Lost Chronicles

Normale Version: The True Meaning Of Life
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The Years have passed by,
In the blink of an eye,
Moments of sadness,
And joy have flown by.

I stood on my own,
And I still found my way,
Through some nights filled with tears,
And the dawn of new days.

And how much I shared,
Of my soul and my heart,
Would ultimately be,
What set me apart.


//// Sanft, ganz behutsam, einen Finger nach dem anderen krümmen, es annehmen, weil sie seines war: Hoffnung auf einen neuen Tag. Als könnte man sie behutsam in die Hand nehmen und mit sich tragen. Als sich Teiresias nun zurück zu den Ställen begab, ging er irgendwie leichter über das Pflaster des Hofs, trotz seiner Behinderung.
Zaghaft legte er dabei die starre Maske zur Seite, die in dieser kurzen Zeit mit Viserion unbrauchbar geworden war, es genügte eine Schicht Beherrschtheit – ein Schnitt durch die Gegenwart, der zurück durch alle Zeiten reichte, durch die Ungerechtigkeiten und das Leid, das schreckliche Durcheinander, um es besser zu machen. Und auch nach vorne, weit in die Zukunft hinein. Das Brüllen in ihm war zu einem tiefen, rollenden Pochen geworden, während der weiße Drache wie der schwerste aller Steine in sein Bewusstsein hinein gesunken war.

Teiresias' Wahrnehmung von sich selbst war jäh so überspitzt, seine Sinne waren wie eine unbändige Brut. Seine Muskeln spürte er, die Haut und jede einzelne Schuppe darauf, selbst das eiserne Blut der Kuh, das sich in Viserions Maul ergossen hatte – denn unter der Bewusstseinsebene ruhte die Sicherheit, dass sie beide nicht nur sie selbst waren, sondern ein Teil der Natur, der Elemente, dass sie ohne Vorbehalte und Bedingungen auch Eines waren. Viserion war auch ein Ort, wo Zauberkräfte in der Luft lagen und sein verwundbares Ich wohnte.
Er fühlte sich mit dem Weißen derart eng verflochten, dass es Vorherbestimmung sein musste, dass sie sich diesen Morgen getroffen hatten, und keine Äußerlichkeit konnte dies zerstören. Sie waren weder Halbling, noch Drache allein. Sie waren etwas anderes, und jeder hatte etwas Einzigartiges zu schenken …

So verträumt, seinen Gedanken verfallen und mit glasigen Augen lief Teiresias über den Hof, ohne auf seine Umgebung zu achten; beinahe lächelte er glückselig, fast dümmlich. Er glaubte endlich die Wahrheit in Händen zu halten.
Der gehörnte Junge ertappte sich bei dem Gedanken, wie er alles Gewesene und Gewordene der vergangenen Jahre in einem einzigen hitzigen Sprung überholen wollte; eine Mischung aus begeisterter Schwindelei und Ungeduld – Viserion wiederzusehen war der einzige Gedanke, der ihm noch zählte und ihm nahezu selbst Flügel verlieh, obwohl sie nichts Konkretes vereinbart hatten. In Viserion fand er die schöpferische Macht vollendet, die das Leben zur Höhe erhoben hatte. Niemals wäre alles gesagt und gezeigt … hier womöglich einen Freund gefunden zu haben, war ein unbeschreibliches Gefühl … der Hoffnung eben.
Teiresias spürte, wie er sich ausdehnen wollte, als stünde er im Zentrum einer wachsenden Blase der Erkenntnis; doch da blieb etwas, das seinen haschenden Fingern immer wieder entwischte.

Besser wäre es gewesen, wenn er an die Boxen denken würde, die es noch auszumisten galt, an die Stallgasse, die gekehrt und geschrubbt werden wollte und das Heu, das noch herangekarrt werden musste. Schweißtreibende Arbeit, die ihn fast noch den ganzen Tag beschäftigen würde.
Sein Herz zitterte vor der Kraft, die es ihm abverlangte, unbekümmert zu bleiben, ohne seinen Übermut hinauszubrüllen. Teiresias fühlte ein Verlangen in sich, den Körper mit kraftvoller Präzession zu bewegen, ein Drang nach Taten und für seine Fähigkeiten ein Ziel zu haben. Und auch, dass in ihm andere Begierden wach waren, die er nicht unterdrücken konnte. Mächtig lockte ihn die Aussicht in der Nähe eines Drachen zu sein, so wie Viserions Augen ihn in den Bann schlugen, so dass er kaum mehr hatte atmen können.
Es gab eine Sache, die Athaín an der gemeinhin eher unattraktiven Aufgabe des Stallausmistens durchaus schätzte: Man hatte seine Ruhe. Das hieß... man hätte sie gehabt, wenn nicht eine rot-golden geschuppte Drachendame ihr Lager vor der Stalltür aufgeschlagen und wie eine Katze vor einem Spielzeughaus interessiert hinein gespäht hätte. Doch Alachia langweilte sich, und so thronte sie draußen auf ihrem majestätischen Hintern, versperrte den Eingang und sparte nicht mit mehr oder weniger hilfreichen telepathischen Kommentaren. Links! Weiter li-hinks! Brüderchen, links ist dort wo dein menschlicher Daumen rechts ist! Jajajaja! Genau da, jaaaaa, jetzt hast du es erwischt! Und auf der anderen Seite ist dir was runtergefallen... Soll ich's dir zeigen?

"Nein!" Athaín antwortete laut. Auf dem Drachenfelsen lief man nicht Gefahr als wunderlich zu gelten weil man Selbstgespräche führte. Er stach die Mistforke in den Strohhaufen und gönnte sich einen Moment des Durchatmens. "Es sei denn du willst, dass ich mein Frühstück von mir gebe." Er hatte nichts dagegen wenn ihm Alachia ihre Augen lieh - sofern er dabei auf ihrem Rücken saß. Je weiter er sich entfernte, desto mehr irritierte der fremde Blickwinkel jedoch das Innenohr, was zu Schwindel und Übelkeit führte und bei der Verrichtung von Tätigkeiten überhaupt nicht hilfreich war. Da verließ sich Athaín lieber auf die restlichen vier Sinne, die ihm zur Verfügung standen. Natürlich wusste Alachia das. Dennoch bot sie es immer wieder scheinheilig an um ihn zu ärgern.

Trotz der Kühle des Morgens glänzte der Oberkörper des Halbdrachen schweißfeucht, das Hemd hatte er ausgezogen und über das Gatter geworfen. Deutlich sah man die Narben auf der hellen Haut, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Athaín genoss für einen Moment den kalten Luftzug, der durch die Stall wehte, obwohl er sich der Tatsache, dass es nicht gesund war verschwitzt in der Zugluft zu stehen, durchaus bewusst war. Nun ja. Der meisten Risiken war er sich bewusst und ging sie trotzdem ein, was letztlich dazu führte, dass er hier stand und Scheiße schüppte. Für gewöhnlich war das die Arbeit der Stallburschen und Wildlinge, ein gestandener Drachenreiter verrichtete keine niederen Tätigkeiten. Es sei denn, er war in Ungnade gefallen oder hatte Schulden abzuarbeiten. Oder beides, wie in diesem Fall. Ein Beet mit Prinzessrosen im gräflichen Garten der Familie Wailamereis hatte daran glauben müssen, als ein Baum plötzlich zum Leben erwachte und ein Drachenreiter sich bemüßigt fühlte nach dem Rechten zu sehen, und prompt hatte man die Rechnung zum Drachenfelsen geschickt. Wie hoch genau die ausgefallen war, wusste Athaín nicht, aber es reichte offenbar um einige Stunden in der Gesellschaft von Nutzvieh zu verbringen.

Vom Pause machen geht es jedenfalls auch nicht schneller, bemängelte die Drachin spitz und ließ gelangweilt Rauchkringel aus ihren Nüstern steigen. "Was du nicht sagst." Ihr Bruder brummte missvergnügt und griff wieder nach der Mistforke, um eine weitere Ladung stinkenden Strohs in die Schubkarre zu hieven. Sie hatte ja recht. Er hatte auch keine Lust, länger als nötig hier herumzutrödeln und freute sich schon auf ein Bad und frische Klamotten. Oh Bruder, sieh mal! Da kommt jemand! Und er sieht aus wie... Athaín hasste es, wenn sie das sagte. Denn meistens war es so, dass sie keine Zeit verlor ihm in möglichster Ausführlichkeit mitzuteilen was sie sah. Wobei möglichste Ausführlichkeit natürlich bedeutete... "Nein! Du wirst jetzt nicht..."

Da war es schon passiert. Das angenehm gewohnte Nichts vor seinen Augen explodierte in jäher Helligkeit. Er sah den Hof vor sich in der Morgensonne liegen, hörte die Vögel zwitschern, und sogar der Geruch von frischer Luft überlagerte den strengen Stalldunst. Auf sich zukommen - oder vielmehr nicht auf sich zukommen, was die Sache umso verwirrender machte - sah Athaín einen schlaksigen jungen Mann mit Hörnern auf der Stirn und Schuppenmustern auf der Haut. Außerdem schien etwas mit einem seiner Beine nicht zu stimmen, aber zu einer weiteren Analyse kam der Halbdrache nicht. Die Realität, in der er sich befand, stimmte nicht seiner Wahrnehmung überein, und das forderte seinen Tribut. Er hatte keine Ahnung mehr wo sich die Schubkarre eben noch befunden hatte. Die Mistforke stieß dumpf gegen etwas, und alles was sich darauf befand, verteilte sich über den Boden und seine Stiefel. "Scheiße nochmal, Alachia! Nicht... witzig!"

Ein Fluchen, Poltern und Scheppern ertönte aus dem Inneren des Stalls, während eine rot-goldene Drachendame gelassen vor dem Eingang saß und dem Neuankömmling mit freundlicher Neugier entgegen blickte.
//// Hatte er sich soeben nicht erst gewünscht in der Nähe eines Drachen zu sein?
War Teiresias es zwar gewohnt, dass man mit unverhohlen garstigen Blicken auf ihn zielte, kam ein Blick von dieser Seite jedoch gerade ziemlich unerwartet – das zweite Mal diesen Morgen, dass er vor einem der Giganten des Drachenfelsens stand. Obwohl er hier nun lebte, hatte es für ihn wenig bis kaum Gelegenheiten gegeben in die Nähe der Drachen zu gelangen.
Sein Schritt wurde mit dem Bemerken des rot-goldenen Drachen vor den Stallungen immer langsamer, bis er ganz und gar stockte. Man hatte ihn bemerkt, der gewaltige Schädel schwang herum. Und er hatte nichts – keinen anderen Plan, keine Möglichkeit, keine Hoffnung auf ein Entkommen. Es gab kein Drumherum, es gab kein Nichtbeachten, so dass alles in ihm an Gefühlen zuerst einmal verpuffte und ihm sein Herz schlagartig in die Beine rutschte. Teiresias duckte sich scheinbar zwischen seine Schulterblätter und machte sich noch schmaler als schmal.
Der Drache war so ganz anders als Viserions geschmeidig elegante Erscheinung. Der junge Mann konnte in dessen Miene nicht lesen und wüsste es nicht zu sagen, falls man ihn fragen mochte, ob der Drache nun hungrig schaute oder interessiert. Gerade konnte er ganz und gar nicht erkennen, wie wohlgesinnt dessen Absicht war. Immerhin glaubte er zu wissen, dass es sich um eine Weibliche handelte.

Wie konnte es sein, dass er geglaubt hatte seine Welt würde sich zum Besseren wenden, wenn sie doch gerade im Begriff war unterzugehen? Normalerweise würde er zu allem stehen, was er tat, aber … aber … Wie hatten sie so schnell entdecken können, dass er seine Arbeit vernachlässigt und auf den Fütterungsplatz hinunter gegangen war? Es war eine der ersten Warnungen des Stallmeisters gewesen, komm den Drachen nicht in die Quere! – und da er nicht wusste, wie er weitergehen oder sich umwenden sollte, blieb Teiresias einfach inmitten des Hofs stehen.
Wahrscheinlich fühlte der Moment sich für ihn nur derart ewig an, doch in Wirklichkeit war es so, dass es weniger als es ein Blinzeln brauchte, ein solches, wie es braucht von einem Ort zum anderen ein Auge ziehen zu lassen.
„Ich bin keinem Drachen in die Quere gekommen“, angestrengt darauf bedacht, seine Gefühle nicht in seine Stimme zu legen, sprach er leise und rau, als aus dem Inneren des Stalls ein lautes Poltern ertönte. Das schenkte ihm eine merkwürdige, doch unbehagliche Ruhe, auch wenn sein geschlitzter Blick einmal kurz versuchte an dem großen Körper vorbeizuhuschen. „Ich werde meine Arbeit gleich erledigen.“
Die rot-goldene Drachin hatte kluge Augen, sie würde ihn ebenso verstehen, wie Viserion zuvor … obwohl Teiresias nicht zu sagen wusste, weswegen er sich vor ihr rechtfertigte. Jetzt hoffte er nur, dass sie ihm gleich Platz machen wollte, für das, was er versprochen hatte.
Man konnte Alachias Gesinnung zwar generell mit garstig umschreiben - sie war immerhin eine Feuerdrachin, und man sagte dieser Gattung nicht zu Unrecht nach dass sie besonders reizbar und schwer zu zügeln war - aber zumeist war es doch hauptsächlich ihr Bruder, der ihre Launen zu ertragen hatte. Anderen Drachen und Reitern gegenüber verhielt sie sich meist, wenn nicht freundlich, so doch zumindest ruhig, sofern man ihre Position respektierte und nicht vorwitzig oder frech daherkam. Manchmal konnte sie sogar nett sein, das hing von ihrer Tageslaune und der jeweiligen Sympathie ab. Heute war ihr langweilig, und jede Abwechslung war willkommen. Athaín zu ärgern machte Spaß, aber das konnte sie schließlich jeden Tag haben. Der Neuling, der da des Weges kam, war gerade viel interessanter. Schon weil sie ihn noch nie gesehen hatte - oder er ihr zumindest nicht aufgefallen war.

Die Schuppen, die Hörner, der Krallenfuß, all das ließ darauf schließen dass er ein drachisches Elternteil besaß, so wie ihr Bruder. Seine Farben waren allerdings blau. Wasser. Alachia mochte Wasser nicht. Wer brauchte das auch schon? Hatte Feuer doch eine viel bessere Reinigungswirkung. Und vor allem eine endgültige. Zudem taten die Strahlen von Wasserdrachen wirklich weh, was ein weiterer Grund war sie nicht zu mögen. Das beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit, weshalb sich Feuer- und Wasserdrachen meist voneinander fernhielten. So wie auch Luft- und Erddrachen selten viel miteinander zu tun hatten. Hier war allerdings die Abneigung nicht ganz so ausgeprägt, es gab lediglich wenig Gemeinsamkeiten. Die Erdigen waren den Luftikussen zu schwerfällig, und Letztere den Ersteren zu hektisch. Es gab allerdings noch eine Besonderheit an diesem Neuling: Er schien gerade erst aus dem Ei geschlüpft zu sein, so unsicher und tappsig wie er wirkte. Ob er überhaupt schon einen Gefährten hatte? Oder war er noch ein Wildling?

Ah ja? Die Drachin neigte interessiert den Kopf und blickte aus ihrer stolzen Höhe zu dem Ankömmling herab, ohne irgendwelche Anstalten zu machen sich auch nur einen Fingerbreit vom Fleck zu rühren. Natürlich hätte man sich theoretisch auch an ihr vorbeiquetschen können. Aber mal im Ernst - wer quetschte sich schon an einem fünf Schritt aufragenden Exemplar von einem Feuerdrachen vorbei, was man nicht kannte und von dem man nicht wusste, in welcher Stimmung es sich gerade befand? Dann bin ich wohl deine Erste, hmmm? Die kunstvollen Rauchkringel, die sich dabei aus ihren Nüstern kräuselten, mochten ein Ausdruck von Amüsement sein. Oder auch nicht? Vielleicht hatte sie auch nur Hunger und starrte den Kleinen deswegen so interessiert an? Ja, Alachia mochte es, zuweilen ein wenig einschüchternd aufzutreten. Es gab kein besseres Mittel um die Wildlinge Respekt zu lehren. Dass sie zwar ein übellauniges Miststück sein konnte - behauptete zumindest ihr Bruder - aber noch nie jemanden gefressen hatte, konnte ja keiner wissen. Aber bitte! Ich halte dich nicht ab von... was auch immer.
Warum wirkte es plötzlich so als grinse der Drache diabolisch? Natürlich nicht im physischen Sinn, aber die Einbildung konnte so manche Streiche spielen, und Alachia spielte gern damit.

Athaín hatte unterdessen andere Sorgen. Gewaltsam hatte er das aufgezwungene Bild aus seinem Kopf verdrängt und versuchte nun unter Brummen und Fluchen das heruntergefallene schmutzige Stroh wieder aufzukehren. Was natürlich nur bedingt erfolgreich war, wenn man nicht sah was man aufzukehren hatte. Da er über die Gabe der Telepathie verfügte, bekam er mit dass sich seine Maulaffen feilhaltende Schwester draußen mit jemandem unterhielt. Vermutlich mit dem schlaksigen jungen Kerl mit dem Hinkebein, der vorhin des Weges gekommen war. Anscheinend gab es da einen Interessenkonflikt. Er wollte in den Stall, sie thronte mit ihrem ausladenden Hinterteil davor und versperrte den Eingang. Und natürlich war es mal wieder typisch für die Drachendame, sich daraus einen Spaß zu machen. Naja. Der Jungspund würde ohnehin lernen müssen sich durchzusetzen. Die wenigsten Drachen waren brave, folgsame Geschöpfe. Die mächtigen Echsen waren intelligent, den Menschen um ein Vielfaches an Größe und Kraft überlegen - und sich dieser Tatsache voll und ganz bewusst.
//// In seinem Kopf ertönte ihre Stimme, was er zwar nicht erwartet hatte, doch ihn durch die Erfahrung mit Viserion nicht mehr so sehr erschreckte, wie es zuvor der Fall gewesen wäre. Nein, das nicht gerade – er hatte nicht gedacht, ihr bereits in den Weg gekommen zu sein, wobei es ja eher sie war, obwohl sie schon zuvor dort gesessen und von Kommen und Gehen nicht die Rede sein konnte. Doch wie sagte man das einem ausgewachsenen Drachen? – dem auch noch Rauch aus den Nüstern kringelte und es schien, als würde sie ihn interessiert hungrig betrachten. Daneben wusste er nicht einmal, ob sie ihm etwas zu sagen hatte, wenn er schon nicht ihr – ob überhaupt ein Drache auf dem Felsen die Bewohner von ihrer Arbeit abhalten durfte, denn ein Können wollte er keinem von ihnen abstreiten.
Zumal Teiresias sich auch auf die Probe gestellt fühlte, nicht nur zur Schau hier mitten auf dem Hof: was erwartete sie denn von ihm? Denn es war so, dass er sich fühlte, als habe er eine schäbige Tat begangen, für die er auf keine Vergebung hoffen durfte, wenn er nur die falsche Antwort gab. Da könnte man ihn ansehen, wie einen, der die einfachsten Dinge nicht verstehen konnte.
Man konnte ihm seinen Zwiespalt gewiss ansehen, dass er gerne seinen Pflichten nachkommen würde, jedoch nicht vorhatte sich an dem Giganten vorbeizuschieben, geschweige denn ihr überhaupt allzu nahe zu kommen, allem aus dem Weg zu gehen, was einem Körperkontakt gleichkam, den er sich bei Viserion herbeigesehnt hatte. Aber eben aus dem Weg gehen konnte er ihr nicht. Würde er sich nicht gleich in Bewegung setzen, dachte der Halbdrache, mochte er sie durch sein Ausharren noch zu mehr reizen, als er jetzt vorhersehen konnte.

Dann ging er also erst in die eine Richtung, währenddessen er sich dann auf die andere Richtung besann, weil er glaubte, dort vor dem Frühstück einen Besen gesehen zu haben. Dabei hatte er einmal das Gefühl sein Fuß würde jucken und hielt kurz inne, um einmal aufzustampfen, doch immer hatte er in den Augenwinkeln die Drachin im Blick, und stellte er zuletzt fest, dass der Besen nicht mehr an Ort und Stelle war. Nicht den engsten Durchlass hatte er auf seinem Weg gesehen.
Mittlerweile war es auch so, dass zwei, drei Schaulustige stehen geblieben waren; einer mit gerunzelter Stirn und zwei Eimern in der Hand, während ein Handwerker im Hämmern auf dem gegenüberliegenden Dach in seinem Tun inne gehalten hatte. Teiresias schoss das Blut in die Wangen, was seinen Schuppen eine leicht violette Färbung verlieh. Er fühlte mehr als unangenehm in dieser Situation.
Seltsamerweise hatte er jäh das Gefühl sich zu beruhigen, sein Atem wurde entspannt, obwohl er sich innerlich sehr erregte. Weswegen hatte er das Gefühl, es sei nicht sein Rhythmus, in dem er Luft holte? Aber er hielt daran fest, weil es ihm gut tat, weil es ihm half. Die Vorstellung gleich Viserion zu atmen, an seiner Beruhigung teilzuhaben, lag ihm fern.
„Das ist sehr freundlich“, antwortete Teiresias endlich, obwohl sie gewiss wusste, dass sie ihn behinderte.
Schließlich fiel ihm ein, dass der Stall nicht nur einen einzigen Eingang hatte – auf der anderen Seite gab es noch vereinzelt Ausgänge aus den Boxen und zur Not würde er auch noch ein loses Brett in der Wand finden. Teiresias warf der roten Drachin noch einen säuerlichen Blick zu, während er sich humpelnd auf den Weg machte, sie mit einigen Armlängen Entfernung zu umgehen. Sollte sie doch vor diesem Eingang sitzen bleiben.
Er war niemand, der sich streiten wollte, noch mit dem man es wirklich konnte. Natürlich hätte er um Einlass bitten können, ihr erklären, dass er seinen Pflichten nachzukommen hatte, sie erinnern, dass er sich um ihr Futter in Form der Rinder, Ziegen und Schafe kümmerte. Natürlich. Sie war ein vernunftbegabtes Wesen. Was ihre Augen ausdrückten war Intelligenz. Aber er wagte es ja nicht einmal da hineinzusehen, ihren Blick direkt zu erwidern, wie konnte man da auf Widerworte hoffen?
Inzwischen hatte es Athaín geschafft den Schubkarren voll mit Mist zu laden und auch das Malheur auf dem Boden einigermaßen zu beseitigen. Um ihn herum erklang nörgeliges Blöken, Muhen oder auch Grunzen. Die Pferche waren ausgemistet. Jetzt musste frisches Stroh eingefüllt werden und dann wurde es Zeit für die Fütterung. Das würde allerdings nicht Athaín erledigen, sondern das reguläre Personal. Er war nur für den unangenehmen Teil der Stallarbeit verdonnert worden. Er hatte die Wahl gehabt, entweder zwei Stunden vor dem Weckruf aufzustehen und nur eine gelangweilte Drachendame als Publikum zu haben, oder bis nach dem Frühstück zu warten und vom Johlen der jüngeren Semester begleitet zu werden, die sich den Anblick eines mistgabelschwingenden Helden in Hemdsärmeln sicher nicht hätten entgehen lassen. Sein Schwesterherz war ihm dann doch als kleinere Übel erschienen.

Der Drachenreiter packte die Griffe des Schubkarrens und schickte sich an ihn hinauszuschieben. Der Dung wurde nicht weggeworfen, sondern gesammelt. Ein Luftschiff holte ihn regelmäßig ab und brachte ihn zu den Inseln, damit die Bauern ihre Felder damit düngen konnten. Dafür bekam man gute Preise beim Einkauf von Getreide und Gemüse. Natürlich war das große Tor nicht der einzige Zugang zum Stall, es gab noch einen weiteren auf der anderen Seite des Gebäudes. Aber die Karre quer durch die Stallungen und dann außen herumzuschieben, nur damit Alachia ihren Spaß hatte, sah Athaín nun auch nicht ein.

Mit beiläufigem Interesse hatte er die Unterhaltung - wenn man es denn so nennen wollte - draußen vor der Tür verfolgt, wobei er die Antworten der Gegenseite nur gedämpft mitbekommen und auch nicht wirklich verstanden hatte. Sein Gehör war zwar ausgezeichnet, aber es lag eine Wand dazwischen, die Tiere machten Lärm, und außerdem sprach dieser Kerl verdammt leise. Der Tonfall hatte geklungen als ob er sich nicht mit der Drachin hatte anlegen wollen. Schlaues Kerlchen. Was daraus nun letztendlich wurde, ob er seiner Wege ging oder versuchte den anderen Eingang zu nehmen, entzog sich seiner Kenntnis. Aber er wollte nun definitiv mit seiner Schubkarre aus dem Stall, und Alachia stand im Weg. Immer noch. "Schluss mit Jahrmarkt, Schwesterherz", brummte Athaín. "Wenn du nicht willst, dass ich dir das Ding über die Krallen rolle, verflügelst du dich jetzt. Geh Nero auf die Schuppen, oder von mir aus Windtänzer. Falls du das schaffst." Der Hellhaarige grinste. Windtänzer, der Drache seines Freundes Kieran, verfügte über eine fast schon unheimliche Langmut. Ihn konnte so gut wie nichts aus der Ruhe bringen, und Athaín wusste dass dieser Umstand seine Schwester kollossal ärgerte.

Ich habe schon verstanden, entgegnete die Drachendame schnippisch und stellte würdevoll ihren Hornkamm auf. Man kann auf meine amüsante Gesellschaft also verzichten. Dann störe ich mal nicht weiter bei der... Arbeit. Damit bekam ihr Reiter noch ein paar Rauchschwaden ins Gesicht gepustet, bevor sie die Flügel ausbreitete und sich majestätisch in die Lüfte erhob. Rauschend und tosend wurde Staub und Stroh und was sonst noch lose herumlag aufgewirbelt, was Athaín ein erneutes Brummen entlockte. "Danke schön", murmelte er ironisch und trat nun endgültig aus dem Stall ins noch schwache morgendliche Sonnenlicht. Hier draußen war es kühl. Er hätte sich doch das Hemd überstreifen sollen. Aber jetzt war er unterwegs. Er würde es später holen. Schnuppernd hob er das Gesicht in die Morgenluft. Die Nase war das geeignetste Mittel, um den Standort eines großen Misthaufens in der Nähe auszumachen. Beiläufig lauschte er dabei in die Umgebung. Jemand hämmerte drüben auf dem Dach, und ein Anderer latschte mit einem oder zwei Eimern schwappenden Wassers vorbei. Und... war da nicht noch jemand?
//// Er hatte gedacht, dass Drachen gefährlich waren, doch heute hatte er Viserion kennengelernt und sofort glitt etwas wie eine streichende Berührung bei dem Gedanken seine Wirbelsäule hinauf. Er hatte gedacht, Drachen seien nicht boshaft, stünden über kleinlichen Gefühlen, wie Menschen sie hegten; doch nun war er auf diese rot-goldene Drachin getroffen und zweifelte erneut an dem, was er angenommen hatte. Wenn er es richtig deutete, wollte sie ihn eindeutig ärgern. Und eigentlich … war es ihr auch gelungen.
Wie hatte es sein können, dass er sich ein Bild gemacht hatte von Wesen, mit denen er kaum eigene Erfahrungen besaß? Es waren Träumereien gewesen, die mit der Wirklichkeit auf dem Drachenfelsen kollidierten. Teiresias war angekommen und hatte an ihre Güte gedacht, ihre Hilfsbereitschaft und Eleganz – er hatte an den großen Weißen und seine Rettung gedacht.
Nachdem, was er hier auf dem Felsen bisher gesehen hatte, waren sie gigantisch, verfressen, eigensinnig, schläfrig und schwerfällig an Land, wohl aber wendig in der Luft. Majestätische Tiere. Aber Tiere. Solche Adjektive, wie sie ihm gerade durch den Kopf wirbelten, waren zuvor nicht darunter gewesen. Geheimnisvolle Wesen waren sie für ihn gewesen, in deren Augentiefe der Morgen der Welt lag. Der Alltag hier war bald ernüchternd geworden.
Aber es passte zu seinem Bild, dass man sie zu umgehen hatte.

Dann spürte Teiresias die Bewegung, bevor der Drache sich überhaupt erhob, er sah, wie sich der Hornkamm aufstellte und atmete vor Entsetzen ein. Im Glauben es läge an ihm, wich er zurück. Jede Linie seines Körpers verriet, dass er nicht wusste, wie er sich nun verhalten sollte … Einen Moment sah er seinen Fluchtweg vor sich, in dem Moment darauf blieb er stehen. Es hatte ohnehin keinen Sinn.
Wer dann aus dem Scheunentor trat: war für Teiresias eine kleine Berühmtheit. Athaín. Seine Silhouette war schmal, wenn auch ausgesprochen vollendet modelliert und scharf im Profil. Ein Krieger im Ausdruck. Die morgendliche Sonne verstärkte dessen glanzvollen Ausdruck, in dem sie dessen helles Haar noch mehr zum Leuchten brachte und ihn für das junge Halbblut gleißen ließ. Eine Bewunderung wallte in Teiresias auf, die ihm über diese ersten Momente des Entsetzens hinweghalf. Ohne ihm zuvor je gegenübergestanden zu haben, erkannte Teiresias ihn. Wie oft hatte er den Mann bereits mit einem Stock in der Hand und geschlossenen Augen in der Stallgasse imitiert? Er hätte den Drachen erkennen sollen und hatte es nicht. Sollte er nicht ohnehin alle Drachen kennen? Wie oft schon hatte er das Training beobachtet ...
Jetzt, auf einmal, sah er die Pracht des Drachenfelsens, die sich in jedem Stein, im Stolz eines jeden Bewohners offenbarte – wegen den Drachenreitern und ihren geflügelten Gefährten.
Dem Bild tat es auch keinen Abbruch, dass jener gerade den Mist aus dem Stall karrte.

„ Athaín“, fiel es ihm voller Überzeugung aus dem Mund. Ungläubig gehaucht. Gerade als jener sichtbar die Gerüche prüfte.
Er war auch ein Halbblut, dessen väterliche Seite sich nicht derart hervorstechend manifestiert hatte wie bei ihm selbst. Doch der mürrische Unmut, der Teiresias gerade noch erfüllt hatte, war verraucht, verflogen, nicht erstickt. Athaín erinnerte ihn an den Eisdrachen, der ihn gerettet hatte.
„Ich sollte das machen, Herr“, sagte er und ging auf den Drachenreiter zu. „Das ist meine Aufgabe.“
Er hatte die Zeit mit Viserion vertan, und obwohl er es nicht bereute dem jungen Drachen geholfen zu haben, sah er sich nun mit den Konsequenzen konfrontiert. Wo war denn einer der anderen Stallburschen? … erst dann dachte er wirklich nach. „Wie kommt es überhaupt ...“, dass Ihr im Stall arbeitet?
Auf einmal kam er sich vorlaut vor, wenn er auch nur ansatzweise diesen Satz beendete. Es war nicht an ihm das zu hinterfragen – womöglich wollte der Krieger den Kopf frei bekommen und dies mit körperlicher Arbeit, obwohl sich Teiresias vorstellen konnte, dass ein Himmelsflug dies viel besser erledigen würde können. Immerhin würde ihn wohl keiner der anderen Reiter hier suchen kommen.
„ Athaín“... Der Angesprochene stutzte und ließ die Griffe der Schubkarre sinken. Aufmerksam wandte er den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war. "Ja?" Keine Stimme die er kannte, oder die ihm bereits aufgefallen war. Er war nicht sicher - hatte sie Ähnlichkeit mit der, die er vorhin gedämpft von draußen gehört hatte? Gehörte sie dem schlaksigen jungen Mann mit den Hörnern, den ihm Alachia gezeigt hatte? Der Tonfall klang zumindest... äußerst respektvoll. Oder sollte man schon sagen: Wie der von jemandem, der gerade einen Geist sah? Der Drachenreiter hatte jedoch keine Zeit darüber verwundert zu sein, denn da kam der Stimmenbesitzer auch schon näher, und er war sich nun sicher dass es sich um den Jungen handeln musste. Man erkannte es an seinen Schritten. Er schien ein Bein nachzuziehen oder nicht richtig aufzusetzen. Das stimmte mit Alachias visueller Übermittlung überein. Athaín hatte gesehen dass er hinkte.

"Ist das so?" Die Stimme des des Hellhaarigen klang mindestens ebenso überrascht. Die Augenbinde - die längst nicht mehr weiß war, sondern Spuren von Schmutz und Schweiß aufwies - verdeckte den gesamten oberen Bereich seines Gesichts. Dennoch konnte man erkennen, dass er wohl keine Mimik besaß. Kein Heben der Brauen, keine Runzeln auf der Stirn, nichts woran man bei einem gewöhnlichen Menschen Emotionen ablesen konnte. Lediglich die Mund- und Kinnpartie wirkte normal. "Bist du ein Wildling? Dann mach dir mal keine Sorgen. Ist schon erledigt, genieß die Pause. Ich verrate niemandem, wenn du noch etwas frische Luft schnupperst. Gibt ne gesündere Gesichtsfarbe." Athaíns Mundwinkel zuckten ein wenig. Er war sich bewusst, welcher Gedanke nun wahrscheinlich durch das jugendliche Hirn schoss: Woher bei allen Schatten wusste der Blinde über seine Gesichtsfarbe bescheid? "Und spar dir das Herr für die höheren Soldklassen auf." Der Drachenreiter packte erneut die Griffe der Schubkarre und hob sie an. Die Bewegung wirkte flüssig, nur für ein sehr aufmerksames Auge waren die kaum merklichen tastenden Berührungen erkennbar.

Und da war sie auch schon, die Frage die kommen musste, auch wenn sie nicht ganz vollendet wurde. Athaín nahm sie weder übel, noch hielt er den Jungen für vorlaut. Sie war ja schließlich berechtigt. Es war alles andere als üblich, dass ein gestandener Kämpe im Stall stand und Mist karrte. Das geschah nur, wenn jemand entsprechenden Mist gebaut hatte. "Hmpf...", brummte er. "Merk dir für deine zukünftige Karriere: Solltest du irgendwann unter dir den Park eines Schlößchens sehen und ein Baum winkt dir zu, dann... wink zurück und flieg weiter. Geh nicht runter, sieh nicht nach dem Rechten, lande nicht auf dem Rasen und zertrample auf keinen Fall die Rosenbüsche. Dann wirst du es weit bringen." Die bärbeißige Ironie im Tonfall des Drachenreiters war nicht zu überhören, und es war wohl eher eine Antwort auf die Frage des Jungen als wirklich ein Rat. "Neugier befriedigt?" Damit schickte er sich an die vollbeladene Karre in Richtung des großen Misthaufens zu schieben, der um die Ecke aufgehäuft war und nicht gerade piekfein roch.
//// Nun war es an Teiresias ein „Ja“ zu murmeln: das ist so – das war seine Aufgabe, seine Berechtigung hier auf dem Felsen sein zu können, während er ansonsten bettelnd durch die Straßen hätte humpeln müssen. Er war angestellt, um in den Ställen zu arbeiten; was er sich erbeten hatte, obwohl man ihn seltsam beäugt hatte, war man seiner Anfrage nachgekommen. Es hieß für ihn ein Bett im Stroh zu haben und regelmäßige Mahlzeiten. Der Drachenfelsen bot ihm Schutz vor Schmähungen und Vertreibung.
Den überraschten Unterton in Athaíns Stimme vernahm der junge Halbdrache nicht, denn für ihn gab es keinen Moment des Zweifels an dieser Tatsache seiner Aufgabe. Er stand so ernst vor dem Krieger, wie dessen unbewegliche Mimik es ihm gebot: ohne Furcht, doch mit Respekt und erhobenem Kinn, die Schultern jetzt gestrafft und gerade durchgedrücktem Rückgrat. Teiresias wollte den besten Eindruck hinterlassen, so dass es keine Beschwerden über ihn geben konnte.

Wieder dieser Ausdruck, mit dem die anderen Stalljungen ihn bedachten, und mit dem er nichts anfangen konnte, als zu glauben, es sei, weil man ihm sein elbisches Erbe aus den Wäldern fern von hier ansah. Er hatte durchaus Manieren von seinem Volk gelernt, selbst wenn man sich oft ungebührlich ihm gegenüber verhalten hatte.
„Ich bin kein Wildling, He –“, antwortete Teiresias daher vorsichtig, ich arbeite hier, und verschluckte sich an der höflichen Anrede, die Athaín sich dann verbat.
Nur konnte er den Zusammenhang nicht finden, weswegen er unbesorgt sein sollte, nur … „Danke, dass Ihr mein Versäumnis nicht weitergebt. Ich … ich habe bei der Fütterung zugesehen, ich wollte nicht lange bleiben, doch einer der Jungdrachen hatte ...“
Er plapperte und als Teiresias es bemerkte, klappte sein Mund ebenso schnell wieder zu, denn dieses Gerede entsprach nicht seiner Art, selbst wenn er seine Abwesenheit erklären wollte. Ebenso wie er den Fingerzeig wieder sinken ließ, der hinter sich gen Weide wies, weil er wusste, dass sein Gegenüber blind war. Diese Hand legte sich nun leicht an seine blasse Wange.
Was ihn aber nicht dazu verleiten mochte, den Älteren darauf hinzuweisen, dass seine blau-silberne Schuppenfarbe kaum Sonnenbräune anzunehmen fähig war. Lediglich die Haut dazwischen vermochte sich etwas zu bräunen … woher wusste Athaín von seiner Blässe? Es musste nur daher geredet sein, glaubte Teiresias, passend zu dem ganzen Satz über frische Luft.

Er beobachtete, wie der andere in einer geschmeidigen Bewegung die Arbeit wieder aufnahm, die eigentlich die seine war, so dass er sich innerlich wand. Seine beiden Hände waren bereit zuzugreifen, wenn er nur wüsste, wie er dem Drachenreiter die Griffe entwinden könnte, ohne … ein Brummen ließ ihn aufmerken.
Was er sich merken sollte, war für ihn mehr als absurd, so dass Teiresias annahm, es könne sich nur um einen Scherz handeln. Einen bitterbösen Scherz, selbst wenn Athaín nicht lachte: wieder einmal auf seine Kosten. Es fuhr ihm als Stich in den Bauch und seine Lippen wurden zu dieser messerscharfen Linie, während sich sein Blick zu Boden schlug. Seine Stirn war in Wellen gelegt – er fragte sich, weswegen jener annahm, er hätte Flügel und könne fliegen?
Der junge Mischling verstand weder die Ironie, noch als Antwort auf seine halb ausgesprochene Frage. Er war zu weit gegangen, seine Neugierde hatte ihm wieder ein Bein gestellt. Wie fern ab allem er doch aufgewachsen war.
„Ja, Herr“, rutschte es ihm heraus, keine Fragen mehr.

Sein Herz klopfte wie wild, als er sich nach einem Moment stillen Stehens dennoch entschloss hinter Athaín herzukommen, falls dieser den Weg gen Misthaufen aufnahm. Sein Fuß war ihm wie immer im Weg, doch es gelang ihm bestimmt den Mann einzuholen und an dessen Seite aufzuschließen.
„Ich kann nicht fliegen“, fühlte er sich verpflichtet Athaín aufzuklären. „Hörner, ich habe gedrehte Hörner, doch keine Flügel.“ – und eine Klaue, die mich hinken lässt. Von all den anderen Makeln gar nicht zu sprechen.
Und eben seine makelbehafteten Augen umfuhren bewundernd des Reiters scharfes Profil, welches all seine Sicht ausfüllte, während die restliche Welt sich in Kristallen drehte ... während sich seine Hände zu Fäusten ballten, willens ihm die Schubkarre abzunehmen, den Mann zur Seite zu drängen, wenn da nicht seine Hochachtung gewesen wäre, die ihn gleichzeitig daran hinderte.
Was ihn wieder daran erinnerte, dass ein Drachenreiter nicht auf der Erde, sondern in der Luft sein sollte, unter dem weiten Himmel, mit den Fingerspitzen nah an den Wolken und den Sternen … und sein Inneres schmerzte, sehnte sich unergründlich nach einer Erfahrung, die er kaum bei Sinnen erlebt hatte und seitdem nie wieder.