Lost Chronicles

Normale Version: Und plötzlich ist alles anders …
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Die Sonne war noch nicht wirklich aufgegangen und doch war Akemi bereit seit einer gefühlten Ewigkeit wach. Unruhig drehte das Mädchen sich in ihrem Bett von einer Seite auf die andere. Sie war so furchtbar aufgeregt: Heute wurden die Nomaden erwartet, die jedes Jahr zweimal vorbei kamen um Handel zu treiben. Das war immer aufregend. Die Nomaden erzählten Geschichten aus fernen Ländern, sangen Lieder in fremden Sprachen und manchmal tanzten sie auch. Akemi liebte die Geschichten, sie konnte ihnen stundenlang zuhören. Außerdem waren auch immer jede Menge Kinder mit den Nomaden unterwegs und diese wussten in der Regel immer neue Spiele. Vor Vorfreude knabberte sie an ihren Fingernägeln und schielte zu den anderen Betten in der Kinderkammer hinüber. Wie konnten ihre Brüder nur so tief und fest schlafen? Endlich hörte sie die Mutter in der Küche nebenan rummoren und so schnell sie konnte hopste sie aus dem Bett. Im Schlaf musste sie sich wieder gewandelt haben, denn auf dem Kopfkissen lag eine rotgoldene Feder. Verstohlen schob sie diese in einen kleinen Beutel, den sie unter ihrem Kopfkissen versteckt hatte. Sie wusste, dass die Eltern sich Gedanken machten und sie wollte ihnen keine Sorgen bereiten. Aber sie konnte es einfach nicht kontrollieren und der Vogel war doch ein Teil von ihr, noch dazu ein Teil, den sie mochte.

Rasch wusch sie sich Gesicht und Hände in der Waschschüssel. Brr, war das Wasser kalt! Wärme war ihr viel lieber! „Los aufstehen! Die Karawane kommt bald!“ Energisch schüttelte sie ihren Bruder an der Schulter. Toru grunzte und zog sich das Laken über den Kopf. Akemi zog einen Schmollmund und wandte sich an Haku. Aber auch er war nicht wach zu bekommen, er reagierte noch weniger. Ihr mittlerer Bruder Kazuma antwortete ihr wenigstens aber mehr als ein >Gib Ruhe Nervensäge!< war von ihm nicht zu hören. „Ihr seid langweilig!“ schimpfte sie und tapste noch im Nachthemdchen zu ihrer Mutter in die Küche. Der Vater war bereits draußen, an Tagen, wo die Nomaden kamen, begann das Tagwerk noch früher. >Guten Morgen mein Sonnenschein!< Ihre Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn und stellte ihr einen Becher Tee hin. Während die Kleine an einem Keks knabberte, begann Amaya die langen roten Haare ihrer Tochter zu kämmen. Eine Daunenfeder hatte sich darin verfangen und ohne dass Akemi es merkte, zog die Mutter sie heraus. Für einen kleinen Moment entglitt ihr das Lächeln, was das Mädchen zum Glück nicht bemerkte. Amaya machte sich Sorgen, mehr als dass sie zugab. Sie und ihr Mann liebten ihre Tochter über alles aber seit sie sich in einen Phönix gewandelt hatte war die Angst ein ständiger Begleiter. Was würde passieren, wenn jemand dahinter kam, dass Akemi eine Gestaltwandlerin war, noch dazu eine Phönixwandlerin?

„Mama, hörst du mir zu?“
>Wie? Oh entschuldige meine Kleine! Hab ich dich geziept?<
„Nein, schon in Ordnung. An was hast du gedacht?“
>Nichts Besonderes, nur daran, dass ich mich freue unsere Freunde wieder zu sehen.<
„Ich mich auch. Denkst du sie haben neue Geschichten zu erzählen?“
>Sicherlich!<
„Und ich bin jetzt 10 Sommer alt, denkst du ich kann einen der Tänze lernen?“
>Wir werden sehen. So …<

Amaya hatte Akemis Haare zu zwei Zöpfen geflochten und umwickelte eben das Ende des zweiten mit einem Lederband. Da erscholl von draußen ein Ruf >Die Nomaden, die Nomaden sind da!< Das Mädchen war sofort auf den Beinen und wollte nach draussen, wurde aber von seiner Mutter lachend zurück gehalten. >Erst trinkst du deinen Tee aus. Und anziehen musst du dich auch, du wirst doch nicht im Nachthemd nach draussen wollen!< Akemi wurde rot um das Nasenspitzchen, steckte dieses aber schnell in den Becher und trank den Tee aus. Als sie zurück in die Kinderkammer sauste, stieß sie in der Tür mit ihre Brüder zusammen, die reichlich verschlafen heraus geschlurft kamen. >Die Kleine ist schon wieder so unverschämt munter. Kann die nicht eine eigene Kammer haben?< Akemi streckte ihnen die Zunge heraus, huschte hinter ihnen in den Raum und beeilte sich, sich anzukleiden. Eine eigene Kammer … das wäre wunderbar. Aber die Hütte war nicht groß genug dafür. Und Toru würde bald eine eigene Hütte haben, immerhin ging er in letzter Zeit auffällig oft mit Yuki spazieren. Das war die Tochter vom Dorfältesten und in seinem Alter. Sie konnte zwar nicht verstehen, wie man auf die Idee kommen konnte, ihren Bruder heiraten zu wollen, aber ja … Ältere musste man nicht verstehen.

Kaum war sie fertig, rannte sie durch die Küche nach draußen in Richtung des Eingangs zur Siedlung. Um besser sehen zu können kletterte sie auf eine Mauer und ja, in der Ferne konnte sie eine Staubwolke erkennen, die rasch näher kam. Die Nomaden kamen.
Die ersten Sonnenstrahlen ließen noch auf sich warten, nur der heller werdende Himmel an dem sich nach für nach die Sterne zurückzogen deutete darauf hin, dass es bald Tag werden würde. Gerade genug Licht um mit dem Aufbruch zu beginnen. Felle wurden eingerollt, mehr oder weniger willige Lasttiere beladen, die letzte Windel gewechselt – warum dauerte das so lange? Zeit, dass ihr kleiner Bruder die Wickel loswurde, das ständige Gequängel wenn sein Leinen nass wurde war SO lästig. Sie war sicher viel schneller trocken als er. Dessen war sich Lei sicher. Unruhig rutschte sie auf dem Rücken des Kamels hin und her, hoppste ein bisschen auf und ab, was das Tier dazu veranlasste gemächlich loszutraben.
„He, nein warte!“, schimpfte das Mädchen und versuchte es mit einem erneuten Hoppser zum Stehen zu veranlassen versuchte zu Schnalzen - nichst geschah. Rettung kam erst in Form ihres Vaters Benshal schnalzte ein Mal laut mit der Zunge und das Tier blieb prompt stehen. „Gehen wir?“, fragte sie und musste sich beherrschen nicht zu quängeln. Ihr Vater mochte es nicht wenn sie das tat. Er lächelte nur und deutete mit einem Nicken an, sie möge etwas weiter vorrutschen, ehe er hinter ihr aufsaß. Langsam ließ er den Blick über die anderen Nomaden schweifen, die sich nach für nach in einer Karawane einreihten und loszogen. Lei versuchte ganz still zu sitzen. Wartete brav. Ein artiges Mädchen. Die kleinen Füße begannen unruhig zu wippen, bald schon gefolgt von den Knien, baumelten ihre Beine vor und zurück. Das war nicht auszuhalten! „Also?“, fragte sie mit so viel Selbstbeherrschung wie eine Siebenjährige nur aufbringen konnte. Ihr Vater lachte.
„Ich habe mich gewundert wieso es heute so lange dauert, bis du drängelst. Du hast dir wirklich Mühe gegeben.“ Lei verdrehte die Augen.
„Und verdreh deine Augen nicht!“ Erschrocken drehte sich der schwarzgelockte Kopf des Mädchens nach hinten. „Wie hast du...?“
„Ich sehe alles“, schmunzelte der dunkelhäutige Mann in seinen Bart und Lei glaubte ihm. Sie glaubte ihm alles, würde ihn noch fragen müssen, wie... als auch schon ihre Mutter, einen strampelnden Knirps vor sich auf dem Kamel angetrabt kam. Die allessehende Magie ihres Vaters war vergessen – etwas viel, viel wichtigeres stand an, wenn sie ihren kleinen Bruder so vor ihrer Mutter sitzen sah.
„Wann darf ich alleine reiten?“
„Wenn du es kannst“, war die trockene Antwort ihrer Mutter und noch ehe sich die Augäpfel des Mädchens in Richtung Rollen bewegen konnten, tippte sie ihr Vater auf den Kopf. „Denk nicht mal dran.“, ehe sich die kleine Familie mit ihren Lasttieren die brav hinterdrein trabten in die Karawane einreihte. Lei lehnte sich zurück gegen die breite Brust ihres Vaters, lehnte den Kopf in den Nacken und blickte gen Himmel, versuchte die Sterne so lange wie nur möglich zu sehen, bis einer nach dem anderen verschwand. Wohin verschwanden sie? Lei wünschte sie könnte fliegen und es sich ansehen...
Die aufgehende Sonne im Rücken kam die Gruppe Reisender über den Hügel und Lei streckte sich um das Dorf besser erkennen zu können. Aufregung machte sich in ihr breit. Ob ihre Freunde von letztem Mal sie noch erkannten? Manche Orte die sie nur selten besuchten, waren ihr fremd an diesen jedoch erinnerte sie sich und hoffte, dass auch die Kinder mit denen sie vor einigen Monaten gespielt hatte ihr keine Fremden waren. Und sie ihnen nicht. Kaum dass sie an den äußersten Häusern waren, hüpfte Lei, wie die meisten Kinder in ihrer Nomadengruppe freudig hinunter um sich zu einer Gruppe Kinder zu gesellen, während die Erwachsenen Förmlichkeiten austauschten oder alte Freunde mit Umarmungen begrüßten. Auch ihre Familie war gerade mit alten Freunden zugange und Lei erblickte einen roten Schopf, der ihr nur zu bekannt vorkam. Sich von dem Jungen lösend der ihr gerade munter von seinem Frühstück erzählte ging sie mit hinüber, die Hände an ihren Oberarmen sich selbst ein wenig umarmend lächelte sie schüchtern.
Verschwunden das ungeduldige, Kind von vorhin, das sie nur bei ihrer Familie gelegentlich war, stand sie nun schüchtern bei ihrer Familie. Die Mütter hatten sich bereits gegenseitig im Arm während die Männer überschwängliche Schulterklopfer austauschten. Lei scharrte mit dem Fuß ein wenig im Sand blickte dann hoch in die Augen von Amaya und sagte dann fast unhörbar „Hallo.“ Nur das leichte Lächeln zeigte, dass Lei sich freute und einfach nur unbeholfen war – nicht wusste wie sie sich verhalten sollte. Ob Akemi sich überhaupt noch an sie erinnerte?“
Wie immer war es ein lautes Hallo, als die Karawane den Eingang des Dorfes erreichte. Akemi sprang von ihrer Ausgucksmauer herunter und rannte, wie die meisten andern Kinder auch, hinter den Nomaden her, die am Hauptplatz der Siedlung - wenn man den Platz in der Mitte rund um den Brunnen so nennen wollte - Halt machten. Die Kamele, alles genügsame Tiere, blieben genau dort, wo ihre Reiter sie zurückgelassen hatten, anzubinden brauchte man sie nicht, einzig Fußfesseln wurden ihnen angelegt. Später würde man sie an den Rand der Siedlung zum kleinen Wasserloch bringen, aber erst würden die Waren abgeladen werden. Doch das hatte noch Zeit. Die Erwachsenen begrüßten einander herzlich, kannte man sich doch bereits viele Jahre. Was als Geschäftsbeziehung begonnen hatte, war über die Zeit zu tiefen und ehrlichen Freundschaften gereift, getragen von gegenseitigem Respekt, Hochachtung und Verständnis. Aus den Augenwinkeln sah Akemi ein junges Mädchen aus der Siedlung, gerade an der Schwelle zur Frau, das mit einem freudigen Aufschrei in die Arme eines jungen Mannes lief. Die Umstehenden lachten gutmütig, war es doch ein allseits bekanntes Geheimnis, dass sich die beiden sehr zugetan waren. Vermutlich würde der Jüngling nun, da sie beide das heiratsfähige Alter erreicht hatten, beim Vater des Mädchens um deren Hand anhalten und wenn alles gut lief, gäbe es bei einem der nächsten Aufenthalte eine Hochzeit zu feiern. Aber auch einen Abschied würde es geben, denn normalerweise würde das junge Paar sich dann der Karawane anschließen. Verträumt sah Akemi zu den beiden hinüber. Würde sie wohl auch einmal jemanden finden, dem sie so zugetan war? Wobei sie sich eigentlich noch gar nicht vorstellen konnte was das bedeuten sollte, die Jungen aus der Siedlung waren entweder Kumpanen oder, sobald sie ein gewisses Alter erreichten, einfach nur dämlich. Ihr bester Kumpel war Tao und als einer der Alten einmal meinte, sie wären ein herziges Paar und würden sicher einmal heiraten, hatte Akemi respektvoll aber entschieden entgegnet, dass ginge nicht, weil er war doch ihr Freund! Den konnte man doch nicht heiraten! Und dann war da noch ihr zweites Ich, der Vogel, von dem sie niemandem erzählen durfte, von dem niemand wusste außer ihrer Familie. Wie sollte sie so etwas verbergen, wenn sie Tag ein, Tag aus mit jemandem zusammenwohnte?

Ein schüchternes >Hallo< riss sie aus ihren Gedanken. Vor ihr stand ein Mädchen, wohl zwei bis drei Jahre jünger als sie. Akemi kramte in ihrem Gedächtnis, runzelte die Stirn. Sie kam ihr bekannt vor aber wer … „Lei!“ Seit ihrer letzten Begegnung war ihr Gegenüber gewachsen und so hätte Akemi sie beinahe nicht erkannt. Ein Grinsen überzog das Gesicht des Rotschopfs. Das Nomandenmädchen lächelte schüchtern und genau daran hatte sie sie erkannt. Als Akemi die Andere kennengelernt hatte, hatte sie mit ihrer ruhigen Art nicht wirklich etwas anzufangen gewusst, war sie selbst doch ein Wirbelwind, dass ihren Eltern so manches graue Haar beschert hatte. Zumindest wurde der Vater nicht müde, das immer wieder zu erwähnen. Dabei lächelte er sie aber stets milde an, war das Nesthäkchen doch sein Liebling. Mit der Zeit aber hatten Lei und sie sich besser kennen gelernt und irgendwie ergänzten sie einander, auch unabhängig vom Altersunterschied. Akemi hatte sich von allen Kindern am meisten auf sie gefreut und überschwänglich und herzlich wie sie nun mal war nahm sie die Freundin in die Arme. „Wie geht es dir? Was hast du im letzten Jahr so erlebt? Ich beneide dich ja so, dass du im Land herumziehen kannst, weißt du das? Hier ist immer alles gleich, naja fast. Aber außer ein paar Hochzeiten und neuen Babys passiert nicht viel, gestorben ist im letzten halben Jahr zum Glück keiner.“ Aufgeregt plappernd zog Akemi Lei in den Schatten einer Hütte, he ihr ein Gedanke kam. Oh was war sie doch für ein Schussel! „Hast du Hunger oder Durst?“ erinnerte sie sich daran, was ihre Mutter ihr über Gastfreundschaft beigebracht hatte.
Lange zögerte Lei und wurde offensichtlich unsicher, als ihr Gegenüber erst mal überlegen musste wer sie denn war. Hatte Akemi sie vergessen? Vielleicht ein Jahr, vielleicht ein paar Monate mehr, war es her, dass sie einander das letzte mal gesehen hatten. Sie wollte sich schon entschuldigen und verabschieden, Schutz suchen bei ihrer Familie, oder noch besser, gleich vom Erdboden verschwinden, als die Ältere sie dann doch erkannte und dies mit einer ganzen Portion Freude im Gesicht. Ehe sich Lei versehen konnte, fand sie sich selber in einer kräftigen herzlichen Umarmung. >Hng.< Ein bisschen steif erwiederte sie die Geste, legte die Hände vorsichtig um den Rücken des Rotschopfes und nach für nach entspannte sie sich. In Ordnung. Das war in Ordnung. Von einem nicht nahen Verwandten in den Arm genommen zu werden fühlte sich gar nicht so schlecht an.

Als die beiden die Umarmung lösten wurde sie mit einem ganzen Haufen an Fragen bombardiert. „Ähm?“, sie überlegte, man mochte für einen kurzen Moment meinen sie wäre nicht ganz helle im Kopf, so sehr zögerte sie, ehe sie Akemis Art dann aber mitriß: „Gut! Sehr gut sogar und dir? Huh! Wir haben so viel erlebt! Einmal haben wir uns in einem Sandsturm verirrt, aber es ist alles gut gegangen.“ Sie war viel zu jung, als dass sie sich der Dramatik der Situation wirklich bewusst gewesen wäre, oder mit viel mehr Glück als Verstand die Nomaden damals mit dem Leben davon gekommen waren, denn alle Eltern hatten sich größte Mühe gegeben, die Kinder ihre eigene Unsicherheit und Angst nicht spüren zu lassen. „Und wir waren in neuen Dörfern... und... das erzähle ich dir alles später, sag du mal erst – wie sind deine Brüder?“ Eine neutrale Frage, aber Leis Blick fragte ganz klar: ‚Immer noch solche Nervensägen?‘

Im Schatten der Hütte überlegte Lei einen kurzen Moment. „Eigentlich brauche ich nichts, vielen Dank.“ Ein kurzer Blick zurück zu ihrer Familie, ihre Mutter noch in eifrigem Gespräch, während die Männer begannen die Tiere abzuladen. „Oh, komm... sonst muss ich auch mit auspacken, und dann können wir uns heute gar nicht mehr unterhalten. Und spielen auch nicht.“ Damit niemand sie mehr rufen konnte packte sie Akemi an der Hand und zog sie weiter in Richtung Dorfmitte und dann weiter an den Rand, wo eine kleine Oase ihr Wasser führte und schon einige der Kinder im Schatten der Palmen Spiele spielten. Ein Blick über die Schulter sagte ihr, dass sie nicht von Arbeitsauftragenden Eltern verfolgt wurden. „Ich denke wir sind sicher.“ Lei grinste über beide Ohren, schien sich, jetzt da sie sozusagen etwas angestellt hatten deutlich aufzutauen.
Zuerst war Lei schüchtern, sodass Akemi sich schon fast wegen ihrer stürmischen Art entschuldigt hätte. Aber dann taute das Mädchen auf und binnen weniger Augenblicke war es wieder wie im letzten Jahr. „Ein Sandsturm?“ echote Akemi mit weit aufgerissenen Augen. Sie konnte es sich nicht vorstellen, wie es war, bei so was in der Wüste zu sein, nur geschützt durch ein Zelt. In der Siedlung wurden bei solchen Ereignissen immer alle Fenster und Türen verrammelt und alles festgebunden, was davon fliegen konnte. Bei der Frage nach ihren Brüdern rollte Akemi mit den Augen. „Sags ruhig, du willst wissen ob sie noch immer so nerven.“ Der Rotschopf grinste. „Unverändert, nur dass Toru jetzt ein Mädchen hat, Yuki. Und jetzt tut er sooooo erwachsen.“ Geziert äffte sie den Ältesten ihrer Brüder nach. „Akemi, sei nicht so wild, Yuki will nicht mit dir spielen. Geh raus zu den anderen, wir wollen uns un-ter-hal-ten.“ Bei den letzten Worten wackelte sie mit den Fingern in der Luft herum, um anzuzeigen, dass das nur eine Ausrede war. „Die knutschen dann doch nur rum und stecken sich sogar die Zungen gegenseitig in den Mund, wääähhh. Ich habs genau gesehen … ich meine …“ Nun scharrte sie verlegen mit dem Fuß im Sand. „Bitte verpetz mich nicht, aber ich hab ihnen nachspioniert. Dort in der Oase wars, wie alle beim Geburtstag der alten Uoni waren.“ Flehend sah sie Lei an. Das andere Mädchen nickte, klar würde sie dicht halten. > Oh, komm... sonst muss ich auch mit auspacken, und dann können wir uns heute gar nicht mehr unterhalten. Und spielen auch nicht.< Nun war es an Akemi zu nicken und gemeinsam schlichen sie sich kichernd an den Erwachsenen vorbei, um den unliebsamen Arbeiten zu entgehen. Nicht nur Lei hätte dann mithelfen müssen, auch Akemi hätte ihre Mutter unterstützen müssen, den Gästen Erfrischungen zu reichen. Sicher, sie sagte immer, sie sei schon groß, aber manchmal konnte man das groß sein gern vergessen, denn dann war spielen oder mit der Freundin tratschen viiiiieeelllll wichtiger.

In der kleinen Oase waren schon die meisten anderen Kinder der Siedlung und auch die Kinder der Karawane hatten sich eingefunden. Die Erwachsenen schienen ein Auge zuzudrücken was die anfallenden Arbeiten anging. Als sie sich an den Kamelen vorbei stahlen kam Akemi eine Frage in den Sinn. „Sag, während des Sandsturms, hattet ihr die Kamele dann auch in den Zelten? Passen die da überhaupt rein?“ wollte sie wissen. Die Tiere mussten doch auch Angst haben wenn die Winde so heulten. Ihr Phönix war jedenfalls immer ganz aufgeregt und in solchen Situationen wandelte sie sich oft. Überhaupt wurde es immer schwieriger, sie fühlte, dass der Vogel fliegen wollte, war er doch mittlerweile ausgewachsen. Ganz selten ritt der Vater unter einem Vorwand mit ihr in die Wüste und dort konnte sie fliegen. Sofern sie sich da dann wandelte, denn die Wandlung in den Vogel konnte sie nach wie vor nur schwer kontrollieren. Zurück ging es leichter. Die letzten Male hatte sie es vergeblich versucht und es tat ihr leid, dass der Vater für sie log. Wie gerne würde sie mit jemandem darüber reden, aber sie durfte das nicht. Der Dorfälteste und seine Mutter, die weise Frau wussten davon, aber sie sagten nie ein Wort. Die Brüder taten, als wüssten sie nichts. Und die Eltern versuchten ihr das Leben zu erleichtern aber gleichzeitig ihr zweites Wesen zu verbergen. Einmal hatte sie gehört, wie sie von Jägern geredet hatten und das die nie vom Kind (also von ihr) erfahren durften. Sie wollte heute aber nicht traurig sein und darum schob sie diese tristen Gedanken gaaaanz weit weg.

Eben kam ihr jüngster Bruder, unumstrittener Rädelsführer, mit den Kumpanen auf sie zu. >Was ist, Wettrennen um die Oase? Oder traut ihr euch nicht?< Oh immer musste er sie ärgern. Kämpferisch grinste sie ihn an. „Ich bin dabei, was ist mit dir Lei?“
Ernst nickend dachte das Mädchen an den Sandsturm zurück. Es war furchtbar gewesen, sehr beängstigend. Aber es war auch nicht der erste Sandsturm und würde auch nicht der letzte bleiben, der an den Zelten rüttelte, das Vieh verrückt machte und teilweise ihre Stricke losriss aufdass sie sich in den endlosen Dünen verliefen. „Ne, die Kamele waren draußen. Die passen nicht ins Zelt. Ich mache mir dann manchmal Sorgen, dass sie Angst haben, aber Papa sagt, Sand macht ihnen nichts aus.“ Sie zuckte mit den Schultern.

Dann aber riss sie sich aus ihren Gedanken und grinste über beide Ohren, als Akemi von ihrem Bruder erzählte. „Klar will ich wissen ob sie immer noch nerven. Komm sei ehrlich. Was stellen sie immer an? Ich muss wissen wie mein Bruder wird.“ Jetzt noch ein Bündel in Windeln, mehr quängelnd und schlafend, konnte man ihn noch nicht wirklich als Störenfried bezeichnen. Außer natürlich er hatte mitten in der Nacht nasse Hosen. Oder Hunger. Für so einen kleinen Klops brauchte er ganz schön viel. Bei den Ausführungen zu Toru verzog Lei das Gesicht. Eklig. „Ich verpetz dich nicht, Ehrenwort. Erzähl! So richtig mit Zunge in den Hals schieben? Also...“ und damit setzte Lei zu einem Geheimnis von sich selbst an: „Ich hab das mal ausprobiert. Nicht mit einem echten Jungen“, setzte Lei ganz flux hinterher und wer genau hinsah, konnte trotz ihres Teints erkennen, dass ihre Ohren sich noch verdunkelten. „... sondern mit einem Finger. Wie sich das anfühlt wenn da jemand seine Zunge reinsteckt weißt du.“ Sie zuckte mit den Schultern. „ich musste mich fast übergeben weil es mich plötzlich so gewürgt hat.“ Wie auch immer man das aushielt als Erwachsener zu Küssen, wenn man kurz davor war sich zu Erbrechen war dem Kind ein Rätsel. Sie hatte auf jeden Fall vor es nicht mit jemandem auszuprobieren.

In der kleinen Oase angekommen sah sich Lei um. Die Sonne begann schon immer heißer zu scheinen aber nach der kühlen Nacht herrschten noch vergleichbar angenehme Temperaturen und die Kinder nutzten diese um Fangen und Verstecken zu spielen. Lei begann schon zu überlegen wie man am Besten fragte ob man mitspielen darf. Ob die anderen Kinder überhaupt mit ihr Sonderling aus dem Nomadenstamm spielen wollten? Wohl eher nicht... vielleicht sollte sie Akemi fragen, damit die fragte. Ja! Das war ein guter Plan, schließlich war sie viel wilder und... direkter. Und Akemi eben. Gerade als sie fragen wollte, kam der jüngste Bruder Akemis und forderte sie heraus. „Ja, klar“, grinste sie dann über beide Ohren. Sie war groß und schlacksig, wenn auch nicht sportlich so hatten ihre langen Beine doch Reichweite? „Kommst du mit?“ Es war mehr Frage als Bitte von Lei die sich auf keinen Fall die Einladung in ein gemeinschaftliches (wenn auch wettkämpferisches) Spiel nehmen lassen wollte. Schon trabte sie hinüber zu den Palmen die als Startlinie markiert worden waren und reihte sich mit ein paar anderen Kindern ein. „Bis wohin?“
Akemi stellte sich zwischen ihren Bruder und Lei. Schelmisch zwinkerte sie der Freundin zu. Sie würden es den Jungs schon zeigen. >Auf der Seite das Wasserloch entlang, dann dort um den Felsen, eine ganze Runde ums Wasserloch und wieder hierher zurück. Oder schafft ihr Mädchen das nicht?< Der Rotschopf streckte ihrem mittleren Bruder die Zunge raus. Das hätte er wohl gerne. >Auf die Plätze, fertig … los!< Und schon schossen die Kinder los. Am Wasserloch waren sie noch relativ gleich auf, aber je weiter sie liefen, desto mehr verstreuten sie sich. Der Phönix in ihr kreischte vor Vergnügen und Tatendrang, er wollte auch raus und mitspielen, zeigen, wie schnell er fliegen konnte. Akemi hatte noch nicht gelernt, ihre zweite Hälfte zu kontrollieren, auch wenn die Eltern es ihr schon so oft eingeschärft hatten. Nicht die Beherrschung verlieren, sich nicht von Gefühlen übermannen lassen, das sagten sie ihr immer wieder. Doch in diesem Moment war sie einfach glücklich, fühlte sich frei und dann … „Ouarrrr“ mit einem lauten Schrei stieg der Feuervogel in den Himmel. Eben war da noch ein rothaariges Mädchen mit all den anderen Kindern um die Wette gelaufen und nun flog ein junges Phönixweibchen mitten unter ihnen, während Akemis Kleider in Fetzen zu Boden segelten.

Wie all die Male zuvor hatte die Wandlung spontan stattgefunden: Funkenregen und ein unbeschreibliches Glücksgefühl begleitete diese. Der Feuervogel stieß einen lauten Freudenschrei aus. In der Euphorie bemerkte sie gar nicht, dass die anderen Kinder sie mit großen Augen und offenen Mündern anstarrten. Sie hatten noch nie gesehen, dass ihre Freundin zum Vogel wurde und auch vor den Brüdern hatten die Eltern es verborgen. >Akemi?< Hakus fragender Ruf erreichte ihren Verstand, der bis zu diesem Moment von den Instinkten des Phönix überlagert gewesen war. In einem eleganten Bogen kehrte sie um und versuchte sicher zu landen … und fiel mit dem Schnabel in den Sand. Landungen waren ihr Schwachpunkt und entrüstet spuckte sie aus. Aber das reichte, um das Eis zu brechen. Die anderen Kinder lachten, dann berührten die ersten zaghaft ihr Gefieder. Akemi genoss es, spürte, wie auch dem Feuervogel die sanften Finderhände gefielen. Keiner ihrer Freunde oder Brüder zeigte Angst oder Abscheu, im Gegenteil. Dem Vogel entkam ein glucksender Laut, als ein kleines Mädchen mit den Fingerchen in ihrem Flaum wühlte. Sie war wohl als Vogel genauso kitzlig wie als Mensch. Überhaupt fühlte sie sich in diesem Moment ganz eins mit dieser, ihrer zweiten Gestalt. Sanft schmiegte Akemi den Kopf in Leis Hand.