Lost Chronicles

Normale Version: Old Friendships die hard
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An manche Dinge würde er sich nie gewöhnen und wenn er noch so oft herkam, es würde sich nichts daran ändern, dass die manchmal scheinbar endlosen Weiten unter den Planken eines Luftschiffes, immer ein leicht flaues Gefühl in seinem Magen auslösen würden. Ganz zu schweigen davon, dass er das er sich auch nie so wirklich mit dem Anblick der fliegenden Inseln anfreunden konnte. Inseln sollten nicht einfach in der Luft schweben, es schien ihm einfach nicht richtig, ganz egal wie oft man ihm schon das Prinzip dahinter erklärt hatte.
Aber… es war wohl einfach nicht seine Welt. Dort wo er her kam, da lagen die Inseln und Kontinente von Wasser umgeben, so wie es sich gehörte, und wenn man von einem Schiff fiel, musste man keine Angst davor haben lange zu Fallen und dann schließlich im Ungewissen aufzuschlagen. Nein, man wusste, das Wasser würde einen schon bald auffangen und mehr oder weniger sanft willkommen heißen.
Nicht dass die weiten Wasser eines Meeres jetzt als ungefährlich zu bezeichnen gewesen wären, aber dennoch schien es ihm gnädiger als der freie Fall nach unten bei dem nur der Aufprall gewiss war, aber in dieser Welt nicht einmal sicher wann.
Aber generell gaben Luftschiffe ihm generell ein seltsames Gefühl, so waren sie einerseits vertraut, das Knarren der Planken und Taue, das Flattern von Segeltuch und das leichte schwanken unter den Füßen… und zugleich fehlte der vertraute Geruch von Wasser, Fisch und Seetang, das Rauschen der Wellen und das Schwappen von Wasser. Die Luft hier… sie war einfach zu trocken…
Ohnehin kam es selten genug vor, dass er die lange Reise in dieses Welt der Lüfte antrat um einige alte Freundschaften zu pflegen. Es lag gar nicht einmal so sehr an der Beschwerlichkeit der Reise, denn obwohl Brynjarr mittlerweile fast das für Warlocks doch recht stattliche Alter von 60 Jahren erreicht hatte, weigerte er sich immer noch die Bezeichnung ‘Alt’ zu akzeptieren. Nein, es ging ihm viel eher darum, dass es ihn nie wirklich leicht fiel seine Aufgaben in Hrád Selvita für ein paar Tage ruhen zu lassen, sondern vielmehr fürchtete er jedesmal eine Katastrophe, wenn er wieder zurück kam.

Er kniff die Augen zusammen, gegen die steife Brise, welche ihm ins Gesicht blies und an seinen Kleidern zerrte, immerhin war der Landungssteg schon in Sicht und es würde nicht mehr lange dauern bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
Schon seit geraumer Zeit konnte man das Schloss sehen, welches sich stolz in die Weiten des Himmels reckte und jetzt thronte es mächtig hinter dem hölzernen Anleger.
Über das Rauschen des Windes war das Knirschen von Holz auf Holz zu hören, als das Luftschiff schließlich mit einem sanften Ruck anlegte.
Der Weg zum Schloss Firnwacht war nicht weit und Brynjarr nicht unbekannt, aber es war eines der wenigen Male, dass er ihn hinauf schritt ohne eine offizielle Einladung zu haben.
Wahrscheinlich war das der Grund, warum er von den Bediensteten erst einmal mit Misstrauen im Blick begrüßt wurde. Denn obwohl der Warlock in einfache und eher zweckmäßige Kleider gehüllt war und ein kleines hölzernes Fässchen unter den Arm geklemmt hatte, so strahlte er doch eine ruhige Autorität und Sicherheit aus, welche klar machte dass er gewohnt war Befehle auszuteilen.
“Brynjarr, Bannermeister der Warlocks vom Orden Mesíac aus Waljagard. Bitte informiert Lady Dorothea Waílamereis dass ich hier bin, ich würde sie gerne sprechen.” antwortete er dem verdutzten Diener mit ruhiger Stimme auf seine Fragen, wer er denn sei und was er hier wolle.
Nach einem kurzen Zögern wurde er dann doch hereingebeten und in den Empfangsbereich geführt, wo man ihn zu warten bat, bevor der Bedienstete eilig den Raum verließ.
Verschiedene ungewohnte Düfte und gerüche stiegen ihm in seine empfindliche Nase, während er wartete und er konnte das alte Gemäuer um sich herum arbeiten und knacken hören. Draußen lachten in einiger Entfernung Kinderstimmen und der Wind trug die Geräusche durch eines der hohen offenen Fenster in den Raum hinein.
Heute war wieder einer dieser Tage, die sich träge dahin zogen. Thea saß in ihrer Werkstatt, vor ihr ein aufgeschlagenes Buch, links daneben das wundersame Artefakt, welches sie neulich erstanden hatte. Davor ihre blaue Teekanne aus Vandrigg. Und drumherum ein Wirrwarr aus Schrauben, Werkzeugen, einem Löffel, Handzetteln mit verschmierter Tinte, zwei Zeichenstifte, eine Feder, Lineal und Winkelmaler, zwei Zahnrädern, drei Federn ... und allerlei anderen Dingen, die alle gleichermaßen wenig Aufmerksamkeit von der alten Waílamereis erhielten. Sie hatte seit Tagen nicht mehr aufgeräumt. Und seit Tagen sich nicht festlegen können, auf was sie sich konzentrieren wollte. Daher stammte ja überhaupt das Chaos her. Tatsächlich hatte sie die alten Entwürfe des Tauchhelfers herausgekramt, die in dem aufgeschlagenen Ordner am rechten Ende des Tisches abgeheftet waren. Wirklich daran gearbeitet hatte sie allerdings nicht. Ein wenig geblättert, bevor sie doch wieder an einem Prototyp für Landelichter gebastelt hatte. Die waren eine ihrer Ideen, um besuchende Drachen dazu zu bewegen, ihre dicken Popos zum Landesteg zu bewegen. Das war gestern gewesen.
Heute hatte sie nur hier gesessen und Tee geschlürft. Die Tasse vor ihr dampfte allerdings auch schon seit einer Stunde nicht mehr. Und der Tee in ihrem Kännchen war sicherlich schon so stark, dass er kaum mehr zu genießen war. Schwarztee wurde bitter, wenn man ihn zu lang ziehen ließ.
Also, was machte die Großmutter bitteschön? Was war los, dass sie ihren geschätzten Tee so verkommen ließ?

Es klopfte sacht an der Tür. Keine Reaktion. Es klopfte erneut.
Da wieder jede Antwort ausblieb und somit zu erwarten war, dass sich niemand in dem Raum befand, öffnete der Diener vorsichtig die Tür.
"Gräfin Waílamereis?", fragte er laut.
Das ließ besagte Dame schließlich hochschrecken. So sehr, dass sie sich ihre im Schoß ruhenden Hände an der Tischkante stieß. Ihr Herz raste, sie blinzelte verwirrt und brauchte einige Augenblicke, bis sie sich zurecht fand. Ahh, sie war eingeschlafen.
"Was gibt es, Piétar?", fragte sie.
"Ein Herr Brynjarr wünscht eine Audienz. Er sei Bann-" Der Bedienstete wurde von einer begeistert 'aufspringenden' Dame unterbrochen.
"Brynjarr? Welch freudige Überraschung! Ich komme, ich komme. Ich hole ihn selbst ab. Ist er im Empfang? Richtet das Zimmerchen her und setzt Wasser auf, bitte." Der Mann verneigte sich und machte sich auf, wohl wissend, dass es keinerlei Zweck hatte, ihr das persönliche Abholen auszureden. Etiketten hin oder her, sie würde sich das nicht nehmen lassen.
Natürlich wurde das Aufspringen einer alten Frau keineswegs dem Geschwindigkeit vermittelnden Wort gerecht. Sie nahm sich nämlich durchaus ihre Zeit, den Stuhl zurück zu rücken und bedacht aufzustehen. Nachdem sie so lange gesessen hatte, würden all ihre Glieder bei so plötzlichen Bewegungen schimpfen, was sie durchaus zu vermeiden wusste. Wenn es wirklich ihr alter Freund war, würde der nicht gleich wieder verschwinden, nur weil sie ein paar Minuten Zeit dafür benötigte, langsam zum Empfangsbereich zu gehen. Ihr Körper brauchte das. Dabei massierte sie ihren Handrücken, der nach dem Stoß immer noch schmerzte.

Mit ausgerechnet dem Warlock aus Vandrigg hätte sie wirklich nicht gerechnet. Wie lange war es her, dass sie sich gesehen hatten? Nun, es war keinesfalls einfach, über Welten hinweg Freundschaften zu pflegen und ihre eingeschränkte Reisebereitschaft machte es nicht besser. Umso erfreulicher, dass er den weiten Weg auf sich genommen hatte!
Und welch schöne Ablenkung aus der chaotischen Werkstatt. Sicherlich brachte er ein paar nette Geschichten mit, oder aber sie zeigte ihm ihre neusten Erfindungen. Dabei fiel ihr ein, dass sie ihr Artefakt hätte mitnehmen können. Nicht, dass sie ihm ihren kleinen Schatz zeigen wollte, aber sie wartete noch auf eine gute Gelegenheit, ihn mal mit Wünschen anderer auszuprobieren. Wenn sie das gute Stück jedoch immer auf dem langweiligen Tischlein vergaß, würde nie ein guter Moment kommen, ihn zu benutzen.
Kurz wägte sie ab, noch mal zurück zu kehren, entschloss sich aber dann dagegen. Jetzt ging es darum, ihn Willkommen zu heißen, wofür sie erst mal ins Empfangszimmer hinein trat und den dort sitzenden Mann anstrahlte.
"Ich glaubte meinen Ohren kaum, jetzt kann ich meinen Augen nicht trauen! Welch einzigartige Überraschung!" Sie ging zu dem Mann hinüber und zögerte ganz kurz, bevor sie ihre Manieren weit hinter sich ließ und ihn einfach umarmte. Zumindest soweit das einer vom Alter geschrumpften Dame bei einem hoch gewachsenen Krieger möglich war: Sie legte eher einfach den Arm um ihn, um sich dann wieder ein wenig zurück zu ziehen und mit der Hand seine Schulter zu tätscheln. Ob das nach den vielen Jahren noch so angebracht war?
Na aber sicher doch!
"Es freut mich so sehr, dich zu sehen! Darf ich dich zu einem Tee in mein Gästezimmer einladen?" Dabei konnte er ihr erzählen, wie sie zu der Ehre seines Besuches kam. Sie hoffte natürlich, dass es nur eine Auffrischung der Freundschaft war, aber es könnte ja sein, dass er aus ernsterem Grund hergekommen war. Zumindest fiel ihr nun auf, dass er scheinbar noch etwas bei sich hatte. Was in dem Fass wohl drin war?
Brynjarr konnte die Schritte des entschwindenen Dieners noch lange hören, länger als es für das normale menschliche Gehör möglich gewesen wäre. Es waren rasche und eilende Schritte und doch mit einer gewissen Bedachtsamkeit gesetzt. Und schließlich waren auch sie verklungen und verhallt.
Sein Blick wanderte mit milder Neugierde über die Dekorationen und Ausstattung des Empfangraumes um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben.
Der Warlock ließ sich schließlich auf eine der Sitzgelegenheiten sinken um zu warten, da er nicht wusste wie lange es dauern würde und ob man ihn überhaupt so schnell zu Dorothea vorlassen würde. Immerhin war er unangekündigt und ohne Einladung nach vielen Jahren des Schweigens, einfach so hier erschienen um eine gute Freundin zu überraschen und eine alte Freundschaft wieder zu beleben.
Aber es dauerte nicht lange, dann konnte er wieder Schritte hören, andere dieses Mal. Sie traten leicht und vorsichtig, waren nicht mehr so schnell und hektisch wie die des Dieners, allerdings fehlte es ihnen nicht an Entschlossenheit.
Brynjarr erhob sich schließlich als er hörte das sich die Türe öffnete und Dorothea persönlich herein trat um ihn zu begrüßen. Mit einem breiten Lächeln beugte er sich etwas vor um ihre Umarmung herzlich aber mit aller gebotenen Sanftheit zu erwidern.
Danach ergriff er ihre Hand um ihr mit einer leichten Verbeugung einen Handkuss zu geben, bevor er antwortete “Dorothea. Es ist mir eine Freude dass du mich nach so langem Schweigen noch empfängst.” für einige Herzschläge hielt er ihre Hand in seiner fest bevor er sie wieder los ließ und weiter sprach “Darf ich dir mein Kompliment aussprechen? Du siehst so wunderbar aus wie am letzten Tag als wir uns sahen!” ein leichtes Lächeln lag auf seinem Gesicht während er sprach und höflich etwas zurück trat, damit sie nicht die ganze Zeit zu ihm aufsehen musste während sie sprachen.

“Es wäre mit eine Ehre!” antwortete er auf ihre Einladung zum Tee, doch in seinen Augen blitze alter Schalk auf, während er fragte “Ich hoffe du hast noch etwas blauen Flussrosen-Tee für mich?” Brynjarr wusste nur zu gut dass die blaue Flussrose eine Wasserpflanze war die in Vandrigg heimisch war und auch dort nur in bestimmten Gebieten in ausreichender Qualität wuchs, um aus den getrockneten Blütenknospen einen wohlschmeckenden Tee zuzubereiten. Selbst in seiner Heimat war es manchmal nicht ganz einfach Flussrosen zu bekommen, wenn die Pflanze gerade nicht in Blüte stand oder zu viel Hochwasser die Bestände reduziert hatte.
Brynjarr hatte das kleine Fässchen auf einem der Tische abgestellt und jetzt öffnete er für Dorothea den Deckel ein wenig. Selbst in getrocknetem Zustand behielten die Knospen ihre leuchtend blaue Farbe, was als Qualitätsmerkmal galt und verströmten einen kräftigen aber angenehm milden Duft, der entfernt an Minze erinnerte “Ich habe mir erlaubt, dir etwas mitzubringen um deine Vorräte wieder aufzufrischen. Ich hoffe du trinkst ihn noch so gerne wie früher!”

Wie selbstverständlich bot Brynjarr ihr seinen Arm an, damit sie sich beim Gehen bei ihm einhaken konnte, sollte sie dies wollen, während er Dorothea durch die Gänge in ihr Gästezimmer folgte.
Hach, wie warm doch die Hände ihres alten Freundes waren! Es war angenehm vertraut, als er sie zurück umarmte, und ein strahlendes Lächeln hielt sich auf Theas Lippen. Sie konnte es noch gar nicht glauben. Aber doch, er war wirklich hier! Oh, und er gab ihr sogar einen Handkuss, ganz wie die edlen Sitten es geboten.
"Ach, Papperlapapp, du bist immer ein willkommener Gast hier! Die Freude ist ganz meinerseits!"
Seine nächsten Worte ließen sie laut auflachen, bevor sie ihm in die Seite stupste. "An dir ist noch immer ein Charmeur verloren gegangen." Sie strich ihre Gewänder etwas glatter und strich sich eine verlorene Strähne hinters Ohr. Leider hatte sie natürlich keinen Hut auf - den trug sie in der Werkstatt für gewöhnlich nicht. Jetzt allerdings hätte sie gerne einen gehabt. "Danke schön", fügte sie noch an und zwinkerte ihm zu. Auch eine alte Dame ließ sich sehr gerne komplimentieren.

Sie war zutiefst erschrocken, als er sie ausgerechnet nach Flussrosen-Tee fragte. Herrje, wie lange war es her, dass sie solchen getrunken hatte? Wollte man nicht ein Vermögen ausgeben, war es fast unmöglich, hier in Aeria an solch seltene und weit gereiste Blüten zu gelangen. Könnte sie noch ein paar letzte Reste irgendwo versteckt haben? Vielleicht in der roten .. ah, nein, den Vorrat hatte sie zu einem Geburtstag aufgebraucht. Vielleicht hatte sie ja ein Gläschen übersehen? Im hinteren Teil ihres Schrankes?
"Ach mein lieber Freund..", begann sie, ganz verschämt, dass sie seinen Wunsch wahrscheinlich nicht würde erfüllen können, als ihr schließlich gewahr wurde, welchen Blick der Lausbub ihr zuwarf. Er öffnete den Deckel des mysteriösen Fässchens.
Sie lachte und schüttelte, gespielt entrüstet, den Kopf. "Weißt du, welchen Schrecken du mir gerade eingejagt hast?" Neugierig späte sie auf die kostbare Ware, die er da bei sich trug. "Ich glaub es kaum. Du hast daran gedacht? Ach, Brynjarr, du bist ein wahrer Schatz! Ich danke dir! Man hört niemals auf, diesen ganz besonderen Geschmack wertzuschätzen!" Sie klatschte ganz aufgeregt in die Hände, bevor sie sich bei ihm einhakte.
"Jetzt ist es wohl eher so, dass du mich zum Tee einlädst, als andersherum, oder?"

Thea führte sie beide zu ihrem Gästezimmer, in dem auch schon das heiße Wasser bereit stand. Das Geschirr stand auf einem Tischlein mit drei gemütlichen Stühlen, bei denen die Dame ihren Gast schließlich losließ.
"Mit verlaub?", fragte sie und deutete auf das Fass, von welchem sie eine Portion der Blüten für den frischen Tee benötigten.
"Nun erzähl, alter Freund. Wie ist es dir ergangen? Gibt es einen ernsteren Grund für deinen Besuch oder kann ich mich ganz unbesorgt deiner Anwesenheit erfreuen?"
Ach, wie lange war es jetzt her dass er Dorothea kennen gelernt hatte? Viel zu lange, er war damals selber ein junger Mann gewesen, nur ein einfacher Warlock ohne Titel oder Wichtigkeit. Er blinzelte, für einen Moment scheinbar selbst ein wenig überwältigt, von der schieren Masse an Erinnerungen und Ereignissen, die sich zwischen dieser ersten Bekanntschaft und dem heutigen Tag standen.
In Hrád Selvita hätte ihn wohl niemand als Charmeur bezeichnet. Aber dort hatte er auch weder die Zeit noch den Kopf für solche Höflichkeiten. In seiner Heimat war er wahrlich für andere Charakterzüge bekannt, die jedoch genauso zu ihm gehörten.
“Ich fürchte, ich bin über die letzten Jahre ein wenig eingerostet. Wenn man damit beschäftigt ist ein Ordenshaus auf Spur zu halten, bleiben die Gelegenheiten für charmante Komplimente leider oftmals auf der Strecke.” antwortete er mit einem leichten Schmunzeln. Selbst bei Verhandlungen war er eher für harte und ehrliche Argumente bekannt, als dass er sich groß die Zeit nahm jemandem Honig ums Maul zu schmieren. Aber Dorothea schien irgendwie die bekannte Ausnahme von der Regel zu sein.

Und er ließ sie auch nicht lange in ihrem Unbehagen hängen, denn es war nur zu offensichtlich, dass sie keinen Flussrosen-Tee mehr hatte. Zwar hätte er es durchaus für möglich gehalten, dass sie irgendwo doch einen herbekommen und irgendwo einen Lieferanten für diese Seltenheit gefunden hätte, aber er hatte mit seinem Geschenk darauf gesetzt, dass dem nicht so war. Und er hatte recht behalten.
“Bitte verzeih mir diesen kleinen Scherz. Ich konnte auf diese Gelegenheit einfach nicht verzichten.” gab er mit einem verschmitzten Lächeln zu, während es ihn doch sehr zufrieden stimmte, dass er Dorothea mit seinem Mitbringsel eine solche Freude hatte bereiten können.
“Aber es freut mich zu sehen, dass deine Liebe zu gutem Tee so ungebrochen ist!”

Brynjarr wartete höflich bis er von der Gastgeberin aufgefordert wurde sich zu setzen, bevor er sich an dem kleinen Tischchen niederließ und auch prompt ungeschickt mit dem Knie gegen die Tischplatte stieß und das Geschirr leise scheppern ließ. “Verzeih, ich bin etwas gröbere und robustere Möbel gewöhnt!” gestand er mit einem schuldbewussten Lachen.
“Bitte, es gehört dir!” antwortete er als Thea noch höflich um erlaubnis fragte ob sie sich aus dem Fässchen bedienen durfte und schon bald füllte der sanfte Geruch nach Flussrosen das Gästezimmer.
“Du kannst heute unbesorgt sein, ich habe heute keine schlechten Neuigkeiten im Gepäck.” antwortete er mit einem Lächeln. Zehn Jahre waren eine lange Zeit in denen viel passiert war, vor allem in jüngster Zeit, welche… gelinde gesagt etwas turbulent verlaufen war und für einen Moment schien ein grimmiger Ausdruck über sein Gesicht zu ziehen, während er daran zurück dachte. “Es ist vieles passiert, seit wir das letzte mal miteinander gesprochen haben, Gutes wie Schlechtes. Und wie du sicher weißt durfte ich in der zwischenzeit unter anderem deine Enkelin kennenlernen.”
Brynjarr lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück und seufzte leise bevor er weiter sprach “Und du? Wie geht es dir? An welchen Projekten arbeitest du gerade?” fragte er neugierig nach, wusste er doch dass Dorothea ein wahrhaft unerschöpflicher Brunnen an Ideen war und sie scheinbar ständig an interessanten Erfindungen oder gar Artefakten arbeitete. Und er bezweifelte dass die letzten zehn Jahre daran etwas geändert hatten.
Thea schmunzelte bei dem Gedanken wie der, ihr gegenüber stehts sehr freundliche, Brynjarr wohl in seinem Reich unter all den anderen Warlocks so auftrat.
"Dann musst du mich wohl öfter beehren, um dich darin zu üben!"
Sie hatte ihn tatsächlich noch nie in seinem alltäglichen Umfeld besucht. Aber sie konnte sich gut vorstellen, dass er ganz auf den strengen Anführer machte, der an einem solchen Ort gebraucht wurde - sie kannte da noch jemanden in einer Führungsposition, der ihr gegenüber seine starke Rolle fallen ließ. Fallen lassen konnte. Es gefiel Thea, dass sie in ihren Freunden diese Seite hervorlockte, und sie war sich sicher, dass der Tee seinen Teil dazu beitrug.

Sie lachte, als er auf Konfrontationskurs mit ihren Möbeln ging und sich das Geschirr klirrend beschwerte. "Ganz der Drache im Porzellanladen", neckte sie ihn zwinkernd, während sie die Blüten einfüllte und das Wasser darüber goss.
Kaum ein paar Herzschläge später war die Luft erfüllt von dieser unglaublich frischen, fruchtigen Note. Dieser Duft - oh, dieser Duft! - wahrlich, in diesem Moment hätte sie sich nichts schöneres vorstellen können. Mit einem Mal verspürte sie so innige, tiefe Dankbarkeit über das Geschenk, so viel Freude über seine Anwesenheit nach all diesen Jahren, darüber, dass es ihnen möglich war, hier im Frieden zusammen zu sitzen...
Thea musste sich setzen, so überwältigt war sie gerade von ihren Gefühlen. Ihr Blick fing den des Warlocks und suchte in seinen Augen diese großartige Seele, die trotz der Härte seines eigenen Lebens einer alten Dame fast nebenbei eine riesige Freude machte. "Es freut mich von Herzen, dass du hier bist, Brynjarr. Danke!" Theas Stimme war gar ein wenig belegt, und es war ihr fast ein bisschen peinlich, so emotional zu sein.

Aber sie bemühte sich wieder um ein etwas seichteres Gemüt. Ohh, ja, da fiel ihr Blick genau auf das Richtige. Ein verschmitztes Lächeln erklomm ihre Lippen, und sie antwortete, während sie sich wieder erhob: "Die liebe Atevora, ja. Erzähl, was ist dein Eindruck von dem Kind?" Darauf war sie natürlich sehr neugierig. Sie war sich bewusst, dass sie als Großmutter die Welt zu Zeiten manchmal etwas subjektiv wahrnahm, und da war sie sehr neugierig, was Brynjarrs Einschätzung war. Er würde sicher kein Blatt vor den Mund nehmen.
Während sie das fragte war sie zu einem verschnörkelten Schrank gegangen, den sie sich seit geraumer Zeit nicht mehr traute, zu öffnen. In Firnwacht war es nicht unbedingt ratsam, Türen zu öffnen, die zu lange verschlossen gewesen waren - und hinter diesem Türchen hier hörte sie manchmal leises Rascheln. Zu schade, dass sie diesen Schrank beim Hausputz letzten Monat vergessen hatte.
Aber es ging auch nicht um den Inhalt des Schränkchens, sondern um die Flasche, die darauf stand und die sie mit spitzen Fingern vom Schrank klaubte. Mit ihr in der Hand kehrte sie zum Tisch zurück.
"Weißt du was noch besser ist, als Flussrosen-Tee?" Sie gab ihm einen Moment um zu antworten, bevor sie grinsend erklärte: "Flussrosen-Tee mit einem Schuss My'ar-Schnaps. Ich weiß, ich weiß, es klingt etwas befremdlich, aber vertrau mir, es schmeckt wundervoll - und Freude macht es auch!" Damit gab sie einen Schuss in ihren eigenen Tee und wartete, ob auch ihr Gast etwas haben wollte.
Thea war sich nicht mal sicher, ob Brynjarr My'ar kannte. Aber der Herr war ja viel rum gekommen, vielleicht war ihm die aus Pyr stammende Frucht bekannt. Und trotz der verschiedenen Herkunft, oder gerade deswegen, ergänzten sich die beiden Geschmacksnoten wirklich wundervoll. Vorausgesetzt, man mochte Tee mit Schuss.

"Mir geht es ganz wundervoll!", antwortete sie dann auf seine letzte Frage. "Es gab so viel zu erleben in letzter Zeit. Eine Gestaltwandlerin habe ich kennengelernt, ein paar junge Drachenreiter mit nichts als Flausen im Kopf, einen sprechenden Baum - um nur ein paar zu nennen. Im Augenblick tüftle ich an einer Idee, wie wir unseren Landesteg für diese Drachen deutlicher kennzeichnen können. Wahrscheinlich werden es fliegende Wegweis-Schilder, also nichts, für das ich wirklich etwas baue, aber ich erkunde noch ein paar andere Ideen. Ein in verschiedenen Farben blinkender Steg zum Beispiel, das hätte sicher auch was."
Von ihrer neusten Eroberung und der brennenden Neugier auf das Feenreich erzählte die alte Dame zunächst einmal nichts. Da war sie sich noch nicht so sicher, ob sie wirklich darüber reden mochte.
Es war schön zu sehen, wie sehr Dorothea sich über seine Anwesenheit freute und eine scheinbar so unverfälschte und echte Glückseligkeit ausstrahlte, wie man es heutzutage selten zu sehen oder zu spüren bekam. Er hätte sich schon vor Ewigkeiten aufraffen und herkommen sollen um ihr einen Besuch abzustatten, aber seine Aufgaben und seine Verantwortung hatten ihn stets in Hrád Selvita gehalten, während er sich Tag ein Tag aus den Warlocks und ihren Belangen widmete.
“Mich auch, meine Liebe. Mich auch!” antwortete er mit einem Lächeln, während der Duft der Teichrosen sich langsam im Zimmer ausbreitete und die fremde Umgebung mit einem Hauch von Heimat füllte.

Brynjarr antwortete nicht sofort, als Dorothea ihn nach seiner Meinung zu ihrer Enkelin fragte. Er war bekannt dafür oftmals schonungslos Ehrlich zu sein, auch dann wenn er wusste dass er Dinge aussprach, die der Gesprächspartner nicht unbedingt hören wollte. Aber der Grauwolf hatte viel von seiner früheren Schroffheit bereits abgelegt. Dennoch, andere Menschen einzuschätzen war oftmals kein unwichtiger Teil seiner Aufgabe gewesen, schon damals als Ausbildner und jetzt als Bannermeister hatte sich das nicht geändert. Er versuchte deswegen, sein Urteil sich niemals vorschnell zu bilden und seine Meinung und seine Worte gut zu durchdenken.
So auch hier, während er an seine Begegnung mit Dorotheas Enkelin zurück dachte, der Magierin und Diplomatin Atevora, welche einen nicht unwichtigen Part bei den turbulenten Ereignissen der letzten Zeit gespielt hatte.
“Sie ist eine sehr ehrgeizige junge Frau und eine sehr fähige Magierin!” antwortete er schließlich in bedachtem Tonfall “Ich durfte sie als sehr verlässlich und entschlossen erleben. Vielleicht… ein wenig zu berechnend.” schloss er seine Worte schließlich ab, während er nun interessiert die Reaktion seiner alten Freundin abwartete, wie sie seine Worte wohl aufnehmen und auf seine Meinung zu ihrer Enkelin reagieren würde.

“Bitte erleuchte mich!” antwortete er mit einem sanften Lächeln, als Dorothea ihn fragte ob er denn etwas besseres kenne als Flussrosen-Tee. Während ihm darauf die unterschiedlichsten Antworten einfielen, hegte er doch die starke Vermutung, dass die Antwort die sie hören wollte, wahrscheinlich nicht dabei war. Und Brynjarr gehörte nicht zu denen, die sich groß an Ratespielchen erfreuten. Er hatte lieber Tatsachen auf dem Tisch.
My’ar-Schnaps war ihm jedoch neu, aber er deutete ihr mit einem kurzen Nicken dass er die ungewohnte Mischung gerne probieren wollte “Dann vertraue ich da wohl am besten auf dein fachkundiges Urteil!”
Er wusste das eine Tasse Tee wohl kaum das richtige Getränk war um sich zu zuprosten, aber er hob die Tasse trotzdem zu einem kurzen Salut, bevor er einen Schluck davon kostete. Die Flussrosen waren vertraut und bekannt und der Schnaps gab eine neue und etwas ungewöhnliche Note hinzu, welche sich jedoch wirklich gut ergänzten. “Ausgesprochen schmackhaft!” bestätigte er mit einem leichten Nicken.

Er lauschte schweigend, wie Dorothea ihm angeregt von ihren letzten Erlebnissen erzählte “Ein sprechender Baum?” hakte er mit neugierig hochgezogener Augenbraue einmal kurz nach, wollte sie in ihrem Redefluss jedoch nicht unterbrechen.
Auch in Vandrigg gab es Drachen, aber dort waren es wilde Wesen die sich nicht zähmen ließen, oder gar reiten. Die Probleme mit den Landestegen waren ihm also gänzlich unbekannt, zumal er sich nicht wirklich vorstellen konnte wie man diese Konstruktionen denn wirklich aus der Luft übersehen konnte.
“Das… klingt nach einem interessanten Problem. Allerdings werden Lichter die Sichtbarkeit am Tage wohl kaum verbessern.” gab er zu bedenken.
Der Duft der Flussrosen nahm das Zimmer mit sanfter Bestimmtheit ein, die in Thea längst verwehte Erinnerungen hervorlockten an eine längst vergangene Zeit in der Welt des Wassers. Es roch nach Reise. Sie schloss kurz die Augen und besann sich ganz auf den einzigartigen Geruch. Die getrockneten Blüten säuselten von einem fernen Land in dem die Wellen sorgenfrei ihren Rhytmus tanzten, in dem der warme Sand die Füße umschmiegte und am Horizont ein Boot verschwand. Es waren ruhige Zeiten gewesen auf ihrer kleinen Insel im schönsten Teil der Wasserwelt. Ihr Blick fiel wieder auf ihren unverhofften Gast, dessen Auftreten in seiner Gänzlichkeit nicht daran zweifeln ließ, dass nicht alle Flecken Vandriggs verlorene Paradise waren.
"Weißt du noch, wie wir uns kennen lernten?", fragte Thea mit einem Glucksen.

Mit spitzen Ohren lauschte sie den durch- und bedachten Worten ihres Freundes, und sie freute sich über das Urteil. Ja, ihre liebe Atevora war zumal eine kleine Eisprinzessin. Aber die reizendste, deren Bekanntschaft man machen konnte!
"Durchaus. Ich schätze das ist dann wohl ein positives Urteil. Sie hatte es zumal auch nicht leicht, so clever wie sie ist. Und reizende Kinder hat sie! Zwei Halbalben - die werden es nicht leicher haben, als ihre Mutter. Mit der Engstirnigkeit der Gesellschaft mag ich mich heute so wenig wie damals verstehen", sie sagte es leicht dahin, war es doch einer dieser Gegebenheiten, die man am Besten mit Humor ertrug. War es Brynjarr gewesen, der sie damals damit aufgezogen hatte? Wie auch immer, definitiv war er mit ihrer Art, es manchmal einfach anders zu machen, vertraut.

Ah, ja, sie war begeistert, dass ihr alter Freund nicht nur den Tee, sondern auch den guten Tropfen nicht abgeneigt war. Sie goss ihm ein und erstrahlte, als er den Geschmack auch noch würdigte. "Ich würde dich ja warnen, dass sich diese Mischung gefährlich schnell in den Kopf setzt. Aber dann müsste ich meinen eigenen Rat beachten, und danach steht mir heute überhaupt nicht der Sinn. Außerdem wirst du ihn wohl besser vertragen können als ich", damit erwiderte sie seinen angedeuteten Prost und nahm einen großen Schluck. Thea hatte nicht vor, sich zu betrinken, nur um das hier einmal klar zu stellen. Sie hatte nur vor, eine einzigartige Mischung der Geschmäcker zu genießen, und die Nebenwirkungen auf Geist und Kopf soweit hinten anzustellen, wie es gerade so nicht mehr gehörte. Oder auch ein bisschen weniger. Oder mehr. Wer weiß.

"Ja, Nicus ist sein Name. Ein ganz besonderes Wesen. Was ich noch alles erlebe, auf meine alten Jahre hin!" Sie wollte nicht gern näher auf ihre ganz besondere neue Bekanntschaft eingehen. Das war etwas, dass man selbst erleben musste. Das Gefühl, welches aufkam, wenn man sich mit einem kindlichen uralten Baum unterhielt, war einfach nicht in Worte zu fassen. Aber vielleicht machte Brynjarr einfach selbst noch einen Ausflug an den See? Sie könnte ihn hin führen und Nicus besuchen. "Ahh, ja, sehr richtig. Man könnte sie erst nachts anschalten", murmelte Thea, etwas abwesend, zum Thema Landesteg. Ihr war der Gedanke gekommen, ihrem alten Freund von dem Kompass zu berichten. Sie beide könnten ihn sich auch gemeinsam ansehen und damit experimentieren.
"Sag, was treibt dich im Moment an? Gibt es etwas, dass du gern hättest, ohne aber den Weg dorthin zu kennen?", fragte sie geheimnistuerich, während sie noch einen Schluck vom Tee nahm.