Großechsen! Nero hätte dazu bestimmt ein paar sehr sorgfältig gewählte Worte zu sagen.
Noch ein Räuspern, nachdem Athaí scheinbar erwartungsvoll den Kopf in seine Richtung gedreht hatte und der Beamte nicht minder fordernd die Hand ausgestreckt hatte und einige Herzschläge lang Stille herrschte.
Moment! Da war doch noch was!
“Achja, ich… moment!” fast hätte er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn geklopft, aber verkniff sich die Geste und ließ stattdessen, mit einem satten Klimpern, einen gut gefüllten Geldbeutel in die ausgestreckte Hand des Beamten fallen und legte die beiden Schreiben daneben. “Beste- äh Bußgeld in voller Höhe, und… das Erklärungsschreiben!” fast hätte er Bestechung gesagt, aber immerhin nur fast.
Das mit dem Erklärungsschreiben war auch so eine Sache gewesen und es hatte eine Weile gedauert bis Cai es geschafft hatte eine halbwegs passable Erklärung zu finden, für einen Vorfall… der ihm im Grunde sehr egal war. Manche Dinge passierten einfach, warum musste man so fruchtbares Aufhebens darum machen?
Der Beamte spähte in den Beutel und Cai rollte mit den Augen als der Beamte zufrieden Lächelte und war gleichzeitig froh, dass Athaín diesen süffisanten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
“Das… scheint alles seine Richtigkeit zu haben!” Der junge Drachenreiter gestattete sich ein erleichtertes Aufatmen, während der Geldbeutel in einer der Laden des riesigen Schreibtischs verschwand. “Es war mir eine Freude mit den Herren heute Geschäfte zu machen!”
Reflexartig, hatte Cai, kaum das der Beamte die Worte ausgesprochen hatte, seinen Flügelmann an den Schultern gefasst und ihn sehr vehement richtung Türe manövriert. Nicht das Athaín seine Führung wirklich gebraucht hätte um sich zurecht zu finden, es ging viel eher darum zu verhindern, dass der Drachenreiter diesem Amtsschimmel nicht doch noch eine scheuerte. “Ja und auch! Setzen sie das Geld gut ein und bauen sie massivere Landungstege!” rief er noch, bevor er die Tür hinter ihnen zuknallen ließ.

Ihm entfuhr ein halb genervtes, halb erleichtertes Seufzen aus, kaum dass sie wieder offenen Himmel über sich hatten. Aber wirklich durchatmen konnte man in Accipetris sowieso nicht, zuviele Menschen. Er hatte sich hier nie wirklich wohl gefühlt, obwohl er hier aufgewachsen war und wohl den Großteil seines Lebens hier verbracht hatte. “Ach wie ich die Stadt hasse!” ließ er vermerken, während sie sich ihren Weg durch die Menschen bahnten.
Die ganze Reise hierher war ohne Drachen mühsam genug gewesen, er hatte bei weitem noch keine Lust sich diesen Strapazen gleich wieder auszusetzen. Ihm war nach… Ablenkung!
“Wenn wir schon hier sind… könnten wir doch auch noch einen Einkehrschwung machen, oder?” er versuchte Athaín dezent in die entsprechende Richtung zu lotsen, denn er hatte etwas weiter unten die Straße eines der zahlreichen Wirtshäuser der Stadt entdeckt. Er hatte lange genug hier verbracht um zu wissen in welchen Tavernen man gehen konnte ohne ein Vermögen für verwässerten Wein und gepanschtes Bier auszugeben. Und Der tanzende Wichtel gehörte definitiv zu den guten Kneipen dieser Stadt!
Im Gegensatz zu dem des Jungspunds, der ihm erst vor Kurzem als neuer Flügelmann zugeteilt worden war, befand sich Athaíns Kopf nicht irgendwo über den Wolken, auch wenn ihn das Bürokratengetue mindestens ebenso nervte und langweilte wie Cai. Er hatte auch keine Schwierigkeiten mit dem Verfassen des Aufsatzes gehabt. Der Ältere kannte die Regeln, und er versuchte auch gar nicht erst jemandem das Gegenteil weiszumachen. Das hätte ihm mit seinen über 300 Dienstjahren auf dem Buckel ohnehin niemand abgekauft. Es war nur so, dass sie ihm schlicht egal waren. Mit ihrer Außerkraftsetzung wollte er nicht etwa Unordnung stiften oder provozieren, wie mancher vielleicht dachte. An einige hielt sich - vorausgesetzt sie ergaben Sinn. Wie zum Beispiel die Regel sich im Sattel festzuschnallen. Daran hielt er sich nicht nur, sondern achtete sogar darauf, dass unerfahrene Wolkenhüpfer wie Caius das ebenfalls taten. Es war überlebensnotwendig. Einen Landesteg nicht dem Zwecke zuzuführen für den er vorgesehen war - nämlich das Landen - ergab für Athaín allerdings keinen Sinn, also war diese Regel überflüssig. Es lag auf der Hand, dass der Halbdrache und die Bürokratie keine Freunde waren und es auch niemals werden würden. 

Aber auch hier gab es Notwendigkeiten. Zum Beispiel das Spenden eines gewissen Betrags, damit es so lief wie man es wollte. Diese Mechanik verstand Athaín. Eine Klinge mußte man schließlich auch schleifen, damit sie scharf war. Es war deshalb nur folgerichtig, dass er auffordernd in Caius' Richtung brummte, der mal wieder vor sich hin träumte und tatsächlich vergessen hatte den Beutel auszuhändigen. Anhand des Klimperns, des Schubladengeräusches und des selbstgefälligen Tonfalls des Beamten brauchte es selbst für einen Blinden nicht viel Fantasie, um sich die feist grinsende Visage auszumalen. Oh ja, der jüngere Drachenreiter kannte seinen Schwingenbruder bereits gut, und er träumte diesmal nicht, sondern verlor keine Zeit diesen aus dem Zimmer zu bugsieren, bevor dessen Faust eine neue Heimat im fetten Mondgesicht des Amtmanns finden konnte - und der Ärger damit um Potenzen größer würde. 

"Du hast recht", ließ sich der Mann mit der Augenbinde vernehmen, nachdem die Tür hinter ihnen mit einem Rumms ins Schloß gefallen war, und nickte beifällig. "Wenn sie zuwenig Landungsstege haben, warum bauen sie dann nicht einfach mehr?" Athaín trug heute nicht die Rüstung der Drachenreiter, sondern Zivil. Eine einfache Lederhose, hohe Stulpenstiefel und ein weites Hemd in einem Farbton, der irgendwo zwischen Grau und Grün schwankte, als sei das gute Stück mehrfach im falschen Waschbottich gelandet. Ein Tuch verdeckte die Augenpartie und auch die stacheligen Hornauswüchse, die der Halbdrache statt Brauen besaß. Lediglich die Symbole auf der Schwertscheide und am Knauf desselben ließen auf den Ordo Draconis schließen. Ohne sein Schwert ging Athaín niemals irgendwohin, nicht einmal Behördengänge erledigen. Draußen über Accipetris schien die Sonne, die mit warmen Strahlen über die Haut strich. Der leichte Wind wäre angenehm gewesen, hätte er nicht die Ausdünstungen der Stadt mit sich getragen. Hoch über den Wolken merkte man gewöhnlich nichts davon, wie einmal mehr schmerzhaft auffiel. 

Athaín brummte zustimmend auf die Bekundung des Jüngeren hin, der wie üblich sein Herz auf der Zunge trug. Einer der Eigenschaften die er an ihm mochte. Wortkarge Menschen waren sehr viel schwerer zu lesen. Bei Caius wußte man dagegen immer gleich was er dachte. Das war angenehm. Der Halbdrache haßte die Stadt nicht wirklich, wußte aber was Cai meinte. Sie roch unangenehm, war laut und enthielt zuviele Menschen. Das waren Tatsachen, die er genauestens differenzierte. Denn was man haßte, mußte man auch nicht verteidigen. Athaín aber hatte Accipetris schon öfter verteidigt. Wie es wohl jeder Drachenreiter bereits getan hatte. Ein Danke gab es dafür traditionell nicht. Nun, zumindest hatte es seine Vorteile annähernd zwei Schritt groß zu sein und einen kaum zu übersehenden Anblick zu bieten. Die Menschen wichen einem von selbst aus und strömten um einen herum, ohne dass man ständig angerempelt wurde. Denn angerempelt zu werden haßte Athaín durchaus. 

"Was ist, Kleiner, machen die Beinchen schon schlapp?" feixte der Ältere und anerkannte das Geschick, mit dem ihn sein junger Flügelmann bereits versuchte in die richtige Richtung zu bugsieren. "Laß mich raten, du willst in den Wichtel und die paar Münzen loswerden, die wir noch besitzen?" Er beschloß es Caius einfach zu machen und hob die Hand, um sie nach erstaunlich wenigen tastenden Berührungen auf dessen Schulter zu plazieren. Das hieß wohl Ja zu der Idee mit dem Wirtshaus. Natürlich hätte er den Weg auch so gefunden. Er wußte wo der Tanzende Wichtel lag und konnte sich anhand der Geräusche und Gerüche gut orientieren. Sich auf andere Hilfsmittel zu verlassen hatte er sich bereits in der Kindheit abgewöhnt. Wenn man als der Junge mit den seltsamen Augen die Dorfjugend stets gegen sich hatte, war es ausgesprochen dämlich den Stock zum Verprügeln selbst mitzubringen. Nein, für Athaín hatte es niemals Regeln gegeben. Außer denen, die er selbst aufgestellt hatte. 

"Na schön. Ein Humpen wäre jetzt genau das Richtige. Außerdem werden wir wohl..." Er hob das Gesicht in die Höhe und spürte den Sonnenstrahlen nach, die sich auf der Haut fingen. Sie waren kräftig und wurden nicht vom Wind davongeweht, wie es frühmorgens noch der Fall gewesen war. Die Sonne mußte bereits hoch am Himmel stehen. "...das Mittagessen verpassen, fürchte ich", schloß der Halbdrache seufzend. "Mal sehen was das Tagesangebot für den schmalen Geldbeutel ist." Denn dieser hatte sich soeben tatsächlich drastisch verschmälert.
Dem Knurren seines Magens nach musste es wohl bereits auf Mittag zugehen. Der Schankraum des „Tanzenden Wichtels“ fühlte sich zusehends, der Gasthof hatte einen guten Ruf: Genießbares Essen zu erschwinglichen Preisen und das Bier war nicht gewässert und der Wein nicht gepantscht. Scimitar hockte nun schon eine geraume Zeit hier, wie immer eher im hinteren Teil, von wo aus er den Raum und vor allem die Tür im Blick behalten konnte. Und in der Nähe der Küchentür, denn in selbiger befand sich der Hinterausgang. Und hier, in mitten der Stadt, hatte er immer gern mehrere Option, wenn es darum ging, einen Ort zu verlassen. Eben stellte ihm die Schankmaid eine Schüssel Eintopf vor die Nase. „Du siehst so aus, als könntest du was zwischen die Zähne vertragen … vor allem nachdem das schon dein dritter Bierhumpen ist!“ „Ist schon Mittag?“ mit dieser, doch etwas dümmlichen Frage, blickte er auf und auf die ansehnlichen Rundungen Lisbeths, über denen ihn ein paar belustigt glitzernde blaue Augen ansahen. „Gut, jetzt weiß ich, dass etwas nicht stimmt, du bist doch sonst nicht so Gedankenverloren. Würdest heute nicht mal einen Magier erkennen, wenn er zur Tür rein kommt.“ Ein Knurren war die Antwort, wollte er doch nicht zugeben, dass die Bedienung Recht hatte. „Und du hast deine Pfoten bei dir behalten, noch so ein Indiz. Die Tage, an denen du mich nicht in meinen Arsch kneifen willst, lassen sich an einer Hand abzählen.“ „Das kann ich gerne nachholen …“ Geschickt wich Lisbeth seiner rechten Pfote aus. Scimitar war Stammgast und sie kannten ihn alle.Und auch wenn er mitunter nervig, grummelig und anstrengend sein konnte, irgendwie mochten sie ihn alle.

Die Schankmaid steuerte wieder dem Tresen zu, denn in der Zeit des Mittagsgeschäfts war nicht wirklich Zeit zu schäkern. Scimitar begann, sich den Eintopf ins Maul zu schaufeln – der Wichtel wurde seinem Ruf wieder mal gerecht – als sich hinter seinem Rücken eine nörgelnde Stimme bemerkbar machte. „Ich muss der Kleinen Recht geben, du bist heute nicht du selbst.“ Innerlich verdrehte er die Augen. Na toll, das hatte ihm gerade noch gefehlt: Askarton hatte natürlich auch zu dieser Sache eine Meinung. Und die tat das Schwert, wie immer, ungefragt kund. „Ich versteh ja nicht, worüber du dir überhaupt Gedanken machst: Wir haben die Belohnung, sogar mehr als ursprünglich vereinbart. Was aus meiner Sicht durchaus legitim ist, immerhin musste ich einiges einstecken. Mal ehrlich, musst du immer so lange rumspielen, ich bin es immerhin der die Hiebe der gegnerischen Schwerter einstecken muss. Wenn du stattdessen einfach schnell einen Stich ins Herz anbringen würdest oder einen sauberen Schnitt über …“ „Ich esse!“ grunzte Scimitar genervt. Nicht dass ihm das blutrünstige Gelabber des Schwertes den Appetit verdorben hätte, aber es ging ihm einfach auf die Nerven. Außerdem lenkte es ihn ab, hatte er doch die Ohren gespitzt. Einen Tisch weiter hatte eben ein Zweibeiner von einem Überfall in der Nähe des Wolkensees geredet. Und von einem Artefakt. Leider kam er nicht wirklich weiter zum Lauschen, denn eben betraten weitere Gäste in den Schankraum. Zwei Gestalten, bei dem es in seinem Pelz zu Kribbeln begann. Der eine war definitiv ein Mensch, der andere hingegen … da war er sich nicht sicher. Vor allem war dieser groß, annähernd doppelt so groß wie er. Misstrauisch behielt Scimitar die beiden im Auge, sicher ist sicher.
„Weil die Pfeffersäcke meinen sie müssten das Geld sinnvoll investieren und es sich letztendlich in die eigenen Taschen stopfen!“ Cai warf keinen Blick zurück, während sie sich von der Amtsstube entfernten, nein er war froh sie möglichst weit hinter sich zu lassen.
Immerhin konnten sie dieses Mal berichten, dass sie die ihnen zugeteilte Aufgabe erfolgreich und ohne Zwischenfälle ausgeführt hatten.
Der für sie zuständige Primus würde sicher vor Freude im Dreieck hüpfen und hoffentlich befinden, dass es damit der Strafe genug sei.
Wenn ihnen nicht noch was dazwischen kam...

Der junge Mann verzog unwillig das Gesicht, als Athaíns leichter Spott an seine Ohren drang und seufzte schwer. Es war einfacher ein rolliges Drachenweibchen gegen Schuppenflechte zu behandeln, als vor dem Blinden was geheim zu halten. Zumindest Cai kam sich manchmal vor, als wäre er ein offenes Buch in welchem sein Schwingenbruder beliebig blättern konnte wie es ihn gerade erfreute.
„Nur wenn du dich auf dem Weg dorthin nicht verläufst und irrtümlich in der Kloake landest…“ gab er zurück, wobei er schon einen großen Bogen um einen beachtlichen Haufen Pferdemist vor ihnen auf der Straße machte, damit Athaín keine Schwierigkeiten hatte ihm auszuweichen, denn sein Gefährte hatte ihm bereits die Hand auf die Schultern gelegt damit er ihn führte.
Dabei musste man es ihm lassen, es war wirklich immer wieder erstaunlich, wie gut sein Schwingenbruder sich auch ohne Augenlicht in der Welt zurecht fand. Nämlich sowohl auf der Erde, als auch in der Luft.
Aber Cai seufzte abermals, dieses Mal erleichtert, als Athaín sozusagen seine Zustimmung dazu gab, einen Abstecher in den Wichtel zu machen. Wenn er nicht wollte, war es nämlich schier unmöglich ihn umzustimmen. Dabei hing dem Rotschopf schon der Magen in den Kniekehlen und er hatte keine Lust am Drachenfelsen dann zu hören, dass sie zu spät zum Essen waren und deswegen wohl bis zum Abend fasten mussten.
„Pah, es hat eine halbe Ewigkeit gedauert ohne die Drachen herzukommen und es wird mindestens genau so lange dauern auf diesem Wege wieder zurück zu reisen. Wie hält man dieses Schneckentempo nur aus?“ es schüttelte ihn alleine bei dem Gedanken an die umständliche und Mühsame Rückreise per Anhalter und Luftschiff.
Es war immer das selbe, wenn man Zivil unterwegs war. Obwohl die beiden wohl auch optisch ein interessantes Gespann abgeben. Athaíns eindrucksvolle Gestalt sorgte immer wieder dafür, dass die Menschen ihnen auswichen und obwohl Cai schon nicht unbedingt klein war, so überragte sein Schwingenbruder ihn trotzdem noch.
Auch er trug nur ein einfaches Hemd über einer dunklen Hose, zwei Kurzschwerter gegürtet und der zerstrubbelte Rotschopf sah wie immer aus als wäre er gerade vom Drachen gestiegen oder aus dem Bett gefallen.
Nagut, Athaín gab sicher das eindrucksvollere Bild ab...

Der tanzende Wichtel war wie immer gut besucht, was ja meistens für ein Gasthaus sprach. Aber heute gab es kaum mehr einen freien Tisch, an den sie sich hätten setzen können.
Cai fuhr sich durch das kurze Haar, während er den Blick durch die volle Gaststube schweifen ließ.
„Voll wie immer!“ teilte er Athaín mit, wahrscheinlich völlig überflüssiger weise, weil sein Gefährte diese Tatsache wahrscheinlich schon anhand von Lautstärke und Raumtemperatur, oder etwas ähnlichem festgestellt. „Aber da hinten ist noch was frei!“ und er lotste Athaín durch die gut besetzten Tische, hin zu einem an dem hoffentlich noch Platz für sie war.
Als sie sich näherten zog Cai ein wenig verwirrt und überrascht die Augenbrauen hoch, denn an dem Tisch saß ein Waschbär, aufrecht in eine ärmellose Weste gekleidet, mit einem Waffengurt über der Brust geschnallt und einem großen Bierhumpen in der Hand.
Das war selbst für Falkenstein ein eher ungewöhnlicher Anblick, aber Cai hatte die Überraschung bald abgeschüttelt, bevor er höflich fragte „Dürfen wir?“ und auf die freien Plätze gleich gegenüber des kleinen Wesens deutete. Immerhin war es nicht nötig gewesen sich erst um die Aufmerksamkeit des Waschbären zu bemühen, denn dieser hatte sie beobachtet, seit sie zur Türe hereingekommen waren, wenn er sich nicht vollkommen täuschte. Erst dann hob er die Hand hob um die Aufmerksamkeit des Schankmädchens zu bekommen.
„Weißt du schon was du willst oder soll ich dir das Tagesangebot vorlesen?“ fragte er Athaín mit einem frechen Grinsen auf den Lippen.
Wie sollte es auch anders sein, die beiden Neuankömmlinge steuerten natürlich genau auf jenen Tisch zu, an dem Scimitar hockte. „Abhauen, schnell, jetzt … oder doch zuhauen? Nein, das tut sicher weeeehhh!“ kreischte das Schwert in seinem Rücken schon beinahe panisch, den Göttern sei Dank aber leise genug, dass es keiner außer seinem Träger mitbekam. Der Waschbär ignorierte Askarton, für eine Diskussion mit den Stahlstecken ob seiner Allüren war weder der rechte Ort noch der rechte Zeitpunkt. Er ließ die beiden Männer aber nicht aus den Augen, während diese sich den Weg durch den Schankraum bahnten. Unauffällig lockerte er eines seiner Messer. Sich hier rauskämpfen würde schmutzig werden, sollte es dazu kommen. Wenn es notwendig werden würde, würde er primär sein Heil in der Flucht suchen, soviel stand fest. Vorsorglich bewegte er die Zehen, um sich etwas aufzuwärmen. Allerdings schienen die beiden Männer nicht unbedingt auf Streit oder Ärger aus zu sein und seine Neugierde war schon immer größer als der Fluchtreflex gewesen. Er war ja auch kein einfacher Nager mehr, der sich einzig von seinen Instinkten leiten ließ. Und grün hinter den Ohren war er ebenfalls schon lange nicht mehr. So blieb er erst einmal auf seinem pelzigen Hintern sitzen und wartete ab.

>Dürfen wir? < Äußerst höflich wandte sich der Rotschopf an Scimitar. Der Angesprochene blickte auf und musterte die beiden mit seinen schwarzen Knopfaugen. Eindeutig Mensch, zumindest jener, der ihn gefragt hatte. Mit einem kurzen Beben der Schnurrharre schnupperte er, um einen eindeutigen Geruch des zweiten Mannes zu erhalten. Nein, der roch nicht nach Mensch. Sicher, auch am Rotschopf haftete ein Geruch, der eindeutig nicht-menschlich war, aber an dem Langen ging dieser Geruch tiefer. Seine Neugierde war nun endgültig geweckt. Auf jeden Fall rochen sie nicht nach altem Pergament und staubigen Büchern, was in seinen Augen ein eindeutiges Indiz für Magier war. „Sicher!“ Die Gaukler hatten ihm beigebracht, dass man auf eine höfliche Frage auch halbwegs höflich antwortete und gelegentlich erinnerte Scimitar sich daran und handelte auch danach.

Die beiden nahmen ihm gegenüber Platz und Lisbeth kam auf sie zugesteuert, ganz das Musterbeispiel einer fleißigen Schankmaid. „Der Eintopf ist gut.“ Grunzte er in Richtung seiner neuen Tischgefährten und dann, an die Bedienung gewandt „Mir kannst auch noch einen Teller bringen!“ >Ich frag mich ja immer, wie ein kleiner Kerl wie du so viel essen kann. < entgegnet Lisbeth mit einem Zwinkern, ehe sie sich den beiden Neuankömmlingen zuwendet. >Willkommen im tanzenden Wichtel, was kann ich euch bringen? <
Ob man es nun Gefühl nannte, oder wie Besitzer feiner Nasen Geruch - es war auf jeden Fall immer merkwürdig, sich in Athaíns Nähe aufzuhalten. Man konnte den hochgewachsenen Krieger nicht als häßlich oder abstoßend bezeichnen. Dennoch wirkte seine Präsenz irgendwie fremdartig, als wäre etwas verkehrt an ihm. Selbst wenn er die Augenbinde trug, welche die offensichtlichen Merkmale verdeckte. Vielleicht verstärkte die Tatsache dass er sie trug das Gefühl der Merkwürdigkeit sogar, denn wer hatte schonmal einen offensichtlich Blinden gesehen, der sich geschickt und katzengleich zwischen vollbesetzten Tischen und Stühlen hindurch schlängelte, ohne zu stolpern oder jemanden über den Haufen zu rennen? In Wirklichkeit war das keine Hexerei, sondern lediglich jahrhundertelange Übung. Der Halbdrache besaß ein ausgezeichnetes Gehör, und die leichten Berührungen, die hier eine Stuhllehne trafen und dort kaum merklich den Stoff eines Hemdes streiften, waren so subtil dass nur ein geübter Beobachter sie überhaupt mitbekommen hätte. 

Schließlich näherten sie sich einem Bereich des Lokals, wo etwas etwas ruhiger war. Athaín runzelte die Stirn, als Cai jemanden fragte ob sie sich dazu setzen dürften. Seinerseits stieg ihm ein Geruch in die Nase. Essen. Aber noch etwas anderes. Es roch nicht nach typisch menschlichen Ausdünstungen, sondern nach...? Wenn er es nicht besser gewußt hätte, hätte er Wild gesagt. Außerdem war ihm eben noch so gewesen, als hätten sich dort zwei Stimmen unterhalten. Jetzt allerdings antwortete nur eine. Vielleicht hatte der Eindruck doch getäuscht. Für alle Fälle legte der Halbdrache lauschend den Kopf schief. Er wußte gern genau was in seiner Umgebung vor sich ging. Er nickte knapp, was gleichzeitig als Gruß, wie auch als Dank für die Einladung gelten sollte, blieb aber noch stehen um zu warten bis Cai sich gesetzt hatte, dessen vorlautes Mundwerk gleich wieder in Aktion trat. Athaín grinste. "Du liest vor, ich sage Eintopf, und du nickst?" schlug er mit seiner tiefen, leicht kratzigen Stimme vor. Es war immerhin schon klar was der Geldbeutel sagte. Außerdem schien der Eintopf empfehlenswert zu sein, wie sie gerade vom schmausenden Fremden erfahren hatten.

Da trat auch schon die Schankmaid an den Tisch und fragte nach den Wünschen. Den Fremden nannte sie einen kleinen Kerl, eine Information die der Halbdrache abspeicherte. Wenn man nichts sah, mußte man sich eben aus anderen Details ein Bild seiner Umgebung machen. Ihr Tischnachbar war also klein und roch nach Fell. "Elisabeth", begrüßte er die Schankmaid, welche lachend den Kopf schüttelte. >Niemand außer dir und meiner Großmutter nennt mich Elisabeth, Großer< neckte sie, was dem Krieger ein Schmunzeln entlockte. "Ich weiß. Aber mir gefällt es", stellte er lapidar fest. "Wir nehmen zwei Portionen von dem Eintopf, ein Bier für mich, und für meinen Freund... hmmm...." Ein leises, nachdenkliches Brummen drang aus seiner Kehle, während er das Gesicht zu dem jüngeren Drachenreiter wandte. "Darfst du schon Bier trinken, Kleiner?" Natürlich wußte er dass Cai schon Bier trinken durfte. Aber er ärgerte ihn halt gern. Was auf Gegenseitigkeit beruhte. 

Nur zu gern hätte Athaín mit Alachias Hilfe einen Blick auf ihren Tischnachbarn riskiert. Aber Alachia war nicht hier. Ebenso wie Caius' Drache Nero war sie dazu verdonnert worden auf dem Drachenfelsen zu bleiben. Sehr zum Mißvergnügen der beiden Schwingenbrüder. "Und du, Fremder?" wandte er sich an den nach Pelz Riechenden. "Auch einen Krug?" Das war schließlich das Mindeste, um sich für die Einladung an den Tisch zu bedanken. Außerdem hätte sich der Ordenskrieger lieber die Zunge abgebissen, als durchblicken zu lassen dass sie knapp bei Kasse waren. Mit dieser Schmach mußte man nun wirklich nicht hausieren gehen.
Heute war er wieder, so ein Tag, für eine ganz spezielle Tätigkeit die sie selbst Öffentlichkeitsarbeit nannte.
Accipetris, der Sitz der magischen Akademie, war eindeutig und unbestreitbar die Hochburg der Magie, und freilich auch dessen Magier.
Doch die studierten Magiekundigen gebärdeten sich gegenüber dem allgemeinen Bürgertum bedauerlicher Weise häufig unnahbar und herablassend, als wären sie etwas besseres. Ja, durchaus sie WAREN etwas besseres, doch die Kunst lag darin es dem gemeinem Bürger nicht auf die Nase zu binden. Mit herabwürdigender Arroganz gewann man weder Fürsprache noch Loyalitäten, sondern Abneigung, Zorn und Aufbegehren! Keine Regierung wollte so etwas. Weder Zorn, noch Neid, oder andere bedenklichen Gefühle und darin fußenden Dynamiken die zur Revolte führen konnten. Ganz egal ob Magier Fähigkeiten besaßen die erschrecken, furchteinflößend und erstaunlich zu gleich waren, egal ob sie den Bürgern überlegen waren, dass man sie preisen und verehren sollte wie Götter, es galt bodenständig zu bleiben und sich seiner Wurzeln zu besinnen. Doch was waren die Wurzeln der Akademieabgänger? Die Magier, sie waren Dienstleister. Seit jeher, egal in welchem Postengefüge, das Institut war eine Lehranstalt, sie waren Forscher, Wissenschaftler und Dienstleister. Ja insbesondere letzteres mit ihren Trank und Artefaktschmieden, und Heilanstalten, die ihnen so viele Sympatien im Volk gebracht hatten, dass es wohl überhaupt zum mäßig versteckten Machtwechsel kam. Dennoch begannen einige dies zu vergessen und sich abgehoben zu gebärden. Nicht so die Lady Waílamereis. Sie wusste zu genau, einen gewissen gesellschaftlichen Status zu erhalten war harte Arbeit die für eine Regierung zu leisten war, denn diese benötigte vom Volk Anerkennung und Vertrauen und Fürsprache. Allerdings fußten diese Dinge irriger Weise all zu häufig nicht etwa auf der Fachkompitenz die eine Person für einen Posten wirklich mit brachte, sondern allein auf Sympathien, Zuneigungen oder Abneigungen. Somit galt es eben nach Sympathien zu angeln gleich einem Fischer nach einer Forelle. Und Atevora tat es, mit allen Mitteln die ihr zur Verfügung standen. Heute war eines dieser Mittel eine von ihr organisierte Suppenküche im elendigsten Viertel der Stadt um als ehrenwerte Wohltäterin in das Gedankengut der Bewohner einzugehen.


Welch widerliches stinkendes Umfeld das hier doch war. Dem Gestank entgegen Stelle sich nur ihr Parfüm. Es war ein Duft aus zarten Frühlingsblumen und Apfelblüten und die Adelige selbst war ganz froh darum, dass sie der Geruch immer mal wieder sacht und unauffällig umgab wie eine kleine schützende Glocke. Doch leider verlor auch ihr aufgetragenes Duftwässerchen all zu häufig gegen das Umfeld, denn die Rinnsale für die Abwässer lagen in diesem Stadtteil offen, und fassten den Unrat nicht mehr. Die Rinne war an einer Stelle gebrochen, das hieß der offene Kanal benötigte dringend eine Instandsetzung. Im derzeitigem Zustand trat die widerliche Abwasserbrühe also über die Kanten der Rinne und flutete die kleinen Senken des Stadtabschnittes mit einer stinkenden Suppe. Die Brühe verwandelte den festgestampften Lehmboden zu einem übelriechenden Brei aus... also, um der Wahrheit genüge zu tun, sie wollte noch nicht einmal darüber nachdenken woraus genau. Die Fliegen die hier üppig surrten und in schwärmen davon stoben wenn jemand des Weges ging, reichten beileibe dafür aus sich gedanklich nicht näher über die tatsächliche Zusammensetzung der stinkenden Flüssigkeit beschäftigen zu wollen, in der sich zwei haarige Scheine mit Wonne suhlten. Nein, keine widerlichen Bürger der Stadt die gerade hingefallen waren, sondern in der Tat echte Schweine. Sicherlich entkamen sie dem kleinen Verhau dort vorne an den Häusern. Es war nicht ungewöhnliches, dass sich die Leute hier Nutztiere hielten und sie überall dort hin stopften wo irgendwie Platz dafür schien. Oftmals kleine bedauernswerte Käfige einen Aufgang entlang, oder im freien Bereichen unter einer Stiege, nur notdürftig und provisorisch mit einem Weidenzaungeflecht verrammelt um die Tiere davon abzuhalten davon zu rennen.

Eigentlich gab es zur Tierhaltung gewisse Richtlinien und Bestimmungen und darum Mindestanforderungen die erfüllt werden sollten, so wie es zu nahezu allem Richlinien, Bestimmungen und Gesetze in Aeria gab. Doch in Anbetracht der Ärmlichkeit der hiesigen Bevölkerung wollte ihnen hier niemand die Tiere, die ihnen frische Eier spenendeten oder die Reste einer Malzeit vertilgten, damit diese nicht in einen Ausguss geschüttet werden musste, wegnehmen. Die Exekutive sah also gütig über die miserable Tierhaltung hinweg und die entkommenen Schweine rollten sich fröhlich quieckend im spritzenden Matsch umher. Ja, DAS war die Niederstadt. Jedenfalls der ärmlichste Teil davon in dem es gerade mal einen Markt gab in dem Schrotttandler und Lumpenstände ihre Waren feil boten. Atevora selbst waren die Zustände in denen die Tiere zu leben hatten natürlich völlig gleichgültig. Was bedeutete ihr schon das Tierwohl von Schweinen und Hühnern? Im Moment lagen ihre Gedanken ohnehin wo anders, denn sie folgte eiligen Schrittes einem Kind.
Aufgelöst, mit dicken Tränen in den Augen war es bei der Suppenküche nahe des Marktes, wo Atevora für gewöhnlich jeden ersten Saattag im Monat anzutreffen war, aufgetaucht und zerrte an der Weißhaarigen Rockzipfel. Die Urlioma, sagte der kleine Sechsjährige, war gestürzt und hat sich furchtbar verletzt. Uroma. Ein alter Mensch. Ja es war nichts ungewöhnliches dass diese ab und an mal stürzten und sich dank ihres gebrechlichen zustandes Verletzungen zuzogen.. jedenfalls bei gewöhnlichen Uromas die nicht den Namen Dorothea Waílamereis trugen (diese Fiese, die immer beim qartalsmäßigen Farbballschießen betrog!. Aber das war wieder eine gänzlich andere Geschichte).

Vermutlich sollte die Magierin im Moment besser nicht ohne Leibschutz durch dieses elende Viertel und dann noch vertrauensvoll irgend einem Sechsjährigen an einen unbekannten Ort folgen. Aber ein kleines Kind das mit tränenden Augen vor mehreren Leuten herzerweichend um Hilfe bittet, konnte man es abweisen? Nur weil man keinen Leibwächter zur Hand hatte? Natürlich nicht. Außerdem gab es weit einfachere Beute für Ganoven als eine graue Magierin des Hauses Diaspor.
Somit folgten Atevora dem braunhaarigen Buben im Stechschritt, denn er gab sprintender Weise ein ordentliches Tempo vor, über den Platz durch die schäbigen Straßen zu einem Fachbauwerkhäuschen das sicherlich bereits bessere Tage gesehen hatte. Der Stiegenaufgang wirkte jedoch überraschend sauber, und die Magiern mochte die unterm Handlauf befestigten kleinen Beete mit den bunten wohlduftenden Blumen über jene eifrig drollige Hummeln hinweg surrten. Sie übertönten allerdings nur mäßig das Wimmern hinter der offenen Türe, durch dessen Rahmen der Junge gerade hindurch wuselte.

Im Inneren war es trotz der geöffneten Fensterläden dunkel. Oder es kam ihr lediglich so vor, da sie von der Helligkeit des Tages her ein Haus betrat? Eventuell lag es auch an der Kapuze über ihrem Kopf. Sie strich sie also automatisiert zurück und zupfte auch sofort mit spitzen Fingern an ihren Handschuhen um sie abzulegen. Am Flur vor der Treppe hockte nämlich schon das besagte alte Weib und blutete auf den Boden. Das Gesicht war Aschfahl und sie zeigte einige Hinweise auf einen Schockzustand. Doch viel mehr ins Auge fielen natürlich die Wunden die sie sich zugezogen hatte. Eine aufgeplatzte Wunde am Kopf – vermutlich war sie gegen die Kommode die unweit vor der Stiege stand, gestoßen, und natürlich der offene Bruch am Bein. Es war wirklich kein schöner Anblick wie der Knochen dort durch das Gewebe ragte. Neben der Verletzten kauerte eine junge Frau. Sie besaß die selbe Stubbsnase und ähnlich okerbraunes Haar wie der Bube und wirkte deutlich erleichtert den Kleinen zu sehen. Obendrein auch überrascht über das Auftauchen Atevoras weißen Haarschopfes. Sie hatte also den Buben nicht los geschickt um sie zu holen. War es auf des Jungen eigenen Mist gewachsen? „Hallo!“ Grüßte sie ein wenig außer Atem, denn der Bub hatte die bücherwälzende Stubenhockerin ganz schön gehetzt. „Der junge Mann hat mich bei der Suppenküche gefunden und mich gebeten her zu kommen um nach seiner verletzten Oma zu sehen.“ >“Urlioma.“< Korrigierte der Bube. „Pardon, Urlioma. Ich bin Atevora, Magierin des hohen Hauses Diaspor. Ich werde mir mal die Verletzungen ansehen.“ Normalerweise würde ein Heiler, oder auch ein Mager nun den Preis für die Behandlung vereinbaren.
>“Aber wir.. wir können uns keinen keinen Magier leisten.“<
“Schon in Ordnung, das ist jetzt nicht wichtig. Wir finden sicherlich eine Möglichkeit die fair für uns alle ist.“

Atevora war keine Heilerin. Sie war bestenfalls eine magisch hoch talentierte Kurpfuscherin, aber diese Leute waren über jede Hilfe dankbar. Für sie selbst sprang die Möglichkeit heraus an lebenden Objekten zu üben und sich zu verbessern. Ein offener Bruch war diesbezüglich perfekt! Ebenso die Wunde am Kopf. So versorgte Atevora den Patienten so gut es ihr möglich war, das heißt sie sprach beruhend auf ihn ein, begutachtete die Beule am Kopf, und die Verletzung am Bein. Drückte den Knochen ins Gewebe zurück, fischte aus ihrer Tasche eine wundenreinigende Flüssigkeit und kippte sie auf die Wunden. Anschließend wob sie ihre Zauber die den Körper bei dem Selbstheilungsprozess unterstützen sollten, bevor sie die Wunde mit einem weiteren Spruch schloss. Der Bub, zuerst noch ängstlich, wurde immer wissbegieriger und verfolgte das Schauspiel, oder aus Atevoras Sicht eher die anstrengende und schweißtreibende Prozedur, staunenden Auges. >“Wenn ich groß bin, werde ich auch Magier und heile Menschen!“< Behauptete er fest entschlossen, was der Adeligen ein joviales Schmunzeln entlockte. „Wenn sich bei dir eine magische Begabung zeigen sollte, dann kannst du gerne zu mir kommen, ich zeige dir dann die Akademie und die Schulräume der Kammern.“ Den Lohn den Atevora für ihre Arbeit verlangte war denkbar gering, insbesondere wenn man bedachte, dass die Verletzte ihre edle Robe mit Blut an den Ärmelsäumen besudelt hatte. Sie verlangte nur nach offenen Augen, Ohren, Hilfe und Gefälligkeiten wenn sie diese benötigte.
Mit einem Händeschütteln verabschiedete sie sich von den Frauen und dem Jungen Mann, der Callum hieß. Sie wuschelte ihm sogar noch durch das üppige Haar, ehe sie ihre feinen Ziegenlederhanschuhe wieder anlegte, die Kapuze zum Schutz vor dem dieser Orts glücklicher Weise nur spärlich vordringenden Licht des Tages tief ins Gesicht zog, und das Haus verließ.

Da stand sie also in irgend einem Stadtteil an der Grenze zum niedersten Armenpfuhl der Stadt. Ja, wo genau war sie hier eigentlich? In der Hoffnung sich zu orientieren blickte sie sich um. Was war das für ein Gasthaus? Zum tanzenden Wichtel? Etwas klingelte in ihrer Gedächtniswelt. Hatte Leonidas nicht mal vorgeschwärmt, dass es dort eine wirklich dralle Bedienung mit üppigen Melonen gab? Leonidas und seine Vorliebe für die einfachen Weiber der Stadt. Die Magierin schüttelte den Kopf und grinste gleichermaßen. Das war so typisch ihr Cousin. Apropos, wenn sie schonmal hier war, konnte sie das Etablissement und Leonidas ins Auge gefasste Beute doch mal ganz unverbindlich in Augenschein nehmen, nicht wahr?
Außerdem war sie nach diesem Zaubermaraton erschöpft, hatte Hunger und Durst und wollte sich nicht mit einem nachgereichten Seitschritt völlig verausgaben und für den Tag für nichts mehr zu gebrauchen sein. Und war heute nicht sogar Leonidas freier Tag? Womöglich hatte sie das unwahrscheinliche Glück ihn dort sogar anzutreffen? Dann könnte sie sich von ihm und seinem Pferd gemütlich nach Hause schaukeln lassen. Und falls nicht, könnte sie sich in der zweifelhaften Spelunke erholen oder einfach wieder gehen.

So lenkte sie ihre Schritte zum Gashaus und sie öffnete mit Schwung die Tür. OHha Was für ein Odeur ihr hier entgegen schlug. Abgestandener Pfeifentabakrauch, Schweiß und der Geruch von einer deftigen Suppe mitsamt scharf angebratenem Fleisch. Letzteres roch tatsächlich sehr schmackhaft und die Taverne wirkte, obgleich sie sich nicht im besten Viertel der Stadt befand, sauber. Obendrein war sie berstend voll, was gemeinhin für eine gewisse Qualität, oder jedenfalls über eine große Beliebtheit aufgrund anderer Vorzüge der Gaststätte sprach.

Während sich die Tür hinter der Magierin schloss, wanderten ihre blauen Augen bereits durch den Schankraum auf der Suche nach einem freien Platz und einem Indiz das auf Leonidas Anwesenheit hinwies. Leider erspähte sie weder seine Imposante Gestalt, die kräftige Mänenrbrust, oder aussagekräftige Indizien wie aufgereihte Bierkrugleichen oder einen Brathuhnfriedhof auf einem der Tische. Dafür für sprang ihr jedoch etwas ganz anderes ins Auge. Ein Tisch mit ganz speziellen Gästen. Einer der Anwesenden besaß wundervoll hellsilbriges Haar das mit dem ihrem förmlich um die Wette leuchtete, gepaart mit einer schmalen, edlen und hochgewachsenen Gestalt, die sie nur all zu sehr an jemand ganz bestimmten erinnerte. Natürlich war der Hautton der Falsche. Doch das war nicht das Auffälligste an dem Tisch, denn neben dem Mann da saß tatsächlich ein.. Waschbär? Mit einem Bierkrug in der Hand? Wie spannend! Und, täuschte es, oder war da noch ein Sitzplatz frei?

Ehe sie noch schnurstraks darauf zuhalten konnte, wurde sie angesprochen. Es war eine der Bedienungen, jedenfalls ließen die Schürze, und das Tablett mit den darauf gelagerten Eintopf und Bierkrügen dies sehr dezent vermuten. Die Frau war deutlich größer als Atevora und ihr durchaus hübsches Gesicht zeigte eine fragend gerunzelte Stirn. Das kam vermutlich von der Adeligen zarten Gestalt, und der etappenweise mit Blut besudelten Robe die Atevora mit den Stickereien und Zeichen nicht nur eindeutig als Magierin des hohen Hauses Diaspor klassifizierte sondern eindeutig für einen untypischen Besucher einer solchen Gaststätte. Die Mitglieder des hohen Hauses Diaspor traten meist dann in solchen Gegenden in Erscheinung wenn sie aufgrund magischer Gesetzesübertretungen ermittelten, und beispielsweise auf der Suche nach einem Magier waren der wider des magischen Kodex handelte. Vermutlich sah aber auch die dicke Umhängetasche die Atevora bei sich trug, und in dem sich Verbände und andere nützliche Gegenstände befanden, in dem Zusammenhang ein wenig suspekt aus.
>“Grüß euch! Kann ich etwas für euch tun? Seid ihr etwa verletzt?“< Es war eindeutig dass die deutlich größere Frau Atevora genauer musterte.
„Verletzt? Ich? Nein keine Sorge. Ich habe in dem Fachwerkhaus schräg gegenüber einen offenen Bruch einer alten Dame versorgt und mir die Kleidung dabei ein wenig beschmutzt.“
Die Falte zwischen den Augenbrauen ihres Gegenübers glättete sich sofort. „Ihr seid eine Heilerin?“
>“Nein, eigentlich nur eine talentierte Corpusmagierin“< Mit den Worten klappte Atevora ihre Kapuze zurück und offenbarte ihre edel geflochtene, und somit sorgsam gebändigte weiße Mähne. Prompt schien irgend etwas in dem Kopf ihres Gegenübers vorzugehen. Einen ähnlichen Gesichtsausdruck sah sie oft bei Schülern die gerade Informationen miteinander verknüpften, kurz bevor sie zu einer Lösung einer Aufgabenstellung kamen. „Moment. Weiße Haare, Haus Diaspor, Corpusmagie. Ihr seid doch nicht etwa Leonidas Cousinchen, die diese Suppenküche am Tandlermarkt ins Leben gerufen hat, oder?“
„Doch, genau die. Ihr kennt Leo?“ Schnell wurde ihr beschieden, dass, wenn sie Leonidas suche, er leider nicht hier war. „Das habe ich mir anhand einiger Indizien schon gedacht. Heute wäre ich hier an seiner statt zu Besuch. Habt ihr noch einen Platz für eine hungrige und durstige Magierin frei?“ Ein fröhliches Freilich war die Antwort. Mit einer Bewegung des Kopfes forderte sie Atevora auf ihr zu folgen. Artig hängte sie sich also an die Bedienung und ließ sich durch den überfüllten Schankraum führen. Wohin? Doch tatsächlich genau an den Tisch mit dem Flauschetier! Das kleine Magierinnenherz jauchzte.

>“Also hier meine Lieben, Euer Bier und Eintopf. UND Ich hab Euch noch jemanden mitgebracht,. Das ist..“
„Atevora.“
>“ Genau. Leos Cousinchen“<
„Guten Tag die Herren!“ Grüßte Atevora in der Pause die sich ihr bot und zweifelte dezent daran, dass die Anwesenden ihren Cousin kannten. Leonidas, der geübte Bierkruginhaltsvernichter, Inbegriff stahlgebrüsteter Männlichkeit und wandelnder kriegshammerschwingender Brathuhnvernichter und das alles nebst Frauenheld und fähigem Achatgardist. Achja.. und beifällig natürlich Vater und der zukünftige legastheniegeplagte Erbe Königswinters, der sich liebend gerne vor dieser Verpflichtung drückte und alle Nase lang lieber seine Cousine vor schickte – was dieser übrigens äußerst gut gefiel. Wenn dies eine Frauenrunde wäre, dann, ja DANN wäre ER sicherlich in aller Munde. Aber hier? Es war wirklich eine seltsame Gruppenzusammenstellung die sich ihr bot. Ein Jungspund im Alter von etwa 16 oder 17 Jahren, der mit seiner etwas zerzausten Frisur ein klein wenig so wirkte als hätte er sich entweder soeben aus den Laken gequält, oder er wäre in irgend eine heftige Windböe gekommen. Gerade eben. Hier im Gasthaus. Wobei... womöglich war es im übertragenem Sinne sogar eine Kombination aus beidem? Gab es hier Gastzimmer für Bettsport? Hübsch anzusehen war der Bursche jedenfalls. Es wäre von demher nicht verwunderlich, wenn er bei der jagt nach manch Weiberrock erfolgreich wäre, und bald ein armes Mägdelein vor den Toren der Akademie stünde und einen Unfall beklagte. Ja auch mit solchen Belangen wandte sich die Bevölkerung an die Absolventen der Akademie, denn tatsächlich, diese hatten Mittel welche ihre Not richten konnten. Neben dem jungen Bursch befand sich auch schon der Mann mit dem hübschem Silberhaar, der, nun, einen etwas eigentümlichen Eindruck auf sie machte. Irgendwie juckte es in ihrer Nase, ganz so als röche sie eine magische Herkunft. Und der Dritte im Bunde war ein Wachbär. Einer mit Waffengurten und Schwert wohlgemerkt. Also das war wirklich etwas neues und außerordentlich ungewöhnlich. Natürlich wollte sie darüber mehr erfahren.
>„Sie wird ihn heute würdig vertreten.“< Trällerte die Bedienung namens Lisbeth indes fröhlich und ungezwungen weiter, und stellte Bier und Eintopf auf den Tisch. >"So, bittesehr."< Sprach sie, ehe sie sich dann mit einem frechen Funkeln in den Augen an die noch am Tisch stehende Magierin wandte. „Und bei Euch macht das also mindesten 8 Krüge Bier und 2 Brathühner.“ <
„Was? Wie bitte?“
>“Nun, ihr seid doch an Leos statt da, und tretet in seine Fußstapfen, hm?“<
„ Ah-so? Wie war das? Acht Krüge Bier mindestens und 2 Brathühner? Gute Güte. Nur um den Rahmen des Abeitsauftrages wirklich abschätzen zu können: Wie vielen Frauen pflegt mein geschätzter Cousin bei einem Tavernenbesuch für gewöhnlich den Kopf zu verdrehen?.“
>“Mindestens drei.“<
„Ah, ja. Ich fürchte um dem gerecht zu werden müssen mich die Herren hier am Tisch tatkräftig unterstützen. Was sagt ihr? Als zweiten Gang nach dem Eintopf sechs Freibier und 2 Brathühner auf meine Rechnung? Wir wollen schließlich nicht riskieren, dass diese äußerst schlecht besuchte Taverne an fehlendem Umsatz zu Grunde geht, oder?“
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