Lost Chronicles

Normale Version: Der Zweck heiligt die Mittel
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Gavron hielt ein Seufzen zurück, während er den jungen Adligen betrachtete, dessen Blessuren gut sichtbar waren. Er bedauerte es, es war mit ihm durchgegangen und er hätte ihn auch getötet, wenn Lohenbringer sich nicht eingemischt und ihn gedanklich daran erinnert hatte, dass diese Kröte lebend wertvoller war. Doch war es schwierig gewesen für ihn den Zorn niederzuringen, weshalb er dem jungen Mann auch zunächst jegliche Versorgung seiner Verletzung versagt hatte. Er hatte sich erst beruhigen müssen, sein Herz zum Schweigen bringen müssen, damit sein scharfer Verstand wieder die Oberhand gewann. Es war etwa eine Stunde vergangen, ehe die Vernunft gesiegt und er den Heiler zu ihm gelassen hatte. In den vergitterten Verschlag, der normalerweise für das 'Futtervieh' genutzt wurde, der zu einer Art Zelle umfunktioniert worden war. Dieser Verschlag wurde bewacht, von einem Drachengespann, während Gavron sich mit Lohenbringer kurzschloss und die Nacht über tief in Gedanken und Zwiesprache versunken gewesen war.

Nun am nächsten Morgen wusch er sich und kleidete sich neu, ehe er sein Turmzimmer verließ und hinab in den Speisesaal ging. Der Blick aus eisblauen Augen blieb an Kieran haften, dem er zunickte und dann eine leichte Geste gen Athaín machte, sie sollten ihm beide folgen. Anschließend begab er sich zu dem Ort des Geschehens und hatte bis dahin geschwiegen, auch wenn er die beiden Jüngeren dorthin geführt hatte. „Lohenbringer und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass unser Gefangener nicht intelligent genug ist, um sich so gut zu verstellen, sich den naivsten und gutmütigsten Drachen auszusuchen und sein Vertrauen zu erschleichen um dann seine Schwäche auszunutzen, damit er ihn entführen kann. Es muss jemand dahinter stecken, ihn eine Zeit lang geschult haben und deshalb seid ihr jetzt hier.“ Sein Blick war kalt, doch galt diese Kälte natürlich nicht seinen Reitern. Seine Stimme war sehr beherrscht, doch für jemanden, der feine Nuancen heraushören konnte, würde den noch immer schwelenden Zorn erkennen.

„Es ist wichtig, dass ihr dies ernst nehmt. Mehr als ernst. Es ist keine einfache Mission und sie erfordert Geduld und Geschick. Denn es könnte gut sein, dass das Gold für einen verkauften Drachen nicht die Hauptmotivation war, sondern uns zu schaden. Deshalb werde ich euch Zwei aussenden den Gefangenen zu seinen Eltern zu bringen. Nachdem ihr herausgefunden habt was er weiß. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein, merkt euch alles. Jedes Wort, jedes Zögern vor einer Antwort, jedes Ausweichen auf bestimmte Fragen und ob er Angst hat. Nicht vor euch, nicht vor mir oder den Drachen. Alles müsst ihr euch merken, ich würde selbst das Verhör führen, doch kann ich meinen Post nicht verlassen.“ Und er war sich nicht sicher, ob er nicht irgendwann vom Verhör zur Folter gewechselt wäre. Doch das ließ er natürlich ungesagt.

„Ihr brecht sofort auf. In die Wälder, dort haben wir für längere Reisen eine verborgene Hütte, in der man rasten kann, wenn man noch weiter muss. Nehmt diese Hütte, ihr werdet alles finden, was ihr benötigt. Ihr habt diesen einen Tag, länger nicht, um die Drachenhändler zu finden. Ihr sollt nur auskundschaften wo sie ihr Lager haben, aber nicht eingreifen. Egal was ihr dort seht! Habt ihr das verstanden?!“ Kurz wartete Gavron, mit gerunzelter Stirn und hoffte sehr, dass dieser eindeutige BEFEHL auch befolgt wurde. „Über die Drachenhändler kommen wir womöglich an die Drahtzieher. Aber wenn ihr mitten unter sie hinein poltert, warnt ihr die Hintermänner. Ich muss doch nicht etwa erwähnen was das bedeutet, oder?“ Wieder wartete er einen Moment, nicht wegen einer Antwort, aber damit die beiden Männer darüber nachdenken konnten. „Gut, dann macht euch fertig, in zehn Minuten übergebe ich euch den Gefangenen. Er wird in einer Gepäckschlaufe sein, die einer von euren Drachen tragen wird.“ Es war nicht bequem, es war kalt und zugig und sah aus wie ein großes reißfestes Tuch, welches oben so zusammengeschlagen wurde, dass es einem Beutel glich.

Und genau so geschah es auch. Dem Gefangenen waren die Handgelenke auf dem Rücken gebunden worden und auch wenn er dicke Kleidung trug, würde er irgendwann frieren, es aber überleben. Ganz ohne abgefrorene Gliedmaßen. Sozusagen war er schon verstaut, als die beiden Reiter zurückkamen. Der Windmeister stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen zwischen Alachia und Windtänzer, ehe er beiden je eine Hand auf den Hals legte. „Passt mir gut auf euch auf. Wenn es wirklich Drachenhändler sind, haben sie Mittel und Wege sowie Waffen um euch zu töten. Nicht nur eure Gefährten.“, warnte er sie mit ruhiger Stimme, aber dennoch ernst gemeint. An ihre Reiter wandte er sich auch noch einmal. „Denkt nicht nur daran, was im Augenblick geschieht. Denkt daran was noch kommen wird, wenn ihr euch entscheiden müsst.“ Gavron hoffte, dass sie nicht in eine solche Situation gelangten und nicht erfahren würden, was er damit meinte. Dann trat er zurück, damit die Drachen in die Luft konnten und sah ihnen noch so lange nach, bis sie so weit entfernt waren, dass sie nicht einmal mehr als kleiner Punkt am Himmel zu erkennen waren.

Kieran

Normalerweise war Kieran niemand, der mit Appetitlosigkeit zu kämpfen hatte, aber an diesem Morgen hatte er nichts Besseres zu tun, als mit der Gabel in seinem Frühstück herum zu stochern. Dass Neremea wieder schwanger war, hatte er noch immer nicht ganz verdaut. Seit er vor zwei Tagen erfahren hatte, dass sie wieder ein Kind unter ihrem Herzen trug, zerbrach er sich den Kopf darüber, wie es ihm gelingen sollte, die finanzielle Situation seiner kleinen Familie zu verbessern. Seine Gedanken waren so laut, dass sie sogar das Klappern des Geschirrs, nebst Stimmengewirr im Speisesaal übertönten. Noch immer zerriss man sich das Maul über den Vorfall, der sich am gestrigen Tag ereignet hatte, doch das Getuschel und Gemurmel hinter vorgehaltener Hand verstummte jäh und als Kieran verwundert den Blick hob, wusste er auch wieso.

Die bloße Präsenz des Windmeisters, der mit seiner hochgewachsenen Gestalt von der einen auf die andere Sekunde den Eingang zum Speisesaal ausfüllte, reichte aus, um den Geräuschpegel binnen eines Augenblicks auf ein Minimum zu reduzieren. Überrascht hob Kieran die Augenbrauen, als Gavron ihn mit einem durchdringenden Blick bedachte und ihm mit einem knappen Nicken in Athaíns Richtung eine klare Botschaft zukommen ließ. Es war ihm schleierhaft, wieso er ihn und den Halbdrachen sprechen wollte, schließlich hatte er sich - zumindest in letzter Zeit - nichts zu Schulden kommen lassen. Oder? In Kierans Kopf ratterte es. Er war in den letzten Wochen jeden Tag pünktlich zur Arbeit erschienen, hatte sich nicht unbefugt in gesperrtem Luftraum aufgehalten und hatte ausnahmsweise sogar pünktlich seinen Papierkram erledigt. Zugegeben, einmal hatte er einen Patrouillenflug etwas abgekürzt, um früher nach Hause zu kommen, aber das war niemandem aufgefallen.

Bevor sich Kieran noch weiter den Kopf über mögliche Verstöße zerbrechen konnte, schob er den Teller von sich und stand auf, um zu seinem Schwingenbruder zu gehen, der nur ein paar Stühle weit von ihm entfernt saß. "Athaín." Er legte ihm eine Hand auf seine Schulter. "Gavron will uns sehen. Jetzt." Der Halbdrache schien über den Umstand ebenso irritiert wie Kieran selbst, weshalb er ihm seiner Frage zuvor kam. "Nein. Ich hab auch keinen Schimmer, wieso." Er wartete, bis sein Schwingenbruder aufgestanden war, sodass sie dem Windmeister gemeinsam nach draußen folgen konnten, wo Gavron sein Schweigen endlich brach und ihnen mitteilte, wieso er sie zu sich zitiert hatte.

Zwar hörte Kieran, was sein Oberhaupt ihnen sagte - aber glauben konnte er es nicht. "Moment mal. Ihr schickt uns auf eine gemeinsame Mission? Uns. Athaín und mich. Mich und Athaín." Er blinzelte den Windmeister verwirrt an, bevor er einen knappen Blick in Athas Richtung warf. Er gab sich wirklich ... wirklich ... Mühe, aber selbst er konnte hören, dass er sich in diesem Moment wie ein aufgeregtes kleines Schulmädchen anhörte. Noch nie zuvor war es ihm so schwer gefallen, das Grinsen zu unterdrücken, das mit aller Gewalt versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Bei allen Schatten, wie lange war es her, seit Athaín und er Seite an Seite geflogen waren? Jahrzehnte! Mindestens!

Herausfinden, wer die Drahtzieher hinter der geplanten Entführung Viserions waren ... die Drachenhändler ausfindig machen ... nur beobachten, nicht eingreifen. Nicht eingreifen?? Noch bevor Kieran zu irgendwelchen Protesten ansetzen konnte, fiel Gavron ihm ins Wort, indem er noch einmal betonte, dass sie diesen Befehl unter keinen Umständen missachten durften! Er kannte Athaín und Kieran schließlich gut genug, um zu wissen, wie schwer ihnen die Rolle als "bloße Beobachter" fallen würde. Dass seine Wahl trotzdem auf sie fiel, machte deutlich, wie wichtig diese Mission war. Offensichtlich wollte er für dieses Unterfangen zwei seiner besten Reiter. Zumindest war es das, was Kieran sich einredete. Futter für sein Ego.

Rund zehn Minuten später waren sie bereit für den Aufbruch. Windtänzer gab einen tiefen, gutturalen Laut von sich, als Gavron eine Hand auf seinen Hals legte und schmiegte sich wie selbstverständlich etwas dichter an den Windmeister als wolle er ihm sagen, dass er seinen Rat beherzigen würde. Vermutlich mehr als sein Reiter. "Wir werden Euch nicht enttäuschen, Windmeister." Sagte Kieran mit ernster Stimme, auch wenn er sich immer noch nicht sicher war, ob Athaín und er nicht eingreifen würden, sollten sie Zeuge irgendwelcher skrupellosen Machenschaften werden. Eines stand fest, keiner von ihnen würde tatenlos daneben stehen können, während sie mit ansehen mussten, wie eines dieser majestätischen Geschöpfe gequält wurde - oder Schlimmeres.

Kieran überprüfte die Schnallen der Gepäckschlaufe, die bereits an Windtänzer befestigt worden war - immerhin wäre es ein Jammer, wenn sie ihre Fracht verlieren würden, bevor Athaín und er die Gelegenheit erhielten, ihn zu verhören - und stieg dann auf den Rücken seines Drachens. Leichtfüßig wie immer, trotz des zusätzlichen Gewichts, stieß sich der Weiße vom Boden ab und beförderte sich und seinen Reiter mit wenigen, kräftigen Flügelschlägen in luftige Höhen. Gesittet, nach außen hin den Schein wahrend, entfernten sie sich immer weiter vom Drachenfelsen, bis beide der Meinung waren, dass sie sich außer Hör- und Sichtweite befanden.

"Ist das zu fassen?" Jubelte Kieran, grinsend wie ein Honigkuchenfluuf. "Du und ich! Wie in alten Zeiten!" Seine Euphorie vermischte sich mit der seines Drachens, der ein lautes, hohes Kreischen von sich gab, unter Alachia hindurch tauchte und auf der anderen Seite wieder auf gleiche Höhe mit ihr stieg. "Was hältst du davon, wenn wir unserem Fluggast eine kleine Kostprobe unseres Könnens liefern?" Kieran grinste diabolisch, nicht ohne Hintergedanken, beugte sich tiefer über Windtänzers Hals und spornte seinen Drachen an, noch einen Zahn zuzulegen, woraufhin sich die Echse elegant in den Wind legte.

Nichts ließ darauf schließen, dass es Dekaden her war, seit Athaín und Kieran Seite an Seite den Luftraum unsicher gemacht hatten. Die Manöver ihrer Drachen glichen mehr einem Tanz, während sie sich im Wechsel ohne Wettstreit an die Spitze kämpften, enge Kurven flogen, um die eigene Achse rotierten und teilweise so dicht aneinander vorbei flogen, dass es fast den Eindruck erweckte, als würden sie jeden Moment gegenander krachen - doch nichts geschah. Es war das Ergebnis jahrelanger Teamarbeit und sie hatten in den letzten Jahrzehnten nichts von ihrem Können eingebüßt.

Das Kunststück, das die beiden Reiter hier zum Besten gaben, diente allerdings nicht ausschließlich dem puren Spaß an der Freude. Kieran verfolgte damit noch einen ganz anderen Zweck und seine Rechnung ging auf. "Hört auf mit der Scheiße!" Schrie Herbert mit so hoher Stimme, dass er jedem hysterischen Waschweib ernsthafte Konkurrenz machte. "Mit Vergnügen!" Grinste Kieran. "Sobald du uns verrätst, wer dir aufgetragen hat, Viserion zu entführen." Er warf einen Blick über seine Schulter zur Gepäckschlaufe, nur um zufrieden festzustellen, dass Herbert inzwischen eine sehr ungesunde Gesichtsfarbe angenommen hatte. "Niemand!" Brüllte er dem Drachenreiter atemlos entgegen, woraufhin Kieran lässig mit den Schultern zuckte. "Wie du meinst."

Er warf seinem Schwingenbruder einen verschwörerischen Blick zu und beugte sich erneut tief über Windtänzers Hals, während sein Drache weiter an Höhe gewann, bis die Luft selbst für Kieran allmählich spürbar dünn wurde. "Letzte Chance!" Er legte eine Hand an die Schnallen und sah Herbert mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Das wagst du nicht!" Ein entsetztes Augenpaar blickte ihm entgegen, was nur dafür sorgte, dass Kieran noch breiter grinste. "Guten Flug!" Er öffnete den Verschluss und einen Augenschlag später befand sich Herbert im freien Fall nach unten. "Jede Wette, dass er danach singt, wie eine Nachtigall." Schmunzelnd sah Kieran zu seinem Schwingenbruder. "Willst du ihn wieder auffangen oder soll ich?"
Dass der Kommandant des Drachenfelsens den Speisesaal betrat, war unschwer an der Tatsache zu erkennen, dass es ruhig wurde. Die Gespräche an den Tischen in der Nähe des Eingangs verstummten zuerst, ebenso wie das lustlose Geklapper von Löffeln in Holzschalen, die den unvermeidlichen Haferbrei enthielten. Nahrhaft und gesund, wenn auch nicht unbedingt eine Geschmacksexplosion, auch dann nicht wenn man löffelweise Apfelkompott hineinrührte. Kein Wunder, dass die meisten Drachenreiter lieber in der Stadt auf eigene Rechnung frühstücken gingen. Die Welle des Verstummens schwappte langsam durch den Saal, bis es auch der letzte Esser begriffen hatte und, notfalls vom Sitznachbarn angestoßen, den Blick in die Richtung wandte. Athaíns aufmerksame Ohren hatten sich bereits dorthin ausgerichtet, aber der Windmeister schien keine größere Ankündigung machen zu wollen. Lediglich ein Stuhl wurde gerückt, und wenig später spürte der Halbdrache eine Hand auf seiner Schulter, begleitet von der Stimme seines Freundes Kieran.

"Wa..." Bevor er seiner Verblüffung noch Ausdruck verleihen konnte, kam ihm der Blonde mit seiner Antwort auf die sehr unvollständig gestellte Frage zuvor. Athaín schloss den Mund wieder und nickte verstehend, wenn auch immer noch verblüfft. Gedanklich ging er sein Sündenregister durch. Die eine oder andere Kleinigkeit fiel ihm schon ein - wem wäre das auch nicht? - aber beim besten Willen nichts, was es gerechtfertigt hätte zum Windmeister persönlich zitiert zu werden. Was ihn jedoch noch mehr erstaunte, war die Tatsache dass Gavron ihn zusammen mit Kieran antreten ließ. Das hatte definitiv eine Bedeutung. Lange Jahre waren die beiden ein Gespann gewesen, und wenn man jeden von ihnen fragte, ein sehr erfolgreiches. Das hatten die Ordensoberen jedoch nicht so gesehen, und so waren sie getrennt worden. Disziplinarische Bedenken, wie es damals geheißen hatte. Was wohl soviel hieß wie: Sie hatten zu oft auf die Anweisungen von Vorgesetzten geschissen. Und nun wollte Gavron ausgerechnet sie beide sehen?

Athaín war ebenso neugierig wie sein Schwingenbruder. Er ließ den Löffel Löffel sein und erhob sich. Der Haferbrei in seiner Schüssel war nichtmal zur Hälfte geleert. Er schob sie dem Sitznachbarn zu seiner Rechten hinüber, von wo sie wohl früher oder später auf dem Tisch der Initiaten landen würde. Die freuten sich immer über eine Extraportion. Ein zufälliger Beobachter mochte wohl das Geschick bewundern, mit dem sich der Blinde durch die dichtgedrängten Reihen schlängelte, aber in Wirklichkeit war das keine Zauberkunst. Nach drei Jahrhunderten kannte man jeden Quadratschritt Boden, war unzählige Male durch die Tür und wieder hinaus marschiert, und konnte sich an der Akustik orientieren wie eine Fledermaus. Athaín wusste sogar wen er an welchem Platz finden konnte. Die Zeiten, wo man ihm aus Jux ein Bein gestellt oder Gegenstände in den Weg geschoben hatte, waren zum Glück vorbei, seit er sich so einen Witzbold mal gegriffen und anständig verprügelt hatte. Aber auch das lag schon lange Jahre zurück.

Die Miene des Halbdrachen - soweit man unterhalb der Augenbinde darin lesen konnte - spiegelte eine Mischung aus gespannter Erwartung und Skepsis, als er hinter Kieran auf den Hof trat. So ganz traute er dem Braten nicht, und dasselbe galt für seine Ohren, als der Kommandant zu sprechen anhob. Kieran schien es ähnlich zu gehen, denn er kleidete seine Überraschung gleich in Worte. Die Vorfreude, die darin mitschwang, entlockte Athaín ein breites Grinsen. Er empfand ganz ähnlich. "Beim Erdgrund und allen Orkärschen", entfuhr es ihm - allerdings leise genug um sich keinen tadelnden Blick einzufangen. Tadelnde Blicke von Gavron spürte man immer, ob man sie sehen konnte oder nicht. Wie der Windmeister das anstellte, war nicht bekannt, aber jeder war bestrebt sie zu vermeiden. Was auch den Halbdrachen mit einschloss, obwohl der sonst nicht für seinen Respekt gegenüber Vorgesetzten bekannt war.

Aber ach! Die Sache hatte natürlich einen Haken. Die Skepsis auf den Zügen des Hellhaarigen überwog diesmal. War das Gavrons Ernst? Nur beobachten? Und dafür schickte er ausgerechnet Kieren UND ihn? Athaín kratzte sich am Kinn. Das konnte doch mal wieder nur Eins bedeuten... Nicht dass es der erste Auftrag in dieser Richtung war, den der Elb erteilte. Wie allgemein bekannt war, hatte er sich gewissen politischen Gegebenheiten zu fügen, die es einfacher machten sich hinterher zu entschuldigen als vorher um Erlaubnis zu fragen - was zudem eine gewaltige Menge Papierkram ersparte. Aber das sollte nicht ihre Sorge sein. Der Auftrag versprach keine öde Patrouillenfliegerei zu werden, und zudem wurden er und Kieran nach langer Zeit wieder einmal gemeinsam auf die Menschheit losgelassen! Wenn das kein Grund zum Feiern war, wusste er es auch nicht. "Wir... versuchen es jedenfalls", fügte er den Worten seines Freundes etwas weniger enthusiastisch, dafür jedoch ehrlich hinzu. Er konnte für nichts garantieren, wenn er diese schmierigen Ganoven vor die Klinge bekommen sollte. Aber Mühe geben würde er sich natürlich, denn die Überlegungen des Windmeisters waren klug. Wie immer.

Selbst die sonst wenig anschmiegsame Drachendame Alachia zeigte Respekt und formte ihren schönsten Rauchkringel, der den Elben für einen Moment malerisch umschmeichelte, bevor er langsam zerfaserte. Nachdem die Drachen gesattelt und der Passagier festgezurrt war, stiegen sie auch schon in die Lüfte auf, wo sich nicht nur die Drachen an der Gesellschaft des jeweils Anderen erfreuten. "Du und ich, Bruder!" bekräftigte der Hellhaarige mit breitem Grinsen. Auch Alachia kreischte begeistert und revanchierte sich für's Untertauchtwerden mit einem spielerischen Feuerstoß, der allenfalls warm über die Schuppen des Luftdachen strich. "Ich dachte schon du fragst nie", gab Athaín zurück, und auch um seinen Mund lag ein ungutes Lächeln. "Wollen wir wetten wieviele Runden er braucht bis er alles von sich gibt, inklusive seiner Scheiße?"

Nein, diese beiden Drachen krachten nicht ineinander, sie berührten sich während des Fluges nicht einmal. Sogar die Tandemschraube beherrschten die beiden noch, ein recht gefährliches Manöver, wobei sie mit angelegten Klauen und Schwingen Vorderseite an Vorderseite flogen und sich dabei in halsbrechersicher Geschwindigkeit im Sturzflug drehten. Die Reiter konnten das nur unbeschadet überstehen indem sie sich dicht an den Körper des Drachen pressten, sonst liefen sie Gefahr von den Fliehkräften aus dem Sattel gehoben zu werden. Selbst ein Gurt konnte dabei reißen. Von dem auskunftsverweigernden Passagier ganz zu schweigen, der lauthals brüllend am Heck hinterhergewirbelt wurde und schließlich genau das tat, was Athaín bereits vorhergesehen hatte: Er kotzte, pisste und schiss sich ein bis zum Stehkragen. Der Halbdrache rümpfte die Nase als ihm der Duft des übelriechenden Bündels in die Nase stieg, jedoch dachte der Kerl immer noch nicht ans Reden, obwohl ihm die Zähne inzwischen so laut klapperten dass er fast die eigene Zunge abbiss.

"Hrm. Merkwürdig. Vor irgendwem scheint dieser Stinker noch mehr Schiss zu haben als vor uns", brummte Athaín und seufzte. "Na schön, wenn er nichts sagen will, brauchen wir ihn ohnehin nicht mehr. Wiedersehen!" Ungerührt sah er zu wie der Kerl, vom Gurt befreit, kreischend in der Tiefe verschwand. Der Hellhaarige wandte sich an seinen Schwingenbruder, der dicht neben ihm flog, und zog eine unwillige Grimasse. "Och komm schon, ist das dein Ernst? Weißt du wie der müffelt? Schon gut, ich mach`s..." Sie brauchten ja die Informationen, und auch Athaín war sich sicher, dass die Behandlung Früchte tragen würde. Vermutlich hatte Herbert schon mit seinem Leben abgeschlossen, und sie würden ihm wie strahlende Seraphen erscheinen. "Na komm, Schwesterherz! Bringen wir's hinter uns!"

Alachia kreischte schrill und ging in den ballistischen Sturzflug, bei dem Drache und Reiter wie ein Projektil senktrecht nach unten schossen. Das Gewicht des Drachen sorgte dafür, dass sie sich dem zappelnden und kreischenden Subjekt rasch näherten. Kurz davor bremste Alachia ab und streckte die Klauen, um sich den bedauerndswerten Herbert wie ein Greifvogel aus der Luft zu pflücken. Der zappelte nun nicht mehr, sondern hing schlaff im Griff der Drachendame. Athaín brummte missvergnügt, während er wieder zu seinem Schwingenbruder aufschloss. "Scheiße. Wir haben es wohl übertrieben. Er ist in Ohnmacht gefallen wie 'ne Prinzessin die 'ne Maus gesehen hat. Du hast nicht zufällig Riechsalz dabei?"

Kieran

"Klar weiß ich, wie der stinkt!" Antwortete Kieran lachend. "Schlimmer als ein Ork in fauligem Erdgrundwasser!" Weshalb er keinerlei Proteste erhob, als Athaín in den sauren Apfel biss und sich dazu bereit erklärte, das Stück Scheiße wieder aufzugabeln, bevor es auf dem Erdgrund zerschellte. Nicht, dass Kieran dem Schnösel auch nur eine einzige Träne nachgeweint hätte, aber sie brauchten ihn nunmal lebend, um die benötigten Informationen aus ihm heraus zu kitzeln. Lebend - wenn auch nicht unbedingt in einem Stück. Mancherorts bezahlte ein Dieb noch immer mit dem Verlust einer Hand. Was also wäre falsch daran, Herbert genau den Arm abzuhacken, mit dem er den Dolch geführt und Viserion verletzt hatte?

~ Mir gefällt der Gedanke ... ~ Hallte Windtänzers tiefes Grollen durch Kierans Kopf, der gar nicht merkte, wie sich sein Mund zu einem verachtenden Grinsen verzog. ~ Verdient hätte er es. ~ Gab er seinem Drachen Recht, auch wenn eine derartige Blutrünstigkeit nicht zu Windtänzers sonst so heiterem Naturell passen wollte. Wer jedoch konnte ihm diese Rachegelüste verübeln? Kierans Gefährte hatte einen Narren an dem naiven Jungdrachen gefressen, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, dem Älteren Löcher in den Bauch zu fragen. Dass ein Mensch es gewagt hatte, seinem Schützling weh zu tun, erfüllte den Weißen mit nie gekanntem Zorn, der sich in Teilen auch auf Kieran übertrug.

Ihre gegenwärtige Position haltend, sahen sie dabei zu, wie Athaín auf Alachia in die Tiefe stürzte und taten es dem Gespann gleich, nachdem sie ihnen einen gewissen Vorsprung eingeräumt hatten. Zu sehen, wie Herbert schlaff und nicht ansprechbar in Alachias Klauen hing, sorgte dafür, dass Kieran nur umso mehr Abscheu für den Wicht empfand, der an Erbärmlichkeit kaum noch zu übertreffen war. "Übertrieben?" Kieran sah zu seinem Schwingenbruder und lachte abfällig. "Wir haben doch gerade erst angefangen." Sein prüfender Blick wanderte erneut zu Herbert, ehe er zu einer der vielen kleinen Inseln nickte. "Lass uns dort zwischenlanden."

Windtänzer passte die nächste Windböe ab, verlagerte sein Gewicht und ließ sich von ihr ein paar hundert Meter weiter treiben, bis er die Insel erreicht hatte, auf die sich nur selten jemand verirrte. Sie war gerade groß genug, dass beide Drachen bequem auf ihr landen konnten und größtenteils überwuchert von Gras und Unkraut, wenn man von dem kleinen, dreckigen Tümpel im Herzen des schwebenden Felsbrockens einmal absah. Kieran glitt vom Rücken seines Drachen und wartete, bis Alachia ihre reglose Beute freigegeben hatte. Ohne weitere Zeit zu verlieren, packte Kieran das Häufchen Elend am Kragen, um es mit sich ans Ufer des kleinen Teichs zu zerren, wo er seinen Kopf unter Wasser tunkte.

Einen quälend langen Moment geschah nichts und Kieran fürchtete fast, Herbert wäre während seiner Bewusstlosigkeit an seiner eigenen Kotze erstickt. Dann jedoch ging ein Ruck durch den bis dato schlaffen Körper. Kieran zog ihn wieder zurück und gewährte Herbert einen kurzen Moment, in dem der junge Mann keuchte, hustete und verzweifelt um Atem rang. "Willkommen zurück, Prinzessin." Griff er Athas Beleidigung auf, die treffender nicht sein könnte. "Du kannst uns später dafür danken, dass wir dir das Leben gerettet haben. Zuerst aber sagst du uns, wer dir aufgetragen hat, Viserion zu entführen." Noch immer nach Luft schnappend kniete Herbert im Dreck, schien sich allerdings noch immer zu weigern, Kieran irgendwelche Namen zu nennen.

"Ganz wie du willst ..." Er packte ihn im Genick und drückte seinen Kopf erneut unnachgiebig unter Wasser, völlig unbeeindruckt von dessen halbherzigen Versuchen, sich aus dem eisernen Griff zu befreien. Wieder und wieder und wieder, während Herbert röchelte, hustete, jammerte und ... schlussendlich flehte. "Bitte! Ich ...! Ich sage euch, was ihr wissen wollt, aber bitte ... bitte hör auf!" Sein Geheule klang wie Musik in Kierans Ohren. "Nenn uns die Namen der Verantwortlichen!" Forderte er grollend, Herbert noch immer unerbittlich festhaltend. "Ich ... ich kenne ihre Namen nicht." Falsche Antwort. "Du kennst sie nicht? Dann bist du noch dümmer als du aussiehst!" Kieran ließ ihn ein weiteres Mal Wasser schlucken. "Ich kenne sie wirklich nicht, aber ich ... ich weiß, wo ihr sie findet!"

Erst jetzt hielt Kieran inne. "Du weißt, wo wir sie finden?" Herbert nickte heftig. "Ich weiß es und ich sage es euch, aber bitte ... bitte tötet mich nicht!" Kieran zerrte ihn auf die Beine und verpasste ihm einen heftigen Stoß, sodass er wenige Schritte vor Athaín im Gras landete. Zitternd und schwer atmend blieb er dort liegen, während ihm das Haar nass am Kopf klebte und einzelne Wassertropfen auf seinem Gesicht die Tränen kaschierten, die über seine Wangen rollten. "Raus mit der Sprache! Bevor wir es uns doch noch anders überlegen und dich unseren Drachen zum Fraß vorwerfen!" Um die Worte seines Reiters zu untermauern, stemmte Windtänzer seine Klauen in den weichen Untergrund, riss sein mit rasiermesserscharfen Zähnen besetztes Maul auf und gab ein markerschütterndes Brüllen von sich.

"E-e-es ist ... es ist eine k-kleine Insel etliche Meilen östlich von ... östlich von Accipetris. Dem Erdgrund näher als alle anderen." Herbert schluckte schwer und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. "Ist ein beliebter Treff für Schmuggler, und ..." Ein weiteres Husten unterbrach seinen Satz. "... und Halsabschneider. Sie haben sich vor kurzem dort niedergelassen und mir viel Geld geboten, wenn ich ihnen den gefiederten Drachen besorge." Kierans Blick wanderte zu Athaín. Er hatte von dieser Insel gehört, war allerdings noch nie dort gewesen.
Athaín wusse nur zu gut, dass seinen Schwingenbruder Rechegelüste antrieben. Nun, es war auch nicht so dass er die Machenschaften dieser Made in irgendeiner Form billigte. Aber Herbert war eben nichts weiter als das - eine Made. Ein Scherge und Helfershelfer, der sich schon beim Anblick eines wütenden Elben mit einer Drachenklinge in die Beinkleider gepisst hatte. Was wörtlich zu verstehen war. Der Halbdrache hatte den Gestank nach Urin und Angstschweiß jetzt noch in der Nase. Es war mitnichten so, dass er auch nur ansatzweise Mitleid empfand. Aber wenn sie an die Leute heran wollten, die Herberts Brötchengeber waren, sollten sie es vielleicht mit der unsanften Behandlung nicht übertreiben. Es konnte weitere Wochen und Monate dauern, bis wieder einer von den Typen unvorsichtig genug war sich erwischen zu lassen. Zeit, in der die Bande sich weiter organisieren und ungestört den Drachenfelsen auskundschaften konnte. Nein, Herbert musste am Leben bleiben. Zumindest bis sie brauchbare Informationen aus ihm herausgequetscht hatten. Was danach mit ihm passierte, war Athaín herzlich egal. Dummerweise stand jedoch zu befürchten, dass der Kerl das ebenfalls wusste. Warum sollte er also Informationen preisgeben, wenn er sicher sein konnte dass er ohnehin sterben würde? Der Halbdrache hätte an Herberts Stelle seine Haut auch so teuer wie möglich verkauft.

Im Moment ging es darum, Kieran nicht allzusehr die Zügel schießen zu lassen, weshalb er sich auch - mehr oder weniger - freiwillig für die Aufgabe meldete, den vollgeschissenen Knilch wieder einzusammeln. "Hrrrmpf." Athaín brummte nur zur Antwort, was man als Zustimmung verstehen konnte oder auch nicht. Der Versuch dem vor Wut schäumenden Blondschopf Mäßigung zu predigen wäre verschwendete Atemluft gewesen. Er entschloss sich also, die Sache ohne viele Worte unter der eigenen Kontrolle zu behalten. Zu landen war allerdings eine gute Idee, weshalb er zustimmend den Daumen hob und ebenfalls Kurs auf die nicht weit entfernte Insel nahm. Nun, Insel war eigentlich Angeberei für den Felsbrocken mit Gras und ein paar Büschen. Aber er erfüllte seinen Zweck. Alachia folgte mit ihrem bewusstlosen Transportgut etwas bedächtiger und landete auf den Hinterpranken in der Nähe des Tümpels, um den Kerl nicht unbedingt behutsam abzusetzen, aber doch so dass er sich nicht gleich sämtliche Knochen brach.

Dann kam Kierans großer Auftritt, währenddessen Athaín nur stumm und mit verschränkten Armen wie eine personifizierte grimmige Drohung dabei stand und keine Anstalten machte einzuschreiten. Entgegen seiner anfänglichen Befürchtung bestand auch keine Notwendigkeit dazu, sein Schwingenbruder hatte sich im Griff. Es genügte also, böse auszusehen und zu signalisieren dass es hier keinen "guten Wärter" gab, während Kieran den guten Herbert in die Mangel nahm. An der Haltung des Halbdrachen änderte sich auch nichts, als der Kerl ihm schniefend und heulend vor die Füße rollte. Lediglich der Kopf neigte sich um eine Winzigkeit. Das sollte definitiv die Lage verdeutlichen und unterstreichen dass keine Gnade zu erwarten war. Auch Alachia verhielt sich abwartend, beäugte aber den Delinquenten interessiert, als die Rede darauf kam ihn zu Futter zu machen. Zusammen mit Windtänzers demonstrativer Vorfreude genügte das wohl, um alles in die Hosen rutschen zu lassen was sich bisher noch nicht darin befand. Und Herbert? Der entschied sich angesichts der geballten Überredungskunst nun endlich doch für's Auspacken.

"Geht das genauer?" klinkte sich Athaín nun doch ein. "Kleine Inseln östlich von Accipetris gibt es viele. Diverse davon werden von Schmugglern und Piraten als Versteck genutzt. Verkauf uns also nicht für dumm, klar? Woher weißt du, welches die richtige Insel ist, wenn du dorthin willst? Von oben sehen schließlich alle gleich aus, und es gibt wohl kaum eine Passage dorthin. Also?" Statt einer Antwort begann Herbert mit zittrigen Fingern an seinen Klamotten herumzufummeln. Eingenäht in eine winzige versteckte Tasche, die wohl beim Durchsuchen übersehen worden war, friemelte er schließlich etwas zum Vorschein. Athaín hörte wie Papier auseinander gefaltet und in seine Richtung gehalten wurde. "Wusste ich es doch", brummte er und deutete dorthin wo er Kieran vermutete. "Gib es ihm." Herbert gehorchte, und wenig später hielt der Blonde eine zerknitterte und nicht besonders kunstvoll gezeichnete Karte in der Hand, mit einem fetten X an der Stelle, wo sich die besagte Insel inmitten der vielen anderen Inseln befinden sollte. Natürlich hätten sie auch auf die vage mündliche Beschreibung hin aufbrechen können. Aber jetzt wussten sie nicht nur genau wo sich der Unterschlupf befand, sondern konnten auch einigermaßen sicher sein keinen Bären aufgebunden zu bekommen.

Athaín wandte den Kopf in Kierans Richtung. "Schätze, wir sollten aufbrechen. Den Kerl lassen wir hier. Da wird er genug Zeit haben über seine Sünden nachzudenken, bis ihn jemand findet. Falls ihn jemand findet. Mach's gut, Herbert. Wasser hast du ja, und ein paar Käfer finden sich bestimmt auch. Oder hast du Einwände, Bruder?" Die letzte Frage war wieder an Kieran gerichtet, und eigentlich war sie rhetorischer Natur. Wer vehement Einwände erhob, war natürlich Herbert. Er heulte und jammerte, man könne ihn doch nicht hier zurücklassen, versprach sogar sich selbst den Behörden zu stellen, wenn man ihn nur nach Accipetris zurück brächte, oder auch nur in die Nähe davon...
Ja, er hatte den Befehl am Tag zuvor gegeben. Bereute er ihn? Nicht ganz, aber er begann sich Sorgen zu machen. Die Anspannung, die Kieran innewohnte, auch wegen seinem Geheimnis und seiner neuen Position könnten ihn dazu verleiten zu weit zu gehen. Vorwerfen würde, wollte und konnte er es ihm nicht, denn der Windmeister hatte genauso reagiert, bis ihn seine besten Drachenreiter darauf aufmerksam gemacht und ihn aufgehalten hatten. Doch nun hatte er sich wieder im Griff, konnte sich beherrschen. Und da bist du dir sicher, ja?, kam es mit wohlverdientem Spott von Lohenbringer, was den Hochelben dazu verleitete ihn zu ignorieren. Stattdessen packte er einige Dinge in eine Umhängetasche, die er unter seinem Gewand und unter seinem Umhang trug. So war sie sicher und konnte auch bei blitzschnellen Ausweichmanövern nicht verloren gehen. Mach die bereit.

Lohenbringer grinste sich innerlich eins, setzte sich aufrecht hin und bewegte ein paar Mal seine Schwanzspitze hin und her. Er war nicht etwa nervös, aber ihn hatte eine Art Aufregung gepackt, wie schon seit Jahren nicht mehr. Als er spürte, dass Gavron nahe war – nachdem dieser mit einem seiner Strati gesprochen hatte. Natürlich wurden ihre Schutzmaßnahmen verschärft, aber unauffällig. Ihr Feind sollte noch nicht wissen, dass sein Spitzel aufgeflogen war. Schließlich stieg Gavron in den Sattel, welcher schon von Drachenpflegern angelegt worden war und nur einen Augenblick später schossen die beiden Ältesten in die Lüfte.

Noch konnten die beiden Drachenreiter mit ihrem Gefangenen nicht am Ziel angekommen sein, da sie mit ihrem menschlichen Gepäck nicht so schnell fliegen konnten. Jedenfalls nicht ohne ihn zu verlieren oder ihn erfrieren zu lassen. Weshalb der Windmeister davon ausging, dass sie die Anderen bald einholen würden, da Lohenbringer mit kräftigen Flügelschlägen für eine rasante Geschwindigkeit gesorgt hatte. Da vorn sind sie schon., informierte er seinen elbischen Gefährten, der wieder einmal schmunzeln musste, denn 'da vorn' war für einen Drachen viel näher als für seinen eigenen Blick. Deshalb verband er sich mit dem Feuerdrachen und sah wie ein winzig kleiner Punkt herab fiel und ein größerer roter ihm nachjagte. Es blieb nicht aus, dass Gavron seufzte.

Sie einigten sich darauf langsamer zu fliegen, während seine beiden Reiter zur Landung ansetzten und auf einem großen Felsbrocken landeten. Der Windmeister blieb mit Lohenbringers Augen verbunden und beobachtete das Geschehen, während sie näher kamen. Schließlich waren sie so nahe, dass er das Häuflein Elend am Boden als Mensch bzw. als Herbert erkennen konnte. Er konnte nicht hören was sie sagten, aber die Körpersprache reichte aus. Es dauerte jedoch noch einige Momente, bis sie wirklich so nahe waren, dass er selbst sie erkennen konnte und die Verbindung löste. Nun war ihre Ankunft auch zu hören, während Gavron seine Sicherungen löste, nachdem der große Feuerdrache ebenfalls gelandet war. Sie mussten sich ein wenig 'quetschen', weil der Felsen nicht für drei Drachen gemacht war, aber dagegen hatte Lohenbringer nichts, da er neben Alachia stand. So konnte er ihr unauffällig näher kommen.

Der Windmeister kam elegant auf dem felsigen Boden an, verschaffte sich einen Überblick und hatte wieder diesen eisigen Blick, als er Herbert ansah. „Was habt ihr herausgefunden?“, fragte er nach und Kieran gab ihm den Zettel mit den Worten: „Sie sollen sich genau dort verstecken und noch immer auf ein Zeichen von ihm warten, dass er Viserion hat.“ Gavron studierte kurz den Zettel und runzelte die Stirn, manch eine Insel kannte er, aber die mit dem X empfand er als merkwürdig. „Was noch?“ Das konnte noch nicht alles sein, weshalb er auch seinen Kopf leicht gedreht hatte und direkt zu Athaín sprach, was dieser sicherlich heraushörte.

Doch bevor dieser etwas sagen konnte, robbte Herbert heran und flehte: „Bitte lasst mich nicht hier, Windmeister. Ich bitte Euch! Sie waren sich einig, dass ich hier elendig verhungern soll und Käfer essen soll und...“ Er schwieg abrupt, denn Gavron hatte seine Hand gehoben, auf dass er schweigen möge. „Wenn du die Blätter der Büsche zu deiner Mahlzeit hinzugibst, wie auch das Gras, lebst du noch ein zwei Tage länger.“ Der Hochelb sah zu Kieran rüber, dann unterdrückte er ein Seufzen. „Eine Zusammenfassung bitte, Athaín.“, wandte er sich nun deutlich nur an den Halbdrachen. Er musste wissen, ob seine Befürchtung zutraf oder nicht.
Schließlich hatte er sich entschieden legte Kieran nahe, dass er zurückflog, weil Gavron selbst seinen Platz einnehmen würde. Kurz legte er ihm eine Hand auf den Unterarm, als er meinte: „Wenn wir zurück sind müssen wir noch einmal über unser noch unausgesprochenes Thema reden.“ Dieser Satz war nur für seinen Primus, weshalb er auch sehr leise gesprochen hatte. Da der Hochelb nun das Geheimnis des Blonden angesprochen hatte, würde dieser nun hoffentlich auch seiner 'Bitte' Folge leisten und zurück zum Drachenfelsen fliegen. Es war sicherer so, für alle.
Athaín schickte sich gerade an wieder auf Alachias Rücken zu steigen, als die Drachin plötzlich wachsam zu werden schien. Der Drachenreiter stutzte. "Was ist?" Jemand nähert sich, lautete die etwas kryptische Antwort. Nun straffte sich auch Athaín und machte sich bereit sein Schwert zu ziehen. Man wusste ja nie. Es konnte Verstärkung vom Drachenfelsen sein, eine Patrouille der Achatgarde oder auch ein Linienschiff, aber ebensogut Freunde von Herbert. Die Information an Kieran weiter zu geben erübrigte sich, denn auch Windtänzer war unruhig geworden. "Geht's genauer, Schwesterherz?" Die rotgoldene Drachendame schnaubte leise. Meine Augen sind scharf, aber auch ich muss warten bis aus einem kleinen Punkt am Horizont ein großer wird! Moment... Oh! Es ist Lohenbringer! Und er hat Gavron dabei! Athaín musste grinsen. Alachia hatte Respekt vor dem Windmeister, aber natürlich hatte Lohenbringer Gavron dabei, und nicht etwa umgekehrt. Nun ja, vermutlich war auch der Drache aufgrund seiner Größe zuerst zu erkennen, und dass Gavron auf ihm saß war zunächst einmal treffsicher geraten.

Eine gute Frage allerdings, die sich wohl jeder der Anwesenden - mit Ausnahme vielleicht von Herbert - stellte, war was der Windmeister wohl von ihnen wollen könnte? Er hatte sie doch gerade erst losgeschickt, es war nicht einmal ein Kerzenstrich vergangen. Ob sich neue Informationen ergeben hatten? Wenn, dann mussten sie brisant sein, sodass der Elb sie keinem Boten anvertrauen konnte. Wie dem auch war - es blieb äußerst ungewöhnlich, dass Gavron höchstpersönlich nach dem Rechten sehen kam. "Wir werden es gleich wissen." Kierans Tonfall klang lapidar. Er hatte wohl gerade eine ähnliche Unterhaltung mit Windtänzer geführt.

Und richtig. Wenig später bereits war das Rauschen lederner Schwingen zu hören und erfüllte die Luft, als der große Feuerdrache sich auf dem kleinen Eiland niederließ, welches mit den zwei anwesenden Drachen bereits überbevölkert war. Es blieb Lohenbringer also gar nichts anderes übrig, als entweder auf Tuchfühlung mit Alachia, oder aber mit Windtänzer zu gehen. Natürlich wählte er das Weibchen, welches darüber nicht unfroh war und auch nicht daran gedacht hätte zur Seite zu gehen wenn der Platz dafür ausgereicht hätte. Es war ein offenes Geheimnis auf dem Drachenfelsen, dass Alachia ihrem stattlichen Artgenossen hin und wieder bedeutsame Blicke zuwarf. Jedenfalls wenn der nicht hinsah - oder sie das glaubte. Athaín, dem ihre Gedanken nicht verborgen blieben, fand es amüsant und zog sie hin und wieder damit auf. Jetzt allerdings war gerade keine Zeit für Geplänkel, denn der Kommandant schwang sich aus dem Sattel und forderte sogleich einen Statusbericht. Dies erledigte Kieran, während der Halbdrache sich im Hintergrund hielt. Dann war Athaín selbst an der Reihe.

Er ahnte schon, worauf der Windmeister hinaus wollte. Kieran hatte sich mit dem jungen Drachen angefreundet, den der Kerl versucht hatte zu entführen. Er hatte deshalb überreagiert und den Gefangenen um ein Haar getötet, noch bevor sie weitere Informationen hätten erhalten können. Das war nicht gut gewesen, und ein rachedürstender Drachenreiter ließ für den Rest der Mission Übles ahnen, aber Athaín hätte sich eher die Zunge abgebissen als seinem Freund in den Rücken zu fallen. Nicht einmal gegenüber Gavron, dem er nicht nur als Vorgesetztem Rede und Antwort schuldig war, sondern auch noch eine Menge verdankte, hätte er einen Bruder verraten. Er ließ deshalb nichts aus, stellte es aber so dar als wäre alles eine gemeinschaftliche Entscheidung gewesen. Der Kommandant kannte ihn allerdings gut genug um seine Schlüsse zu ziehen. Kieran stellte eine Gefahr für die Mission dar, war emotional zu stark betroffen, und als verantwortungsvoller Befehlshaber konnte er nicht anders als ihn zu entbinden.

Natürlich war der blonde Drachenreiter nicht begeistert, gerade weil er darauf brannte es den Typen heimzuzahlen. Er fühlte sich um seine Rache betrogen, was man ihm auch anmerkte. Er diente jedoch schon lange genug, um seinen Unmut nicht zu offensichtlich kund zu tun. Im Grunde seines Herzens wusste jeder von ihnen, dass Gavron keine schlechten Entscheidungen traf und nur den Erfolg der Mission im Sinn hatte. Schweren Herzens verabschiedeten sich die beiden Schwingenbrüder also voneinander, und Kieran stieg auf Windtänzers Rücken um ohne noch einmal zurück zu sehen davon zu fliegen. Der Kommandant und der Pares blieben allein zurück. Nun ja. Allein bis auf Herbert, der damit fortfuhr zu lamentieren und sein ungerechtes Schicksal zu betrauern. "Halt dein ungewaschenes Maul, du Wicht", brummte Athaín schlechtgelaunt in dessen Richtung, bevor er seine Aufmerksamkeit Gavron zuwandte, der keine Anstalten machte abzubrechen. "Eurem Schweigen entnehme ich, dass ihr die Mission selbst leiten wollt" vergewisserte er sich. "Wie lautet die Order? Und... hm... verzeiht die Frage, aber... " Etwas unbehaglich kratzte sich der Halbdrache im Nacken. "Seid Ihr sicher, dass Ihr selbst nicht auch zu nah dran seid?"