Lost Chronicles

Normale Version: Drachenparken leicht gemacht
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Seiten: 1 2
Es war ein herrliches Gefühl, sich hoch oben im Ätherblau des Himmels den frischen Wind um die Nase wehen zu lassen. So wie jeder Drachenreiter lebte Athaín für dieses Gefühl. Er saß rittlings in dem schweren gepanzierten Sattel, der auf dem Rücken seiner Drachendame Alachia befestigt war, und ließ die schwebenden Inseln Aitherias an sich vorbei ziehen. Selbstredend war er angeschnallt, denn im Kampf musste man teils irrwitzige Manöver fliegen, und ein Drache im Sturzflug war verdammt schnell. Es oblag dem Reiter ihn zu lenken, und dafür musste dieser fest im Sattel sitzen. Der Drache konnte nicht auch noch darauf achtgeben, dass nicht der Reiter von seinem Rücken purzelte. Nun, gerade Athaín war dafür bekannt, von allen irrwitzigen Flugmanövern die tollkühnsten hinzulegen, deswegen schickte man ihn meist allein oder höchstens im Zweiergespann los. Der Drachenreiter mit der Maske vor dem Gesicht war zwar der Spezialist für ausweglose Situationen, hatte es jedoch in all den Jahrhunderten nie gelernt sich einem Kommando unterzuordnen - und man vertraute ihm auch keines an. Letzteres störte ihn indes auch nicht. Er arbeitete ohnehin lieber allein.

Ein leises Grollen drang aus Alachias Nüstern und ließ den mächtigen Leib der rot-golden geschuppten Drachendame vibrieren. Stark genug, dass ihr Reiter es zur Kenntnis nahm und die Stirn runzelte. Was siehst du? Athaín sprach nicht. Der Wind in dieser Höhe hätte ihm die Worte ohnehin von den Lippen gerissen. Sie formten sich in seinem Geist, welcher mit dem der Drachin verbunden war. So eng, dass auch Gefühle und Sinneseindrücke geteilt werden konnten - sofern beide es wollten. Die Drachin fokussierte ihren Blick, sodass auch Athaín nun sehen konnte was sie sah. Er hatte keinen Einfluss darauf was er zu sehen bekam, manchmal waren es Wolken oder Himmel, eine vorbeiziehende Insel, eine Person, je nachdem worauf sich der Blick Alachias gerade richtete. Wollte er etwas Bestimmtes sehen, musste er ihr das mitteilen, denn seine eigenen Augen waren ebenfalls die eines Drachen - jedoch so blind wie die eines Maulwurfs. Athaín kannte es nicht anders, er war bereits so auf die Welt gekommen. Allerdings konnte er nicht umhin es angenehm zu finden etwas sehen zu können. Es machte doch viele Dinge beträchtlich leichter.

Unter ihnen lag ein Schloß. Nun ja, von hier oben betrachtet war es eher ein Schlößchen. Zierlich hoben sich die Türme in den Himmel, und umgeben war es von einem parkähnlichen Garten mit einem kleinen See darin. Just auf diesen See richtete sich das Augenmerk der Drachin, und somit auch das Athaíns. Doch nein... Es war nicht die glitzernde Wasseroberfläche, für die sich Alachia interessierte. Etwas am Ufer bewegte sich. Der Drachenreiter in seinem Sattel richtete sich auf und beugte sich unwillkürlich etwas nach von. Da seine Partnerin es vor ihm entdeckt hatte, musste er sie nicht extra bitten genauer hinzusehen. Das tat sie von ganz allein. Ist das ein... Baum? dachte er ungläubig, und die Drachendame schnaubte zustimmend. Es hat Äste wie ein Baum, und Blätter wie ein Baum, also ist es ein Baum, antwortete sie. Oder etwas, was uns glauben machen will es wäre ein Baum. Jedenfalls winkt es uns zu. Tatsache! Es war dort unten ein Baum zu sehen, dessen Äste nicht zufällig im Wind wehten, sondern er benutzte sie wie Hände um zu winken.

Das sollten wir uns ansehen, verfügte Athaín kurzentschlossen. So etwas wie ein genervtes Seufzen durchwehte die telepathische Verbindung. Das letzte Mal als wir uns etwas ansehen wollten, musstest du zur Strafe Waffenkammerdienst machen, und ich war den ganzen Tag allein und habe mich gelangweilt! Der hellhaarige Drachenreiter brummte zerknirscht. Natürlich hatte sie recht. Entschuldige. Aber wir sollten dennoch nachsehen. Ich sehe keine Wachen. Wenn es falscher Alarm ist, sind wir ganz schnell wieder weg. Einverstanden? Wieder durchlief ein vibririerendes Grollen den mächtigen Körper, das Äquivalent eines halb zustimmenden, halb ärgerlichen Grummelns. Auf jeden Fall flog Alachia eine Kehre, und wenig später landete ein prächtiges Exemplar eines Feuerdrachen, annähernd fünf Schritt lang und zweieinhalb Schritt Schulterhöhe, auf dem gepflegten Rasen des Schloßparks in der Nähe des Sees, und ein gerüsteter Krieger mit wallendem Haar und einer Maske vor dem Gesicht sprang aus dem Sattel.

"Bleib hier. Ich werde mir das ansehen", murmelte Athain leise und zog sein Schwert. Ohne mich wirst du dir gar nichts ansehen, musste es natürlich schnippisch zurück kommen. Aber mach nur. Der Drachenreiter brummte mißvergnügt. Tatsächlich konnte er sich Dinge nur ansehen, wenn er in Alachias Nähe blieb. Je weiter er sich von ihr entfernte, desto weniger hilfreich waren die Eindrücke, die ihm die Drachenaugen übermittelten. Im Moment bewegte er sich jedoch in gerader Linie vor ihr auf die Bäume am Seeufer zu, sodass der Blickwinkel noch einigermaßen stimmte. Noch. Vorsichtshalber konzentrierte er sich jedoch auf die Geräusche der Umgebung. Auf sein Gehör konnte er sich seit je her verlassen und hatte gelernt sogar Entfernungen erstaunlich genau abzuschätzen.
Ihm war ganz furchtbar fade, gar langweilig. Seit er Skimmita begegnet war, wusste er was ihm all die Jahre gefehlt hatte. Ents waren genügsam, auch langsam im Denken und ihrem Fortschritt, doch waren sie nie allein oder gar einsam gewesen. Nicus jedoch wusste was diese Worte bedeuteten, denn Einsamkeit gab es bei den Ents nicht. Immer waren sie sich so nahe, dass die Verbundenheit zwischen ihnen wirkte. Hatte er all die vergangenen Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte damit verbracht die Lebewesen um ihn herum zu beobachten und bei dem kleinen Mädchen von damals auch am Leben teilzuhaben, so reichte es ihm nicht mehr still da zu stehen und nichts zu tun. Er wollte sich unterhalten, Wissen erlangen, welches die uralten Weisen unter den Ents als so wichtig empfanden! Nicus wollte Gesellschaft. Am liebsten jemanden, der mit ihm sprach. Aber er würde auch ein Tier beobachten, welches er noch nicht kannte.

Der majestätische Baum raschelte leise, aber enttäuscht mit den Ästen, niemand war hier. Sein innerer Blick hob sich gen Himmel, denn vielleicht gab es ja wenigstens einen Vogel? So lange es kein Specht war, mochte er sie sehr gern. Und tatsächlich! Da oben flog einer! Aufgeregt und voller Freude bewegte Nicus einen seiner großen dicken Äste, mit vielen Zweigen und winkte dem Vogel. Vielleicht wurde er ja beachtet. Der Setzling besaß jedoch nicht das Wissen, dass wenn man hoch oben einen sich bewegenden Punkt sah, dass dieser je näher er kam auch immer größer wurde.

Seinen Irrtum bemerkte er erst, als er das geflügelte Wesen richtig ‚sehen‘ konnte. Das innere Bild zeigte ihm ein ganz sonderbares Wesen mit einem seltsamen Auswuchs oben drauf. Nicus hielt den Drachenreiter zunächst für eine Art Missbildung, bis sie nahe genug waren, dass er den Menschen, er hielt ihn irrtümlich dafür, erkennen konnte. Seine Neugierde war da und er neigte sich etwas zu ihnen, während das imposante Tier mit seinem verkleideten Menschen landete. Der Ent bestaunte das geflügelte Wesen, er hatte noch nie einen Drachen gesehen. Noch war es ihm egal warum der Mensch mit den langen Haaren Metall an sich trug und eine Maske sein Gesicht bedeckte.

Als der Mann näher kam, bildeten sich plötzlich die dunklen Augen seiner menschenähnlichen Form im Baumstamm. Ein ganzes Gesicht war noch nicht, auch nicht angedeutet, sondern nur die Augen. So konnte er einfach besser sehen und er wollte das Tier betrachten. Der Mensch jedoch versperrte ihm den Weg und Nicus bedauerte dies. Schon bildete sich der Mund, der keine Lippen besaß, sondern einfach nur die Rinde teilte. „Gehst du bitte aus dem Weg, Nicus?“, fragte er freundlich, aber auch aufgeregt wie ein Kind, welches unbedingt sein Geschenk auspacken wollte. Der Ent senkte einen seiner dicksten Äste, wodurch natürlich die dünnen Zweige und vor allem die Blätter raschelten. Da er dem Mann nicht wehtun wollte, war er dabei langsam und behutsam. Er wollte ihn nämlich nur einen Schritt zur Seite schieben, so sanft es ihm möglich war. „Was bist du, Nicus? Du hast so hübsche Farben, Nicus!“
Da sie sich auf die Landung konzentrieren musste, hatte Alachaia - und damit auch ihr Reiter - den winkenden Baum erst einmal aus den Augen verloren. Obwohl die beiden sich bemüht hatten auf einer freien Fläche zu landen, blieb das Aufsetzen eines so großen und schweren Kolosses natürlich nicht ganz ohne Folgen für den kunstvoll angelegten Schlossgarten. Die Drachenklauen, der Schwanz und die Flügelspitzen hatten bei der Landung meterlange tiefe Furchen in die gepflegte Grasnarbe gerissen, und auch ein Beet mit sicher sehr teuren Blumen hatte dran glauben müssen. Darin saß nun die Drachin auf ihrem Hintern - der für ihre Art nicht einmal besonders ausladend war, aber es war eben ein Drachenhintern und besaß entsprechende Ausmaße - und walzte mit schierer Körpermasse die kümmerlichen Reste platt. Selbstredend hatten die zarten Plänzchen den harten goldenen Schuppen an der Unterseite nichts entgegen zu setzen. Der obere Teil des Schuppenkleides leuchtete in feurigen Rot- und Orangetönen in der Sonne und bot ein durchaus beeindruckendes Bild, während der spitze, hornbewehrte Kopf aus golden funkelnden Reptilaugen etwas schuldbewusst um sich blickte. Au weia, das würde mal wieder Ärger geben. Aber Athaín hatte es ja unbedingt so haben wollen...

Dieser indes hatte sein Schwert halb aus der Scheide gezogen, bereit es ganz hervor zu ziehen sobald er eine Gefahr gewahren sollte. Da er sich nun bereits ein Stück von seiner Partnerin entfernt hatte, waren deren Sinneseindrücke nicht mehr sehr hilfreich. Es befanden sich Bäume und Buschwerk in der Nähe des Ufers, sodass es ganz und gar unmöglich war aus der Entfernung einen einzelnen Baum auszumachen. Näher kommen konnte Alachia allerdings nicht, jedenfalls nicht ohne eine breite Schneise der Verwüstung durch den Garten zu trampeln. Nicht dass ihr das im Ernstfall nicht vollkommen egal gewesen wäre, aber im Moment wirkte alles ruhig und sah nicht nach Ernstfall aus. Was natürlich auch täuschen konnte, deswegen war es besser, wenn Athaín erstmal allein vorging um die Lage zu sondieren.

Vor sich hörte er ein Rascheln. Nicht eines wie es der Wind oder aufgeschreckte Vögel im Geäst verursachten, es klang irgendwie... anders. Zumal es nur aus einer bestimmten Richtung zu rascheln schien, es wehte kaum ein Lüftchen und die anderen Bäume und Büsche in der Nähe wiegten sich allenfalls gemächlich in der sanften Brise. Athain blieb stehen und wollte sich kampfbereit machen, da spürte er wie etwas nach ihm griff. Ob es nun sanft oder vorsichtig war, konnte er nicht beurteilen, auf jeden Fall fühlte er sich wie von knorrigem Astwerk beiseite geschoben, und eine Stimme hörte er auch. „Gehst du bitte aus dem Weg, Nicus?“ Es klang nicht einmal unfreundlich. Aber die Stimme gehörte eindeutig keinem Menschen. Sie klang tief, viel tiefer als der tiefste menschliche Bass, und dazu irgendwie... knarzend? Ein Geräusch wie alte Dielen, wenn man versuchte beim Darübergehen kein Geräusch zu machen. Bevor sich Athaín von seiner Überraschung erholen konnte - Wer bei allen Schatten von Erdgrund war Nicus? - sprach der Fremde auch schon weiter. „Was bist du, Nicus? Du hast so hübsche Farben, Nicus!“

Der Mann mit der Maske trat perplex tatsächlich einen Schritt zur Seite. Nun ja, ihm hatte noch nie jemand das Kompliment gemacht hübsche Farben zu haben - um der Wahrheit die Ehre zu geben besaß er überhaupt nicht viel Farbe - also konnte das Baumwesen mit der knarzenden Stimme nur jemand anderen meinen. Und der einzige Jemand, der außer ihm anwesend war, war die Drachin, die einige Schritt entfernt in ihrem annektierten Blumenbeet thronte, und sich beim Anblick des lebenden, sprechenden und sich bewegenden Baums zu ihrer vollen Größe aufrichtete. Dazu atmete sie tief ein, und aus ihren Nüstern drangen feine Rauchschwaden. Athaín! ertönte ihre gedankliche Stimme im Kopf des Drachenreiters und klang ein wenig drängend. Da... da... kommt ein Baum auf mich zu! Und... und... er starrt mich unbotmäßig an! Also... entweder regelst du das jetzt, oder ich tue es!

Aye! Äh... warte noch kurz! Ja scheiße! Wie zum Orkus bekämpfte man einen Baum? Zumal es auch noch ein sehr höflicher Baum zu sein schien... Die Situation entbehrte nicht eines gewissen Aberwitzes. Athaín schüttelte den Kopf und sprang mit einem Satz in die Richtung, aus der das Geraschel ertönte. Oder vielmehr versuchte er vor dem Geraschel zu landen und zog sein Schwert, um sich diesem in den Weg zu stellen. Nicht dass ein Schwert gegen einen Baum sonderlich effektiv gewesen wäre. Aber eine Axt oder eine Säge hatte er justament nicht dabei. "Halt!" rief er dem raschelnden Gesellen entgegen. "Keinen Schritt weiter, oder du bist Feuerholz! Mein Schwesterherz mag zwar hübscher sein als ich, aber im Moment bin ich das Einzige was zwischen dir und einer verdammt heißen Feuerlanze steht. Also schenkst du mir jetzt besser doch deine Aufmerksamkeit! Verstanden?"

Bruder, du stehst im Weg! hallte die ärgerliche Stimme der Drachendame in seinem Kopf. Ja, das weiß ich! Ich sagte: Warte! Oh mann. Das konnte ja heiter werden. Warum nochmal hatte er unbedingt hier unten nachsehen wollen?
Der Ent beobachtete die für ihn spektakuläre Landung und bedauerte die lieblichen Blumen, die nun platt auf den Boden gedrückt oder zerquetscht wurden. Dennoch war er erfreut darüber, dass er nun Gesellschaft hatte und das von gleich zwei Wesen, wobei der angebliche Mensch noch nicht so interessant war wie das schuppige Wesen.
Nicus wusste was ein Schwert war und auch wofür es da war, doch er beachtete es nicht. Er hatte seine Augen im Stamm erscheinen lassen und schließlich auch seinen Mund, damit er sprechen konnte. Denn der Mann war ihm im Weg, er konnte sein ungewöhnliches Reittier nicht gut erkennen, weshalb er einen starken Ast ausstreckte und ihn sachte beiseite schieben wollte und ihn bat aus dem Weg zu gehen. Knarzend und tief traf es sehr gut um die Stimme des Ents zu beschreiben. Der Setzling konnte seine Neugierde nicht zähmen, weshalb er das Wesen mit den Flügeln fragte was es sei und die Farben bewunderte.

Der Mensch war aber so nett und trat einen Schritt beiseite, weshalb der Baum freundlich meinte: „Dankesehr, Nicus.“ Staunend beobachtete er die Bewegungen des Wesens, welches jetzt noch größer erschien und sehr beeindruckend war. Da er sich nicht verwandelt hatte, blieb er wo er war, streckte sich aber ein wenig und der kräftige dicke Ast, mit dem er eben noch den Menschen angeschoben hatte, wurde etwas länger. Langsam länger, aber stetig. Er hätte es besser wissen müssen und vorsichtiger sein müssen, doch Nicus war davon fasziniert wie die Farben schimmerten und wenn er sich nicht irrte, dann besaß das Wesen ganz viele kleine Plättchen auf seinem Körper, die es umschlossen. Er meinte die Drachenschuppen, aber das Wort kannte er ja noch nicht, also waren es harte Plättchen für ihn.

Der Setzling hatte ebenso keine Ahnung, dass die beiden Fremden sich unterhielten, er hörte nur den Mann. Zumindest wenn dieser auch sprach. Der sprach zwar zuerst nicht, dafür machte er einen Satz und der Ast des Ents wäre fast gegen ihn geprallt, wenn er ihn nicht zur Seite bewegt hätte wie einen Arm. Nicus hielt auch tatsächlich inne, der Ast schwebte sozusagen in der Luft, als hielte er einen Arm ausgestreckt und schaute den hellen Mann verdutzt an. Warum war der denn jetzt so unhöflich und bedrohte ihn mit Worten?
„Ich habe keinen Schritt getan, Nicus. Sie ist wirklich viel hübscher als du, Nicus.“, stimmte er dann zu und lächelte die Schwester des Mannes an. Dann stutzte er, irgendwie war da etwas verkehrt in seinen Gedanken. „Was ist eine Feuerlanze, Nicus?“, fragte er neugierig nach. Er kannte Feuer, er fürchtete es und er kannte eine Lanze. Es war eine Waffe für den Kampf. Der junge Ent selbst klang freundlich, aber vor allem interessiert und neugierig, eine Gefahr für sich sah er noch nicht, auch keine richtige Bedrohung. Der Mann war in seinen Augen nur ungehobelt und unfreundlich.
Athaíns Gemütszustand konnte man gerade mit leicht gestresst umschreiben. In seinem Kopf und nur für ihn wahrnehmbar lag ihm Alachia in den Ohren, die den sprechenden und sich bewegenden - jedenfalls ging der Drachenreiter aufgrund des Geraschels davon aus - Baum als eine Bedrohung wahrnahm und ihn notfalls auf die Weise zu elimieren gedachte die Feuerdrachen zueigen war, wozu sie allerdings ein freies Spuckfeld brauchte, und auf der anderen Seite war da dieser knarzende Geselle, der scheinbar keine Ahnung hatte wovon die Rede war. Durch die Drachenaugen sah er sich selbst aus einiger Entfernung vor dem Baum stehen und mit dem Schwert herumfuchteln, was auf irritierende Weise an einen Spielzeugsoldaten erinnerte. Das war irgendwie auch nicht hilfreich. Immerhin konnte er nun erkennen, dass dieser Baum anscheinend Augen und einen Mund besaß.

Was war das für ein Wesen? Es mutete zwar skurril an, wirkte aber nicht böse oder verdorben, weshalb Athaín zunächst einmal davon absehen wollte Alachia das Feld zu überlassen. Drachen waren nicht für ihr Differenzierungsvermögen berühmt, wenn es darum ging potentielle Bedrohungen auszuschalten. Erst niederbrennen, dann sehen was zum Verhandeln noch übrig ist, war so die übliche Devise. Außer ihn mehr oder weniger nachdrücklich beiseite zu drängen, hatte dieser Baum aber bisher nichts getan. Was faselt dieses Ding da? wollte Alachia neugierig wissen. Aus der Entfernung konnte sie der Unterhaltung - sofern man den Austausch so bezeichnen konnte - nur unzureichend folgen. Er... Es... findet dich hübscher als mich, antwortete Athaín und musste innerlich grinsen, kannte er seine Schwester doch gut genug um sich die Antwort denken zu können.

Diese kam auch prompt, denn die Drachin erhob ihren Hintern aus dem Blumenbeet und reckte ihren Hals, wobei sich ihr Hornkamm dekorativ aufrichtete. Oh wirklich? Das will ich aber auch meinen! Schließlich hast du nur drei Schuppen im Gesicht, bist blind wie eine Schleiche und mickrig wie ein Frosch! Nun, er... hat Geschmack, gab sie selbstzufrieden zu, und der Drachenreiter atmete auf. Solange Alachia damit beschäftigt war sich im Glanz der Komplimente zu sonnen, würde sie zumindest nicht alles in ihrer Reichweite rösten. Wie immer ganz reizend, musste er dennoch telepathisch anmerken, bevor sich seine Aufmerksamkeit wieder dem Baum zuwandte. Er ließ das Schwert nun sinken, da es doch reichlich albern wirkte einen Baum mit einem Schwert zu bedrohen. Stattdessen rammte er es vor sich in den Boden und stützte die Hände darauf, die in gepanzerten Handschuhen steckten.

"Gut. Dann lass das auch besser. Ehm... kannst du das überhaupt? Ich meine so... durch die Gegend latschen? Oder beschränkt sich deine Bewegungsfreiheit auf das Winken? Wir haben dich von oben gesehen, und dachten du seist eine... Widernatürlichkeit." Es gab verschiedene Sorten von Schattenwesen und sonstigen magieinduzierten Entartungen, und die meisten davon waren bösartig. Aber so etwas wie diesen Baum hatte Athaín noch nie gesehen - geschweige denn bekämpft. "Eine Feuerlanze ist das, was ein Drache für gewöhnlich spuckt", erklärte er. "Ziemlich treffsicher und ziemlich tödlich. Sie kann aber auch Feuerbälle, giftigen Schwefel oder Aschewolken speien. Ihr Name ist Alachia, und ehm... sie fühlt sich gerade sehr geschmeichelt. Was dein Glück ist, denn wenn sie geschmeichelt ist, spuckt sie keine Feuerlanzen." Was ja fast schon logisch war, aber dieser Baum schien nicht viel zu wissen. "Und du?" drehte er nun den Spieß um und wollte selbst mal einige Dinge wissen. "Wieso bist du ein sprechender Baum, und warum sagst du dauernd Nicus zu mir? Gehörst du jemandem?"
Während der Reiter wahrscheinlich etwas angespannt war, befand sich Simnicus in einem Zustand der neugierigen Freude darüber, dass Fremde und dann so beeindruckende Wesen, hier gelandet waren. Er sah die Gefahr auch nicht, die von dem Drachenweibchen ausging und die so endgültig tödlich für ihn ausgehen könnte. Stattdessen versuchte er an dem Mann vorbei zu schauen, denn die wunderhübschen rot-goldenen Farben des fliegenden Tieres zogen ihn magisch an. „Und sie glänzen so hübsch in der Sonne und schimmern und funkeln, Nicus!“, sprach der Setzling seine Gedanken noch laut aus.

Und er hatte keine Ahnung, dass der langhaarige Mensch gedanklich weitergab was er sagte. Doch da er noch ein wenig im Weg stand, ließ Nicus seine Augen für eine Sekunde verschwinden und weiter seitlich an seinem Stamm wieder erscheinen. Eigentlich hingen viele seiner Zweige in Richtung Teich und manch ein Ast berührte sogar das Wasser. Doch das hatte sich inzwischen geändert, da seine Aufmerksamkeit auf der Drachendame lag. Diese erhob sich und reckte sich ein wenig, so dass sich da irgendwas bei ihr aufrichtete. Man konnte das beeindruckte Erstaunen selbst auf dem unfertigen Baumgesicht erkennen. „Oh, was hat sie gemacht, Nicus? Was ist das, Nicus?“, fragte er sofort nach und hatte kugelrunde Augen, die aber keine Erhebung in der Rinde waren, sondern einfach nur zu sehen.

Wie gern hätte er ihre bunten Plättchen berührt. Ob sie warm wurden, da sie die Farben der Sonne hatten? Doch der Mann forderte seine Aufmerksamkeit und so bewegten sich die Augen in seine Richtung, da dieser gerade sein Schwert in den Boden gesteckt hatte. Vielleicht war es ihm ja zu schwer geworden oder er war erschöpft, da er sich darauf abstützte. Selbst seine Hände waren in Metall eingeschlossen. „Ja, das kann ich, Nicus.“, bestätigte der junge Ent freundlich. „Ich kann dann auch viel besser winken, Nicus.“ Sein Mundschlitz lächelte so gut es in der Rinde ging schon fragte er weiter. „Was ist eine Widernatürlichkeit, Nicus?“
Als er die Erklärung bekam was eine Feuerlanze sei, raschelten seine Blätter instinktiv etwas unruhig. „Alachia ist schön, Nicus.“, bemerkte er und man wusste jetzt nicht so genau, ob er sie selbst meinte oder ihren Namen. Aber eines wusste er selbst jetzt, sie war gefährlich für ihn. Er durfte sie nicht wütend machen, auch wenn er nicht wusste wie so ein giftiger Schwefel aussah und was dieser machte. Aber Feuer kannte er, hatte dem Weisen gelauscht und seine Bilder gesehen und wusste deshalb auch was Aschewolken waren.

„Ich bin ein Ent, Nicus. Ich sage meinen Namen und nicht deinen, Nicus. Deinen kenne ich nicht, Nicus. Aber ich gehöre niemanden, Nicus. Gehörst du Alachia, Nicus?“ Wenn der Mann das so fragte, dann gehörte er wahrscheinlich selbst jemanden. So nahm der Setzling das jedenfalls an. Für ihn war das jetzt eine sehr logische Schlussfolgerung. Und er war ganz schön stolz darauf, dass er so denken konnte. „Was ist Alachia, Nicus?“, stellte er dann doch schon wieder eine Frage und seine Wissbegierde hatte noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht.
Tja. Da konnte Athaín gar nicht mitreden. Er hatte Alachia noch nie gesehen. Kunststück, er sah ja immer nur was sie sah, und es gab keine so großen Spiegel dass sich Drachen darin bewundern konnten. Falls doch, hatte sie ihn bisher an diesen Momenten nicht teilhaben lassen. Aber die Informationen waren interessant, weshalb der Halbdrache lauschend den Kopf schieflegte. Sie sah also ihrem Vater ähnlich, der zugleich sein eigener Vater war. Nicht dass ihn das vor Überraschung aus den Stiefeln haute, waren doch die Schuppen in seinem eigenen Gesicht hinter der stählernen Maske ebenfalls golden. Ein wissenswertes Detail war es dennoch.

Das Baumgesicht schien nun zu verschwinden, was Athaín durch Alachias Augen eben noch wahrnehmen konnte. Das es anderswo am Stamm wieder auftauchte, bekam er jedoch nicht mit. Zu weit weg, und zuviel Sichtbehinderung durch Blätter und Buschwerk. Da der Baum aber weiter sprach und seine Eindrücke schilderte, musste es trotzdem irgendwo sein. „Oh, was hat sie gemacht, Nicus? Was ist das, Nicus?“ "Ehm... gute Frage..." Ja woher zum Donnerwetter sollte er das denn wissen? Was hast du gemacht? erging die Frage telepathisch an seine Drachenschwester. Ich? kam es überrascht zurück. Nichts, außer mich zu langweilen und darauf zu warten dass ihr mit eurem Palaver fertig seid. Willst du diesen Baum nun bekämpfen oder ihn heiraten? Eine solche Antwort war zu erwarten gewesen. Athaín rollte gedanklich mit den Augen. Ich denke über Zweiteres nach, gab er zurück, damit sie etwas Zeit brauchte um sich die nächste spitze Bemerkung zu überlegen.

"Also... kann ich dir nicht sagen. Wie du siehst, stehe ich mit dem Rücken zu ihr, weiß also nicht was sie gerade macht." Das stimmte sogar. Nein, Athaín war nicht müde oder erschöpft, es war nur angenehmer so. Die ganze Zeit aus einem fremden Blickwinkel zu sehen konnte den Gleichgewichtssinn schon ziemlich beanspruchen, da war es besser einen sicheren Stand zu haben. Inzwischen konnte er damit umgehen. In der Anfangszeit hatte er oft die Orientierung verloren und angefangen seinen Mageninhalt von sich zu geben. Ja, tatsächlich kotzte man wie ein Fischreiher, wenn visuelle Signale nicht mit denen aus dem Mittelohr übereinstimmten. Er hatte den Umgang damit hart trainieren müssen, und es hatte ein gutes Jahrhundert und einen Arschvoll spöttischer Bemerkungen von Seiten Alachias gebraucht, um wirklich alle Grenzen auszutesten.

"Du könntest also auch... deine Wurzeln in die Hand nehmen und einfach davon wandern?" fragte der Drachenreiter verwundert nach. Das... fand er ja schon ziemlich faszinierend. "Oh ehm..." Wie erklärte man eine Widernatürlichkeit? Inzwischen hatte er begriffen dass man mit dem Baumwesen wohl auf dem Niveau eines Kleinkinds kommunizieren musste, welches bisher nur den Garten hinter dem Haus kannte. Na, ob ausgerechnet Athaín sich dafür eignete? "Stell dir einen Baum vor, so wie dich, aber darin wohnt ein Schatten und hat ihn böse gemacht", versuchte er es mal. "Er setzt also seine Kraft ein um Menschen und Tieren weh zu tun. Allerdings kann er auch, wenn er will, still stehen und wie ein ganz normaler Baum aussehen. Alachia und ich gehören zum Ordo Draconis. Das ist ein Orden, der solche Schattenwesen ausfindig macht und bekämpft. Man nennt uns auch die Drachenreiter." Dieser Begriff war dem Landvolk eher geläufig, möglicherweise hatte der Baum ihn ja schonmal gehört. Auch wenn das eher unwahrscheinlich war bei dieser raschelnden Bildungslücke.

Immerhin schien er jetzt zu begreifen dass es nicht ganz ungefährlich war einen Drachen anzuhimmeln. Denn meist interpretierte der Drache die Absicht falsch. "Hm-hm, schön gefährlich und mit Vorsicht zu genießen", versetzte er trocken und dachte einfach mal dass er sich auf die Wesenheit selbst bezog. "Selbst ich muss aufpassen wenn sie so richtig schlechte Laune hat, und ich bin ihr Bruder. Und du bist... ein Ent?" wiederholte er das Wort und runzelte die Stirn, was man hinter der Maske nicht sah. "Von so einem Volk habe ich noch nie gehört. Gibt es noch mehr von euch, oder bist du der Einzige? Und warum sagst du immer deinen eigenen Namen? Das ist etwas... verwirrend. Weil, normalerweise sagt man den Namen desjenigen, mit dem man spricht. Ich heiße übrigens Athaín", schob er bei der Gelegenheit mal hinterher und gab auch gleich ein Beispiel: "Freut mich dich kennen zu lernen, Nicus." Er musste ein wenig schmunzeln. Hier stand er nun und unterhielt sich mit einem - Baum. "In gewisser Weise... gehöre ich ihr, und sie mir", nickte er. "Wir sind verbunden seit unserer Geburt. Jeder Drachenreiter ist das mit seinem Drachen." Dabei ließ er mal außen vor, dass sie neben der Bindung auch noch blutsverwandt waren. Man musste es ja nicht allzu kompliziert machen.
Der junge Ent war noch immer gänzlich von der Drachin begeistert und von ihren schönen Farben. Er hatte zwar schon Vögel gesehen, mit bunten Federn, aber die hatten nie so geschimmert und geglänzt und er wollte sie immer noch anfassen. Diese Plättchen sahen hart aus. Vielleicht waren sie ja zum Schutz da? Allerdings war Nicus versucht die Kopfbewegung des Mannes nachzuahmen, während dieser ihm zuhörte. Natürlich ging das nicht, weil er ja noch seine Baumgestalt hatte, dennoch neigte sich der Wipfel ein klein wenig zur Seite.

Nicus wechselte seine Sicht, sprich sein ‚Gesicht‘ wanderte seinen Baumstamm entlang, so dass der Mensch nicht mehr im Weg stand und als die Drachendame sich ‚aufplusterte‘, wollte er natürlich wissen was sie gemacht hatte. Die dunklen Baumaugen starrten das fliegende Wesen an, während er auf eine Antwort wartete, die aber einige Momente auf sich warten ließ. „Oh, schade, Nicus.“, kam es fast schon traurig von dem Hölzernen, ehe ihm eine Idee kam! „Sie hat etwas aufgestellt, Nicus. Auf einmal war es da, Nicus. Es sieht aber nicht so aus wie ihre Plättchen, Nicus.“ Vielleicht konnte er es ihm ja jetzt sagen? Die Augen wanderten wieder und sahen nun den Mann an, mit einem Hoffnungsschimmer darin.

Verwirrt wurde sein Blick erst, als der Mensch fragte, ob er seine Wurzeln in die Hand nehmen könne. „Wie soll das funktionieren, Nicus? Mit Wurzeln kann ich nicht gehen, Nicus. Das geht nur mit meinen Beinen, Nicus.“ Der Mensch war seltsam. Doch gleich darauf lauschte er sehr aufmerksam der Erklärung was eine Widernatürlichkeit war. Beunruhigt raschelte er mit seinen Ästen und Zweigen, als schüttelte er sich, weil es ihm unheimlich war. Und so war es auch, also in etwa, denn solch ein Gefühl kannte er nicht, es war rein instinktiv. „Man darf seine Kraft nicht für etwas Böses einsetzen, Nicus. Das habe ich aus den Geschichten gelernt, Nicus. Da habe ich immer heimlich zugehört, Nicus.“ Man durfte auch keinem wehtun, das war gemein und die Helden in den Geschichten taten das nur um ihre Liebsten zu beschützen. Und dieses Bild war es, was sich in all den Jahrhunderten in dem Ent gefestigt hatte. Normalerweise waren Ents neutral, hielten sich aus allem raus und unternahmen nichts. Das war bei Somnicus nicht mehr möglich, da sich bei ihm gut und böse gebildet hatten.

Dafür hatte der Mann Recht, ihm sagten Drachenreiter nichts. „Vielleicht habe ich davon gehört, als ich geschlafen habe, Nicus.“, lächelte er, weil er probieren wollte, ob er höflich sein konnte. Er wollte den Menschen nicht beleidigen, in dem er sagte, er habe nie von ihm und seinen Mannen gehört.

Erst nach den Erklärungen zu der Drachendame wurde ihm klar, dass sie gefährlich sein konnte. „Ich muss also vorsichtig sein, richtig, Nicus?“ So wie der Mensch es auch tun musste. „Wir sind viele, Nicus.“, antwortete er zunächst, weil das noch einfach war. Bei der anderen Frage musste er überlegen und es sah so aus, als würde sich die Rinde an der Stelle einer imaginären Stirn ein wenig knarziger aussehen. Sein Verstand war nicht dafür ausgelegt etwas schnell zu kapieren, wenn es komplizierter wurde. Erst einmal wiederholte er den Namen des Mannes: „Aßain…“ und lächelte.
Dann glaubte er die Antwort gefunden zu haben und so sah er ihn auch an. „Es freut mich auch, dich kennenzulernen, Aßain. Dann seid ihr so verbunden, wie Ents, Aßain? Aber wir gehören einander nicht, Aßain. Dafür spüren wir, ob ein andere Ent bei uns ist, Aßain.“ Sogar auf größere Entfernung hin, doch nicht über einen gesamten Planeten hinweg. Es konnte also möglich sein, wenn auch äußerst unwahrscheinlich, dass am anderen Ende dieses Planeten noch ein Ent lebte oder zu Besuch war.
"Ah. Ihren Hornkamm wahrscheinlich", mutmaßte Athaín, der Alachia zwar noch nie gesehen hatte, aber dafür genügend andere Drachen. Die meisten besaßen Hornkämme, die sie zum Imponiergehabe aufstellen konnten, oder auch abspreizbare Krägen, was aber mehr bei Wasser- und Luftdrachen zu finden war. Das hoffnungsvolle Funkeln in den hölzernen Baum-Augen konnte ebensowenig sehen, Alachia war zu weit weg - und er selbst stand zudem noch als Sichtbehinderung davor. "Das machen sie oft, wenn sie jemanden beeindrucken wollen. Und mit Plättchen meinst du wohl ihre Schuppen." Der Drachenreiter musste ein wenig schmunzeln. Soso, da war also jemand eitel und schmiss sich in Präsentierpose. Die Erkenntnis behielt er jedoch für sich und rieb sie der Drachin nicht unter die Nase. Jedenfalls nicht gleich. Man musste auch noch einen Trumpf im Ärmel behalten. Danke für die Info, Bäumchen. Auch das dachte er nicht "laut".

"Du hast Beine?" Nun war es an Athaín verwirrt zu sein, auch wenn sein Gesichtsausdruck hinter der Maske verborgen blieb, die nur die Mund- und Kinnpartie frei ließ. Man konnte es aber unschwer am Tonfall erkennen, sofern man so etwas deuten konnte. "Wie das? Ich dache immer, Bäume haben Wurzeln?" Das wusste er sogar recht genau, schließlich war er in einem Wald aufgewachsen und regelmäßig über die knorrigen Dinger gestolpert wenn er nicht achtsam gewesen war. "Da hast du wohl recht", nickte der Drachenreiter auf die tiefschürfenden philosophischen Gedanken hin, die ihn nun immerhin restlos davon überzeugten dass diese Baumwesen - oder Ents, wie sie sich selbst nannten - nicht böse oder verdorben waren. Zumindest nicht von Natur aus.

"Aber manchmal hat man keine Wahl. Die Schatten dringen aus den Toren und verpesten die Welt. Was sie berühren stirbt oder wird wahnsinnig. Manchmal gibt es eine Möglichkeit den Schattenbefall rückgängig zu machen. Manchmal aber auch nicht. Dann muss man die Befallenen töten, auch wenn sie vorher vielleicht gutartige Menschen, Tiere oder Pflanzen waren. Auch Land, Gewässer und sogar Luft können von den Schatten verseucht werden, sowie alles was darin oder darauf lebt. Dann erheben sich riesige, verzerrte Kreaturen und verwüsten die Umgebung. Naja. Und da kommen wir Drachenreiter ins Spiel."

Athaín quittierte den Versuch diplomatisch zu sein mit einem Schmunzeln. "Du warst noch nicht sehr oft unterwegs, kann das sein?" Anders war es nicht zu erklären, dass dieses Wesen von alldem nichts wusste. Es lag dem Halbdrachen mehr etwas auf den Kopf zuzusagen als um den heißen Brei herumzuschleichen, und er nahm es auch nicht übel wenn andere das taten. Sofern sie sich dabei kurz fassten und nicht klugschwätzten. "Wie lange hast du denn geschlafen? Für nen Baum bist du... schon ziemlich groß, huh?" Er wusste ja nicht wie diese Ents entstanden, ob sie wie ganz normale Bäume aus einer Nuss oder Eichel wuchsen, oder vielleicht als ausgewachsene Bäume spontan beseelt wurden. Möglich war Vieles.

"Vorsicht ist bei Drachen immer angebracht", bestätigte er nickend, bevor er ebenfalls seine Stirn ein wenig runzelte bei der erschöpfenden Auskunft. "Viele? So viele wie Ameisen, oder... wie eine Schafherde?" Auf jeden Fall befand es der Drachenreiter als nützlich zu wissen wie groß die Population in etwa war. Er würde schließlich noch einen leidigen Bericht verfassen und rechtfertigen müssen warum er unbefugt auf adligem Eigentum gelandet war. Ein wenig musste er grinsen bei der geknarzten Aussprache seines Namens. Es war nicht einmal ungewohnt, dass dieser nicht so ausgesprochen wurde wie er klingen sollte. Er war ganz offensichtlich elbischer Natur, was es für ihn nie leichter gemacht hatte. Hinz oder Kunz hätte es ebenso getan. "Schon ganz gut", lobte er daher nickend. "Wenn du ihn jetzt vielleicht noch... nur alle 10 Sätze dranhängen könntest?" Ihn nach jedem Satz so gräßlich falsch ausgesprochen zu hören war doch ein bisschen viel für seine Ohren... und seine Nerven.

"Ich weiß nicht wie ihr Ents miteinander verbunden seid", antwortete er wahrheitsgemäß. "Könnt ihr auch gegenseitig eure Gedanken hören und euch im Kopf unterhalten? Gehören ist vielleicht das falsche Wort..." Er runzelte die Stirn. "Die Verbindung zwischen einem Drachen und seinem Reiter ist einzigartig. Ohne den Einen ist der Andere nichts. Deswegen sind wir einander ergeben und passen gut aufeinander auf." Athaín erwartete nicht, dass der Ent es verstand. Aber Nicus hatte gefragt und bekam eine ehrliche Antwort.
„Hornkamm, Nicus?“ Der junge Ent hatte schon Kämme gesehen, er wusste sehr genau wofür die Menschen oder auch Elben sie benutzten, das hatte er schon beobachten können. Aber der weibliche Drache hatte gar keine Haare und so sah er Aßain sehr verwirrt an. Er ließ das Thema sein, denn lieber nahm er das neue Wort auf, Schuppen statt Plättchen. „Ja, Schuppen, Nicus. Sind sie so weich wie die von Fischen, Nicus?“ Jetzt war das Verlangen die Drachin zu berühren noch viel stärker geworden.
„Ja, habe ich, Nicus. Aber nicht jetzt, Nicus. Jetzt habe ich Wurzeln, die tief in die Erde reichen, Nicus.“ Der Mundschlitz lächelte und die knorrige Stimme hatte einen leicht vergnügten Tonfall inne. „Wir Ents können unsere Gestalt ändern, Nicus. Dann haben wir Beine und Arme und Hände, einen Kopf, Nicus.“ Irgendwie klang er gerade so, als freue er sich darüber, dass er Aßain überraschen konnte. Und so war es auch.

„Die Schatten töten, Nicus?“, fragte er bestürzt nach und die Baumaugen suchten sofort nach einem Schatten. Da war sogar einer und im ersten Moment dachte er auch gar nicht weiter nach, dass jedes Wesen und jeder Gegenstand einen gewöhnlichen Schatten warf. Er sah Aßain in Gefahr, weshalb er sich auch weit über ihn neigte und mit den Worten: „Da ist einer bei dir, Nicus!“ bewegten sich seine Äste und er schob den Mann zu sich, an seinen Stamm um ihn zu beschützen. Es war ein Beispiel für das langsamere Denken der Ents, aber auch ihre Art Schwächere vor dem Tod beschützen zu wollen. Und der Tod durch Schatten klang grauenhaft.

Simnicus überlegte etwas später und raschelte dann leise mit den Blättern. „Nein, Nicus. Ich bin vor sehr langer Zeit hier her gekommen, Nicus. Und dann bin ich genau hier gewachsen und groß geworden, Nicus.“ Die Frage jedoch wie lange er geschlafen habe stürzte ihn in eine große Grübelei, weshalb er auch eine Weile schwieg, ehe er eine Antwort gab. „Ich weiß es nicht, Nicus. Sehr sehr lange, Nicus.“
Dann nickte er jedoch gewissenhaft, er würde aufpassen und nicht vergessen, dass Vorsicht bei Drachen immer gut war. Wieder dachte er länger nach, wie viele waren sie? „Ich kenne nicht alle Ents, Nicus. Aber ich habe einst eine Schafherde gesehen, Nicus. Wir sind mehr, Nicus.“

Der Baum probierte sich an der Aussprache des Namens des Mannes und war ganz stolz, als dieser ihn lobte. Er lächelte so deutlich wie es ihm gerade möglich war und raschelte gut hörbar mit seinem Geäst. „Ich versuche es, Aßain. Ich versuche es.“ Da musste er sich schon konzentrieren nicht ständig, sondern nur alle 10 Sätze den Namen zu sagen.
Nach einem langsamen Blinzeln schüttelte er verneinend seine Blätter. „Wir brauchen nicht miteinander reden. So wie wir jetzt. Wir spüren und fühlen und sind miteinander. Wir finden uns auf derselben Welt.“ Aufmerksam lauschte er der Beschreibung und staunte nicht schlecht. „Musst du sterben, wenn sie stirbt?“, fragte er beinahe schon furchtsam nach. „Oder sie, wenn du stirbst?“
Seiten: 1 2