Lost Chronicles

Normale Version: Das Band zwischen Drache und Reiter
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Seiten: 1 2 3
Es war einer dieser Abende, an denen die untergehende Sonne den Himmel in eine orange-goldene Farbensymphonie verwandelte. Einer dieser Abende, an denen die stürmischen Winde derart stark über die Meeresoberfläche fegten, dass ein einzelner Flügelschlag genügte, um sich über mehrere Meilen lang in der Luft zu halten und sich von den Böen tragen zu lassen. Einer dieser Abende, an denen Windtänzer die Gegenwart seines Reiters besonders vermisste. Wie oft waren sie an Tagen wie diesen schon gemeinsam die Küsten entlang geflogen, hatten mit dem Wind gewetteifert und ihre Freiheit abseits des Drachenfelsen und ihren Verpflichtungen gegenüber dem Ordo Draconis genossen? Eine Freiheit, von der gewöhnliche Menschen nur träumen konnten.

Doch das war lange her. Jetzt verbrachte Kieran die Abende in Gesellschaft seiner kleinen Familie, in der es für Windtänzer keinen Platz gab. Er freute sich für seinen Reiter, weil er mit Neremea das Glück gefunden hatte, das ihm in seinem Leben noch gefehlt hatte und doch ... hin und wieder konnte er nicht verhindern, dass sich ein Gefühl von Eifersucht in sein großes Drachenherz schlich. Eifersucht und Traurigkeit, denen der sehnliche Wunsch zugrunde lag, Neremea endlich einmal Auge in Auge gegenüber zu stehen und Auroras helles Kinderlachen mit eigenen Ohren zu hören. Nicht immer nur in den Gedanken und Erinnerungen, die er mit seinem Reiter teilte.

Irgendwann, das wussten sowohl Windtänzer als auch Kieran, würde der Tag kommen, an dem das Geheimnis gelüftet werden würde. Ob nun durch Kieran selbst, einen unglücklichen Zufall, ein neugieriges Paar Augen, das zu einer großen Klappe gehörte oder weil Neremea den manchmal nur allzu fadenscheinigen Aussagen ihres Ehemannes irgendwann überdrüssig werden und Nachforschungen anstellen würde. Ein Tag, den der Drache einerseits herbeisehnte - und zugleich auch fürchtete wie kaum etwas anderes, denn es war ein Tag, der entweder eine Tür öffnen oder eine andere für immer verschließen könnte.

Mit einem tiefen Seufzen verlagerte Windtänzer seinen Schwerpunkt, machte sich die Windböe zunutze, die auf die Küste zusteuerte und ließ sich von ihr auf das Festland zutreiben, wo er zu einer sanften Landung ansetzte, die Flügel an den Körper presste und den Kopf gen Himmel reckte, um die unterschiedlichen Gerüche aus der Luft zu filtern und so hoffentlich die Fährte seines Abendessens aufzunehmen. Tatsächlich witterte er etwas. Den Duft eines anderen Drachen. Er blähte die Nüstern, schnupperte erneut und drehte seinen Kopf dann in die Richtung, in der er den Artgenossen vermutete.

Ein Jungdrache. Das ein oder andere Mal hatte Windtänzer ihn bereits in der Nähe des Drachenfelsens gesehen, doch bis jetzt noch kein Wort mit ihm gewechselt. Der schlanke, schlaksige Körperbau, der in dieser Phase der Entwicklung dafür sorgte, dass die Proportionen nicht so recht zusammenpassen wollten - noch nicht - sprach für sich. Doch es waren nicht die teilweise viel zu langen Gliedmaßen oder die feuerroten Federn, die sich deutlich von seinem ansonsten blau-weißen Gefieder abzeichneten, die Windtänzers Aufmerksamkeit erregten, sondern die Tatsache, dass den jungen Drachen irgendetwas zu beschäftigen schien. Im Grunde genommen hätte es Windtänzer egal sein können, aber gegen seine empathische Natur anzukämpfen wäre genau so sinnlos gewesen wie der Versuch, einen Gewittersturm zu bändigen.

Mit langsamen Bewegungen näherte er sich dem Jungdrachen, wobei er mehr als sonst um eine Körperhaltung bemüht war, die seinem Gegenüber symbolisieren sollte, dass von ihm keine Gefahr ausging. Wenn es darum ging, Feinden zu imponieren, machte sich Windtänzer stets so groß wie möglich, breitete seine Flügel aus, stellte seine Stacheln auf und zog die Lefzen nach oben, um seine rasiermesserscharfen Zähne zur Schau zu stellen. Jetzt jedoch presste er die Flügel eng an seine Flanken, legte die Stacheln an und hielt seine Schwanzspitze ruhig, statt sie angriffslustig hin und her zucken zu lassen.

"Bedrückt dich etwas?" Fragte Windtänzer mit tiefer, volltönender Stimme und blieb etliche Meter vor dem Fremden stehen, um seinen Gegenüber nicht aus dessen Komfortzone zu drängen.
An diesem Abend ging Viserion das Gespräch mit Teiresias nicht aus dem Kopf. Vielleicht weil das Wetter so zum Fliegen einlud und vom Felsen einige Drachen mit ihren Reitern aufstiegen. Würde er auch jemals seinen Reiter finden? War es dieser junge Mann, der sich selbst als Halbdrachen bezeichnete? Oder war es ein anderer, der noch irgendwo in den Weiten dieser oder einer anderen Welt auf ihn wartete? Woran erkannte er den einen? Teiresias gegenüber war er sich so sicher gewesen aber ja länger dieser weg war, desto unsicherer wurde er. Jagte er einem Traum nach? Oder vielleicht wollte er ihn gar nicht als seinen Gefährten? Denn wer wollte schon einen gefiederten Zwillingsdrachen?
Sehnsüchtig sah er zwei Artgenossen nach, die eben aufstiegen. Vielleicht wäre es ja leichter, wenn er zu den anderen Drachen Anschluss fand, aber er wagte es nicht. Er wollte nicht wieder der große Aussenseiter sein, nicht wegen Geburt, Aussehen oder weil er eben keinen Reiter hatte. Da lieber von selbst auf Distanz zu ihnen gehen, dann konnte ihm keiner weh tun. Aber so einfach wie er sich das vorsagte, war es nicht. In seinem Inneren sehnte er sich nach Gesellschaft, wie schön es sein konnte, sich mit jemandem zu unterhalten, hatte er auf seiner Reise erfahren, als er den Zwerg Norgrimm getroffen hatte. Und natürlich das Gespräch mit Teiresias, was ihn so sehr zum Nachdenken gebracht hatte.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, trat an die Klippe vor ‚seiner‘ Höhle und stieß sich mit einem kraftvollen Sprung ab. Der Wind trug ihn höher, spielte mit seinen Federn und für einige Zeit konnte er all die trüben Gedanken vergessen. Zwischen diesen schwebenden Inseln, die ihm noch immer etwas seltsam vorkamen, gab es einiges zu sehen. Tief unter sich sah er düsteren Grund, doch dort hinab zu fliegen wagte er nicht. Vielleicht irgendwann einmal. Hier war es ganz anders zu fliegen als auf seiner Heimatwelt Vandrigg. Dort konnte man gleichmässig auf einer Höhe gleiten, hier musste man den Inseln ausweichen und der stürmische Wind schickte einen sehr schnell sehr nahe an einen der Felsen heran. Irgendwann ermüdete der Jungdrache und landete auf einer einsam wirkenden Insel. Die letzten Sonnenstrahlen trafen auf eine Lichtung und hier ließ er sich nieder. Die Vögel, die bei seiner Landung verstummt waren, setzten nach einiger Zeit wieder mit ihrem Gesang ein, sahen sie in dem Jungdrachen im Moment keine unmittelbare Gefahr.

Viserion faltete die Flügel, hockte sich hin, die Nase in die Sonne gestreckt und legte den zweigeteilten Schwanz um die Vorderbeine. Wie von selbst kamen die Gedanken wieder, die Zweifel, Sorgen und Fragen, auf die er keine Antwort wusste. Zwar hatte der alte Drache, der als Veteran in die Kolonie von Aitheria, dem Drachenfelsen und dem Ordo Draconis erzählt doch immer wenn es um die Personen der Reiter, insbesondere um seinen Reiter zu gehen schien, verfiel er in tiefes, trauriges Schweigen. Er hatte ihn verloren, da war Viserion sich sicher. Und damit ein Stück seiner selbst. War das der Preis, den man für die Gemeinschaft mit einem Reiter zahlen musste, der Preis dafür, sich komplett zu fühlen?

Die Vögel verstummten erneut, kündeten von der Ankunft eines weiteren Räubers. Der Jungdrache war jedoch so in Gedanken, dass er die Ankunft des fremden Drachens nicht bemerkte. >Bedrückt dich etwas?< Die Stimme war tief und zeugte von einem ausgewachsenen Exemplar, doch war keinerlei Feindseligkeit darin zu hören. Trotzdem zog Viserion den Kopf ein und suchte sich klein zu machen, als er den Kopf in jene Richtung drehte, aus der die Stimme kam. Er sah sich einem imposanten weißen Drachen gegenüber, der in einigem Abstand zu ihm stehen geblieben war. Seine Körperhaltung unterstrich seinen Tonfall, keinerlei Drohgebärde begleitete die Worte. Vage konnte er sich erinnern, den Weißen am Drachenfelsen schon gesehen zu haben. Im ersten Impuls, anerzogen in all den Jahren der Ablehnung, wollte der Jungdrache sich zurückziehen, den Platz freigeben, war er doch vielleicht in das Revier des Fremden eingedrungen. Doch wirkte dieser freundlich und so nahm Viserion sein Herz in beide Pranken und hob auch leicht den Kopf, als er antwortet. „Bedrücken ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe so viele Fragen und das Gefühl es werden täglich mehr. Ich meine … Was bedeutet es einen Reiter zu haben?“ Und nach einer kleinen Pause. „Ich bin übrigens Viserion …“
"Viserion." Windtänzer wiederholte den Namen des Jungdrachen und neigte leicht den Kopf, während er an Ort und Stelle verharrte. Ihm war nicht entgangen, wie sein Gegenüber instinktiv eine unterwürfige Körperhaltung eingenommen hatte, die nicht nur allein von dem üblichen Respekt zeugte, den man älteren Artgenossen entgegen brachte - sondern von einer Spur Furcht. Was auch immer Viserion in seiner kurzen Lebensspanne bereits widerfahren war, es schien ihn geprägt zu haben und das nicht auf positive Art und Weise. "Ich bin Windtänzer." Stellte sich der ältere Drache nun vor, ehe er Viserion seine ungeschützte Seite präsentierte und sich mit Blick auf den Horizont nonchalant auf dem Boden ablegte. Eine weitere Geste, die dem Jungdrachen zeigen sollte, dass er vor dem Älteren nichts zu befürchten hatte.

"Was es bedeutet, einen Reiter zu haben?" Die Frage ließ den Drachen schmunzeln, kam sie doch mit einer Direktheit, die Viserions Jugend deutlicher widerspiegelte als sein schlaksiger Körperbau. "Einen Reiter zu haben, verändert alles. Es ist lange her, aber ich erinnere mich noch genau daran, wie es war, bevor ich meinem Gefährten begegnet bin." Den Blick auf den Horizont gerichtet, ließ sich Windtänzer von der Erinnerung erfassen, die über zwei Jahrhunderte zurück lag, aber noch so klar und deutlich vor seinem inneren Auge aufflackerte, als läge sie erst wenige Sonnenumläufe zurück. "Ich war nicht vollständig, hatte immer das Gefühl als würde ein Teil von mir fehlen. Als ich Kieran schließlich begegnete, füllte er diese Lücke. Wir waren ... wir sind ... wie eine Seele in zwei verschiedenen Körpern."

Eine kurze Pause entstand, bevor Windtänzer wieder zu Viserion sah und ihn aufmerksam betrachtete, ohne Anstalten zu machen, aufzustehen und sich ihm zu nähern. Er würde es dem Jungdrachen überlassen, ob er sich näher an ihn heran wagte oder sich vorerst wohler fühlte, wenn sie die bestehende Distanz zueinander weiter wahrten. "Bist du deinem Reiter bereits begegnet?" Hakte er dann vorsichtig nach, wobei sein Blick noch etwas forschender wurde. "Du bist dir nicht sicher ... habe ich Recht?" Das würde zumindest den grüblerischen Ausdruck in Viserions Augen und die innere Unruhe erklären, mit der er gegenwärtig zu kämpfen schien. "Wieso erzählst du mir nicht von ihm? Ich habe Zeit ..."

Windtänzer sagte es mit einem angedeuteten Lächeln, aber es gelang ihm nicht ganz, den Anflug von Traurigkeit zu verbergen, der in dieser Aussage mit schwang. Vorsichtig fühlte er nach seinem Reiter, spähte in seine Seele, als würde er vor einem Haus stehen und in ein hell erleuchtetes Fenster sehen. Mit Augen, die nicht die seinen waren, blickte er in das strahlende Gesicht des blond gelockten Mädchens, das am Esstisch saß und ihrem Vater mit kindlicher Euphorie von dem Schmetterling erzählte, den sie heute gesehen hatte als sie mit ihrer Mutter Wasser aus dem Fluss geschöpft hatte. Lächelnd lauschte Windtänzer ihren Schilderungen, ohne sich jedoch bemerkbar zu machen. Er wusste, dass Kieran ihn nicht ausschließen würde, wenn er seine Präsens bemerkte, aber dennoch kam sich der Drache hin und wieder wie ein Eindringling vor.

Mit einem unterdrückten Seufzen zog er sich wieder zurück, verflüchtigte sich wie ein Nebelschweif und lenkte seinen Fokus wieder auf das Hier und Jetzt. Auf Viserion. Der Jungdrache schien niemanden zu haben, dem er sich anvertrauen konnte oder wollte und Windtänzer hatte nichts dagegen, als Auffangstelle für alle Fragen zu dienen, die den verloren wirkenden Drachen beschäftigten. Um ehrlich zu sein war er sogar ganz froh über diese unverhoffte Gesellschaft.
„Windtänzer …“ wiederholte auch Viserion den Namen des Anderen und nickte dem anderen Drachen zum Gruß zu. Der Ältere signalisierte ihm deutlich, dass er keine Gefahr für ihn darstellte und langsam entspannte sich der Jungdrache ein wenig. Die Art, wie der Weiße die Sache mit dem fehlenden Seelenstück erkläre, stimmte komplett mit Viserions Gefühl überein. Er hatte also Recht und bildete es sich nicht ein, wie seine Zwillingsschwester es ihm immer gehässig unterstellt hatte. Erleichtert atmete er auf, ehe Windtänzers nächste Frage ihn doch ein wenig aus dem Konzept brachte. Ob er ihn schon gefunden hatte, seinen Reiter? „Ich … ich weiß nicht recht, also ich denke schon, aber ich weiß nicht …vielleicht“ stammelte er und beantwortete so aber gleichzeitig die zweite Frage des Älteren.

„Ich bin vor kurzem einem jungen Mann am Drachenfelsen begegnet, sein Name ist Teiresias. Es war so seltsam, ich habe ihn das erste Mal gesehen und doch war mir als würde ich ihn erkennen, auch wenn ich nichts über ihn weiß. Also fast nichts, er sagte er sei ein Halbdrache und würde in den Ställen arbeiten. Er war irgendwie traurig und wütend, aber nicht auf mich sondern … auf das Leben? Ich hab das alles gespürt, als wären es meine Gefühle, aber sie waren es nicht. Ist das normal, dass wir spüren was unser Reiter spürt? Und spürt er, was ich spüre? Kann er meine Gedanken lesen? Also auch das was ich ihm nicht sende?“ Viserion legte den Kopf schief. „Ise es richtig, dass ich nur die Gedanken meines Reiters hören kann? Auf meiner Reise hab ich nämlich einen Zwerg getroffen, aber seine Gedanken konnte ich nicht hören.“ Erst war sich Viserion nicht sicher gewesen, ob er sich einem anderen Drachen würde anvertrauen wollen aber Windtänzer hatte eine Art, die es dem Jüngeren leicht machte, ihm zu vertrauen.

Vorsichtig stand er auf und näherte sich langsam dem Weißen, ganz langsam, jederzeit bereit, wieder mehr Distanz zwischen sie beide zu bringen, sollte der Ältere ihm signalisieren, dass er zu nah gekommen war. Aber Windtänzer blieb entspannt liegen und so konnte Viserion sich unmittelbar neben ihm nieder lassen. Trotzdem senkte er unterwürfig den Kopf und vor Aufregung ging sein Atem schneller. So nah war er noch nie einem anderen Drachen gekommen, ohne eine Abreibung zu bekommen. Aber das war nicht die Kolonie und Windtänzer war nicht Arista oder ein anderer der ihn verachtenden Drachen. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn den Kopf nach oben reißen ließ. „Was…was ist, wenn er mich nicht will?“
Das Gestammel des Jungdrachen bestätigte Windtänzer in der Vermutung, dass Viserion sich noch nicht sicher war, ob er seinen Reiter gefunden hatte oder nicht. "Du bist nicht der erste Drache, dem es so ergeht." Sagte er, zum einen, weil er wusste, dass es der Wahrheit entsprach und zum anderen, um seinem jüngeren Artgenossen die Last der Unsicherheit ein wenig zu nehmen, die er gegenwärtig auf seinen gefiederten Schwingen trug. "Manche Drachen lassen sich hauptsächlich von ihren Gefühlen leiten, manche ausschließlich von ihrem Verstand und wieder andere üben sich in Balance, irgendwo dazwischen." Windtänzer drehte den Kopf in Richtung des Jüngeren und schien sich tatsächlich zu freuen, dass Viserion ihm so viel Vertrauen entgegen brachte, dass er sich unmittelbar neben ihm nieder ließ.

"Du scheinst zu der Sorte zu gehören, die sich gerne den Kopf zerbricht ... und das stundenlang, wenn es sein muss. Daran ist nichts verwerflich." Er musterte Viserion von oben herab, wobei er die Andeutung eines Lächelns erkennen ließ. "Aber manchmal ist es klüger auf sein Herz zu hören und das Gedankenkarussell anzuhalten, bevor es sich so schnell dreht, dass es dich abwirft. Allerdings ... wenn du sagst, du hast die Gedanken dieses jungen Mannes gehört und gespürt, was er gespürt hat ..." Windtänzers Lächeln trat nun etwas deutlicher hervor. "... klingt es für mich fast so, als wäre die Suche nach deinem Reiter beendet. Es ist normal, dass wir die Emotionen unseres Gefährten wahrnehmen als wären es die usneren und manchmal sind sie sogar so dominant, dass sie unsere eigenen kurzzeitig überlagern. Andersherum verhält es sich genauso. Anfangs kann das sehr verwirrend sein, aber mit der Zeit lernst du, zwischen dir und deinem Reiter zu unterscheiden und dann wird diese Fähigkeit zu einem eurer größten Vorteile."

Nur zu deutlich konnte Windtänzer hören, wie Viserion ein wenig gehetzt ein und ausatmete, doch wie hätte er ihm noch deutlicher signalisieren können, dass er in seiner direkten Gegenwart nichts zu befürchten hatte? Angefangen von seiner Stimme, bis hin zu seiner Körperhaltung und den mandelförmigen Augen, die weder zu Schlitzen verengt, noch weit aufgerissen waren, deutete alles auf Entspannung seinerseits hin. "Dein Reiter weiß, was du fühlst und denkst, auch wenn du nicht in direktem Kontakt mit ihm stehst ... es sei denn, du verschließt deine Gedanken und Emotionen ganz bewusst vor ihm. Das erfordert einiges an Übung und Konzentration, aber manchmal ist es notwendig, da es Dinge gibt, die man nicht gewillt ist zu teilen. Seelengefährte hin oder her."

Windtänzer sprach aus Erfahrung, verzichtete aber darauf, näher auf diese Bemerkung einzugehen, solange Viserion nicht nachbohrte. "Kannst du sie jetzt hören? Die Gedanken von Teiresias, meine ich?" Hakte Windtänzer nach, neugierig zu erfahren, ob die beiden das Band schon geknüpft hatten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nur, weil ein Drache das erste Mal seinem Reiter begegnete, bedeutete das noch lange nicht, dass sie eins waren. "Kieran und ich haben unser Band bei unserem ersten gemeinsamen Flug geknüpft." Einem Flug, der nichts mit den gewagten Manövern und Eleganz gemeinsam hatte, die sie inzwischen an den Tag legten. "Aber das Band kann auch anders geknüpft werden. Durch eine Berührung, eine Geste, ein Wort."

Viserions nächste Frage sorgte dafür, dass sich die schuppige Haut über Windtänzers Nüstern ein wenig kräuselte. "Wieso sollte er dich nicht wollen? Was ist erfüllender als sein fehlendes Gegenstück zu finden? Ein Reiter ist nicht dafür geschaffen, aus freien Stücken alleine durchs Leben zu gehen. Er würde nie wirklich glücklich werden, wäre stets rastlos, einsam, unerfüllt." Er betrachtete den Jüngeren noch einen Moment und konnte förmlich sehen, wie die Zweifel in seinem Kopf umher schwirrten wie ein Schwarm purpurner Laternenflügler während einer lauen Sommernacht. "Drachenreiter mögen mancherorts nicht den besten Ruf haben ... aber was ist wertloser als die Meinung oder Ansichten von Lebewesen, die einem egal sein können? Du bist noch jung, aber irgendwann wird dir klar werden, wer oder was im Leben wichtig ist. Wirklich wichtig."
Aufmerksam hörte Viserion dem älteren Drachen zu und ohne dass er es merkte, wurde sein Atem ruhiger, entspannte er sich zusehends in der Gegenwart Windtänzers. Er saugte jede Information auf. Ein wenig Unbehagen bereitete es ihm schon, dass sein Reiter seine Gedanken und Gefühle so einfach lesen würde können. Nicht dass er ihm etwas verheimlichen wollte aber es schämte sich doch etwas ob seiner Unwissenheit. Also würde er das als eines der ersten Dinge lernen, nahm er sich vor. >Kannst du sie jetzt hören? Die Gedanken von Teiresias, meine ich?< Viserion legte den Kopf schief und lauschte. Die Gedanken des jungen Mannes konnte er nicht hören aber er spürte einen gewissen Zug in eine bestimmte Richtung und wenn er sich dort hin konzentrierte, vermochte er den Geist Teiresias zu spüren. Er schien ihm genauso nachdenklich zu sein wie er selbst, aber er konnte nicht sagen, was er genau dachte. „Ich … ich weiß wo er ist, in welcher Richtung, ich glaube ich könnte ihn mit geschlossenen Augen finden. Und ich glaube, er ist irgendwie … nachdenklich. Aber was er genau denkt, das weiß ich nicht.“ Aber da war noch etwas. Irritiert sah er auf seine Vorderpfote, die seltsam juckte. Aber da war nichts. „Kann … kann es sein dass ich spüre wenn ihn eine Mücke gestochen hat? Mich juckt meine Zehe … und da ist aber nichts!“

Windtänzer erzählte ihm von seinem Band mit seinem Reiter Kieran und wie es zustande gekommen war. Das klang sehr schön. „Ich habe ihn das erste Mal richtig gespürt, als er mir einen fetten Dorn aus der Pranke gezogen hat.“ Berichtete er. Das kam ihm so viel banaler vor. „Wie, wie ist das eigentlich, wenn man mit einem, seinem Reiter fliegt? Wie kann ich sicherstellen, dass er nicht herunterfällt?“ Er konnte sich nicht vorstellen, wie so ein kleines Wesen wie ein Mensch oder Halbdrache sich auf seinem Rücken würde halten können.

Verlegen senkte Viserion den Kopf. Windtänzer war bisher so freundlich zu ihm gewesen, wäre er es auch noch, wenn er wusste, dass er ein Zwillingsdrache war. Vielleicht sollte er es ihm nicht offen auf die Nase binden, er wollte den ersten Drachen, der wirklich, wirklich nett zu ihm war nicht vergraulen. „Naja weil ich anders bin, also mit den Federn und so …“ antwortete er daher nur vage. Es war ja nicht gelogen, er sagte nur nicht alles. „Woher weiß ich was wirklich wichtig ist? Und warum haben Drachenreiter denn nicht den besten Ruf?“ wollte er wissen. Bisher waren alle am Drachenfelsen nett gewesen. Und gleich kam ihm die nächste Frage in den Sinn. „Was machen Drachenreiter eigentlich, ich meine, ich sehe jeden Tag Drachen vom Felsen wegfliegen, allein oder in Gruppen und vor drei Tagen kam ein großer Blauer mit reichlichen Wunden zurück und sein Reiter sah auch nicht besser aus. Sind wir im Krieg?“ fragte er mit reichlich großen Augen und einem etwas verunsicherten Blick. Krieg … das war etwas Schlimmes. Er hatte zwar noch keinen erlebt aber er wusste, dass es auf seiner Heimatwelt Vandrigg von noch nicht allzu langer Zeit so etwas gegeben hatte.
Mit leicht schief gelegtem Kopf lauschte Windtänzer Viserions Schilderungen und das, was er ihm erzählte, bestätigte ihn immer mehr in der Vermutung, dass der Jungdrache tatsächlich seinem Reiter begegnet war. "Wenn du weißt, wo er ist und sogar spürst, was er spürt ..." Er warf einen knappen Blick auf Viserions Pranke, auf der tatsächlich kein Stich zu sehen war. Wie könnte eine einfache Mücke auch in der Lage sein, das dicke Schuppenkleid eines Drachen zu durchdringen? "... scheint es, als hättet ihr euer Band bereits geknüpft." Windtänzer löste den Blick wieder von Viserions Kralle und sah in das Gesicht des Jüngeren. "Aber, wenn du sagst, dass du seine Gedanken noch nicht klar und deutlich hören kannst, scheint es noch nicht vollständig gefestigt zu sein." Was wohl nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, dass sowohl Drache als auch Reiter ernste Zweifel hegten, ob sie ihr passendes Gegenstück gefunden hatten. "Ihr müsst eure Herzen öffnen, euch von euren Gefühlen leiten lassen und eurer Berufung folgen. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber irgendwann wirst du erkennen, was wirklich wichtig ist. Und nur, weil man anders ist, heißt das nicht, dass das etwas Schlechtes ist."

Viserions nächste Frage entlockte der großen Echse ein amüsiertes Lachen. "Du kannst nicht sichergehen, dass dein Reiter nicht von deinem Rücken fällt. Er mag mit der Drachenaffinität in seinem Blut geboren worden sein, aber alles andere muss er sich erst aneignen. Ebenso wie du. Ein geknüpftes Band ist der erste Schritt, danach müsst ihr lernen, zu einer Einheit zu werden. Kieran und ich haben Tag und Nacht zusammen trainiert, wann immer er keine Aufgaben auf dem Drachenfelsen zu erfüllen hatte. Zuerst über dem Wasser, damit er sich bei einem Sturz nichts bricht ... und glaub mir, er ist während dieser Zeit unzählige Male von meinem Rücken gefallen ... danach über Land. Mittlerweile ..." Windtänzer richtete den Blick wieder gen Himmel und ein stolzer Ausdruck stahl sich in die hellen Augen des Drachen. "... kann er sich in nahezu jeder Position auf meinem Rücken halten, bei Wind und Wetter."

Viserions Fragen schienen kein Ende zu nehmen und doch deutete nichts darauf hin, dass er Windtänzers Geduld überstrapazierte. Im Gegenteil. "Früher waren Drachenreiter Ausgestoßene. Sie lebten mit ihren Gefährten zurückgezogen in Wäldern und Höhlen und raubten, plünderten oder bettelten, um an Nahrung und Kleidung zu gelangen. Das änderte sich, als der Ordo Draconis ins Leben gerufen wurde, doch ein schlechter Ruf, der sich über Jahrhunderte hinweg in das Bewusstsein der Bevölkerung prägt, ist wie ein eingetrockneter Fleck auf einem Seidenhemd. Er wird irgendwann blasser, aber ganz verschwinden wird er wohl nie, obwohl sie von vielen inzwischen als Helden angesehen werden. Gerade im Kampf gegen die Schattenwesen."

Womit Windtänzer nahtlos zu Viserions nächster Frage überging. "Hast du schon einmal etwas von den Schattenwesen gehört, die hin und wieder über die Sternentore in unsere Welt eindringen? Sie sind sehr gefährlich und nur schwer zu bekämpfen. Unser Drachenodem ist eine von nur wenigen Waffen, mit denen man sie bezwingen kann, was uns und unsere Reiter im Kampf gegen sie nahezu unverzichtbar macht. Allerdings besteht unser Alltag nicht immer nur darin, der Gefahr ins Auge zu blicken, obwohl auch bei einem regulären Patrouillenflug jederzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen kann." Wenn Windtänzer ehrlich war, schätzte er ruhige Tage allerdings genau so sehr wie die Aussicht, sich mit seinem Reiter in einen Kampf zu stürzen.
Herz öffnen … wie ging das? Für einen Drachen wie Viserion, der in seinem Leben eigentlich meist nur Ablehnung erfahren hatte, war es eine Überwindung, jemand auch nur annähernd an sich heran zu lassen. Aber Windtänzers Worte zeigten ihm, dass es vielleicht doch Wesen, eventuell auch Drachen gab, die kein Problem mit seiner Andersartigkeit hatten. Dass er mit seinem Reiter die schwierigen Manöver übern musste, sah er schon ein, war ihm auch vollkommen klar, immerhin beobachtete er seit seiner Ankunft mit einer Spur von Neid regelmäßig die Formationen, die vom Drachenfelsen aufstiegen. So hatte er auch schon bemerkt, dass die Drachen kompliziert verschnallte Gurten trugen, an denen die Reiter sich selbst festschnallten. „Aber wie kann ich meinem Reiter helfen nicht runter zu fallen? Und sind diese Gurten unbequem? Kann man damit überhaupt richtig fliegen?“ Viserion entging nicht, dass der Ältere stolz auf seine Flugkünste war und er glaubte sich zu erinnern, dass er vor einigen Tagen einen eleganten weißen Drachen beobachtet hatte. War das vielleicht Windtänzer gewesen?

Wenn dem so war, verwunderte es ihn umso mehr, dass dieser sich so bereitwillig mit ihm abgab. Aber der Jungdrache freute sich auch. Langsam entspannte sich der Gefiederte, begann sich sogar ein wenig wohl zu fühlen, blieb aber aufmerksam und sog nach wie vor jedes Wort des anderen auf. Die Geschichte des Ordo Draconis faszinierte ihn, erinnerte ihn die Sache mit dem schlechten Ruf doch ein wenig an die alte, etwas verblasste aber doch immer präsente Geschichte der Zwillingsdrachen. Warum hielten sich solche Sachen immer so lang in den Köpfen der Menschen, Drachen, Wesen? Auch wenn sich längst herausgestellt hatte, dass sich Dinge ändern konnten oder ganz anders waren, als sie zu sein schienen.

„Was sind denn Schattenwesen? Und wo kommen die her? Wie schauen die denn aus, ich mein wie kann ich so einen Schatten erkennen? Und mit dem Drachenodem, meinst du da meinen heißen Dampf, die Wasserstrahlen und die Eissperre? Kannst du das auch?“ Etwas verlegen scharrte Viserion erneut in der Erde. „Ich treff‘ halt nicht sehr gut, wollte ja üben aber alleine ist das so langweilig … und besser werde ich auch nicht wirklich.“ Hoffnungsvoll sah er Windtänzer an. Von seiner anfänglichen Angst und Scheu gegenüber dem anderen Drachen war fast nichts mehr über. Der Weiße war so anders, so viel freundlicher als all die Drachen, die er aus seiner Heimat kannte und so wagte er ihn das Folgende zu fragen. „Kannst … kannst du mir vielleicht ein wenig helfen, mir zeigen wie ich besser werden kann. Weil ich will meinen Reiter ja beschützen können, wenn so ein Schattenwesen uns angreift. Ich bin ja für ihn verantwortlich, hab ich das richtig verstanden?“ Nachdenklich legte er den Kopf schief. „Um was patrouillieren wir eigentlich herum? Ich mein, ich kenn ja die Namen der Inseln ja gar nicht alle, gehören die alle zur selben Kolonie? Und was ist eigentlich da unten, also unter den Inseln, wo es so dunkel ist?“ Irgendwie war es Viserion ja unangenehm, dass er so viele Fragen hatte, kam er sich doch sehr unwissend vor. Vielleicht konnte er ja ein bischen was zurückgeben. „Kennst du Vandrigg? Dort komme ich nämlich her, also … also wenn es dich interessiert, kann ich dir da auch was erzählen. Immerhin frage ich dir ja gerade ziemliche Löcher in die Schuppen.“
"Übung macht den Meister." Ein altes Sprichwort, das vermutlich nie aus der Mode kommen würde und stets der Wahrheit entsprach. "Je öfter ihr gemeinsam fliegt, desto eingespielter werdet ihr. Irgendwann wird dein Reiter deine Körpersprache zu lesen lernen. Er wird wissen, in welche Richtung du fliegst, noch bevor du deinen Schwerpunkt verlagerst und sich deinen Bewegungen anpassen. Davon abgesehen ..." Er sah auf den Jungdrachen hinab und schmunzelte leicht. "... kannst du das Band nutzen, das euch eint und ihn in Gedanken wissen lassen, was du tust. Das wird ihn anfangs nicht vor jedem Sturz bewahren, die Zahl der möglichen Unfälle aber etwas eindämmen."

Windtänzer riss sein mir rasiermesserscharfen Zähnen besetztes Maul auf, gähnte herzhaft und ging nahtlos in ein Kopfschütteln über. "Die Gurte sind nicht unbequem, wenn sie eigens für dich angefertigt und das Leder gut in Schuss gehalten wird. Anfangs ist es ein ungewohntes Gefühl, aber irgendwann wirst du dich so sehr an sie gewöhnen, dass du gar nicht mehr merken wirst, dass du sie trägst. Allerdings rate ich euch, das Fliegen auch ohne Gurte zu üben. Unsere Drachenhaut ist dick, aber das Geschirr kann während eines Kampfes beschädigt werden und dann muss sich dein Reiter auch ohne Sattel auf deinem Rücken halten können."

Windtänzer war selten einem Drachen begegnet, der so wissbegierig war wie Viserion. Hätte er einen etwas dünneren Geduldsfaden, wäre dieser mit Sicherheit längst gerissen, aber noch schien der weiße Drache nicht genug von dem Fragen-Bombardement zu haben. "Hast du schon einmal etwas von der Leere gehört? Dem Ort zwischen den Welten? Von dort kommen diese Schattenwesen, allerdings weiß ich nicht, wie genau sie entstehen. Manche sind so flüchtig und unförmig wie Nebelschwaden, während andere eine klar erkennbare Form haben. Erstere sind sehr gefährlich, kommen glücklicherweise aber nur sehr selten vor. Einem solchen Nebelwesen bin ich in all den fast dreihundert Jahren meines Lebens erst ein einziges Mal begegnet."

Sein Blick wanderte erneut zu Viserion. "Wie alt bist du eigentlich?" Anhand seines schlaksigen Körperbaus und den unförmigen Proportionen, die noch nicht so recht zusammen passen wollten, schätzte Windtänzer das Alter des Jungen auf nicht mehr als zwei Dekaden. "Meine Waffe sind Blitze, nicht Eis. Du bist ein Wasserdrache. Ich bin ein Drachen der Lüfte. Unsere Fähigkeiten unterscheiden sich voneinander." Trotz allem war Windtänzer der Überzeugung, dass er dem jüngeren Artgenossen zeigen konnte, wie er seine Gabe kontrollierter zum Einsatz brachte, auch wenn Eis und Blitze sich völlig unterschiedlich verhielten. "Wieso lieferst du mir nicht eine kleine Kostprobe deines Könnens? Siehst du den hohlen Baumstamm dort hinten? Versuch ihn zu treffen." Viserion wollte Hilfe? Dann durfte er sich nicht beschweren, wenn er von Windtänzer ohne jede Vorwarnung ins kalte Wasser geworfen wurde. Man lernte das Fliegen nur, wenn man aus dem Nest geschubst und gezwungen wurde, seine Flügel auszubreiten.

"Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis du und dein Reiter soweit sind, um Jagd auf Schattenwesen zu machen, aber ja ... du bist für ihn verantwortlich, ebenso wie er für dich verantwortlich ist." Windtänzer stand auf, drückte den Rücken durch und breitete die Flügel aus, um sich zu strecken. "Ich erzähle dir, für was wir patroullieren und auch, was es mit dem dunklen Erdgrund auf sich hat ... aber zuerst möchte ich, dass du mir etwas über dich erzählst." Denn wenn der ältere Drache ehrlich war, hegte er tatsächlich Interesse an dem wissbegierigen Artgenossen. "Wenn du ein Wasserdrache bist, stammst du aus Vandrigg. Wann bist du nach Aitheria gekommen und wie?" Hatte er die Reise alleine unternommen oder hatte ihn jemand begleitet? "Und wer hat dir das Leben in der Vergangenheit so schwer gemacht?" Eine vielleicht etwas zu persönliche Frage, aber wenn Viserion sich in seiner Privatsphäre verletzt fühlte, stand es ihm frei, jederzeit einfach zu gehen. "Als ich so jung war wie du, war die Welt für mich nicht groß genug." Viserion hingegen erweckte den Eindruck, als wäre es zuweilen sein größter Wunsch, sich einfach unsichtbar zu machen. Das kam nicht von ungefähr.
Der Jungdrache schüttelte den Kopf, von der Leere hatte er noch nichts gehört. Den Begriff hatte sein Freund Norgrimm, den er auf Vandrigg kennengelernt hatte, einmal gebraucht aber sie waren dann nicht dazu gekommen, näher zu erläutern, was sich dahinter verbarg. „Drei … dreihundert Jahre?“ echote Viserion. Unwillkürlich machte sich der Jungdrache wieder ein wenig kleiner. Dass Windtänzer älter als er war, war ihn klar gewesen aber so viel älter? „Ich bin gerade mal achtzehn oder neunzehn Winter.“ Beantwortete er dann die Frage nach seinem eigenen Alter. Skeptisch sah er den Weißen an. Er hatte noch nie versucht, mit seinen Waffen etwas zu treffen, also gezielt. Aber hatte er nicht um Hilfe gebeten?

So konzentrierte er sich, nahm Maß, wobei er gleich einer Katze auf recht witzige Weise mit dem Hinterteil wackelte und spuckte dann einen Eisstrahl in Richtung des genannten hohlen Baues … nun ja ungefähr in die Richtung. Der Baumstumpf blieb stehen, dafür war ein ganz in der Nähe stehender Brombeerstrauch im nächsten Augenblick mit einer Eisschicht überzogen. „Nicht ganz …“ brachte er verlegen hervor und schielte zu Windtänzer. Als dieser sich erhob und sich streckte, dachte Viserion schon, der Ältere hätte jetzt endgültig genug von ihm und er würde sich jeden Moment in die Lüfte erheben, doch er hatte sich getäuscht. Allem Anschein nach war Windtänzer bereit, sich auch weiter mit ihm abzugeben, doch zuerst wollte er nun auch etwas über ihn wissen.

Viserion rutsche das Herz in die Federn. Er war sich sicher, dass das dann Auslöser dafür sein würde, dass der andere sich davon machte. Aber vielleicht, ein ganz kleines vielleicht, war Windtänzer ein bisschen wie Norgrimm und würde ihn nicht verachten oder hassen oder versuchen zu töten. So nahm er all seinen Mut zusammen und begann zu erzählen. „Ja ich bin aus Vandrigg, ganz hoch oben aus dem Norden, wo das Meer zu Eis wird und im Winter die Sonne nie auf und im Sommer nie unter geht. Die Drachen leben dort in Kolonien, die es schon seit unzähligen Sonnenläufen gibt. Und so alt wie diese Gemeinschaften sind die Regeln dort, die Vorstellungen … und Vorurteile.“ Bei den letzten Worten ließ er den Kopf hängen, sprach aber weiter, auch wenn seine Stimme etwas leiser und trauriger wurde. „Ich bin, wie du siehst, kein typischer Drache. Ich habe Federn statt Schuppen und sie sind zum Teil rot statt blau. Rot ist die Farbe des Feuers und ich, alle Drachen dort gehören dem Wasserelement an. Ich sollte also ganz blau sein oder weiß oder silbrig oder grünlich oder so was in der Art. Aber vielleicht wäre ich da nur ein Unikum, ein Aussenseiter, jemand über den man lacht. Aber man würde mich nicht hassen.“ Es folgten Momente der Stille, fast war es, als würde der Jungdrache nicht weiter sprechen wollen. Doch dann gab er sich einen Ruck. „Ich … ich bin ein Zwillingsdrache. Weißt … weißt du was das bedeutet?“ der Weiße sah in schweigend an, stumme Aufforderung, weiter zu erzählen. Viserion kannte nicht sagen, ob er es wusste, ob es ihm egal war oder was sonst.

„In unserer Kolonie gibt es die Geschichte, es ist schon fast eine Legende, dass es einst Zwillinge gab, Zwei aus dem selben Gelege, geschlüpft nur kurz nacheinander. Zuerst waren sie unzertrennlich doch mit den Jahren entfremdeten sie sich immer mehr und als sie das Alter von fünf Dekaden erreicht hatten, waren sie verfeindet bis aufs Blut. In einem gewaltigen Kampf hätten sie beinahe die ganze Kolonie vernichtet, Teile der Insel brachen ins Meer. Schlussendlich haben sie sich gegenseitig über dem Himmel über Vandrigg getötet, sind in einer tödlichen Umklammerung ins Meer gestürzt. Man sagt, seit damals ist am Grund der See ein gewaltiger Krater, der das Drachengrab genannt wird. In den ersten Jahrhunderten danach wurde oft schon ein Ei aus einem Zwillingsgelege zerstört, spätestens nach dem Schlüpfen aber wurde der zweite umgebracht. Mit den Jahren wurde dieses ‚Gesetz‘ etwas aufgeweicht aber es ist noch immer nicht leicht. Und ich weiß von keinem Päärchen, wo beide erwachsen wurden. Mitunter lösen nach wie vor die Eltern das Problem, oder aber, was nun eigentlich der Regelfall ist, die Jungen werden schon in frühen Jahren so gegeneinander aufgehetzt, dass irgendwann ein ‚Unfall‘ passiert, und dabei einer stirbt.

Meine Schwester, Arista, sie ist ein gemeines Biest aber, sie hat nie wirklich versucht mich zu töten. Ich glaube eher sie wollte mich dazu bringen, mich selbst zu töten. Dann hätte sie sich ihre hübsch geschliffenen Krallen nicht ruiniert. Und sie hatte Spaß daran, da bin ich mir sicher. Warum war sie manchmal nett zu mir, und im nächsten Moment hat sie mich gequält? Und dann, dann habe ich gehört, dass ihr gesagt wurde, sie solle mich endlich beseitigen, sonst würde ich zu stark werden und es müsse ein Götterurteil her. Weil es darf keine erwachsenen Zwillinge geben. Da bin ich geflohen, ich wollte doch nicht mit meiner Schwester kämpfen. Auch wenn sie gemein zu mir war, das … das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“ Nach einer weiteren Pause, in der er erwartete, als Feigling, Missgeburt oder sonstiges bezeichnet zu werden, fuhr Viserion fort.

„Ein alter Drache, der hier im Orden gedient hat, ist zurückgekommen. Er war nicht gar so … altmodisch und hat ein wenig mit mir gesprochen. Aber es war müde, gebrochen, traurig … verteidigt hätte er mich nie. Aber er hat mir vom Drachenfelsen erzählt. Und dann bin ich eines Tages weg, ich wollte nicht sterben, meine Schwester nicht töten, hatte das ganze so satt. Und ich hab gespürt, dass ich am falschen Fleck war, so als wäre ich nur durch Zufall oder einen Fehler des Schicksals in der Kolonie geboren worden. In mir fehlt etwas, und der Alte meinte, dass das ein Reiter sein könnte, jemand, der mich zu dem macht was ich bin, zu etwas anderem, als einen verhassten Aussenseiter. Und der mich auch braucht, bei dem ich nützlich sein könnte … und der mich so mag wie ich bin. Am Weg zum großen Tor hab ich dann einen Zwerg getroffen, sein Name ist Norgrimm. Er hat mich dorthin begleitet. Für einen Moment dachte ich, er sei es aber dem war nicht so. Aber … aber er ist ein Freund, mein erster Freund.“
Seiten: 1 2 3