Lost Chronicles

Normale Version: Tee und Kekse
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Who stole the cookie from the cookie-jar?
Yadi stole the cookie from the cookie-jar!
"Who me?"
Yes you!
"Couldn't be!"
Then who?

Heute war es ganz arg mit dem Zittern. Was war das nur für ein Eigenleben, dass ihre Hände da entwickelt hatten. Wer, zur unlauteren Himmelswacht, hatte sich ausgedacht, dass im Alter wirklich alles schwierig werden musste? Früher, da waren ihr noch gerade Striche gelungen. So stolz war sie darauf gewesen, dass ihre Skizzen gar ohne Linienholz fast wie richtige Entwürfe angemutet hatten, vor ach so vielen Jahren. Und jetzt? Heute? Da brachte sie mit Linienholz und aller Zeit, die die Welten aufboten, keinen geraden Strich zu Papier.
Ein Seufzen entglitt ihren Lippen, tief und einnehmend. Es tat gut, sich das zu zu gestehen. Vielleicht war sie zu streng mit sich, mal wieder. Du bist nicht mehr die Jüngste erklärte sie sich beruhigend. Es konnte ja gar nichts werden, wenn sie sich so dazu zwang, obwohl ihr Körper nicht mehr geben konnte. Eigentlich wusste sie das, und so enttäuschend es auch sein mochte, sie würde jetzt hier aufhören und morgen weitermachen.

"Ein Tee für mein Herzblatt!", rief sie laut aus. Es war, was Caspar in solchen Momenten zu sagen gepflegt hatte, und es war eine wundervolle Idee. Sie schenkte das gerade nicht mehr kochende Wasser aus ihrer warmhaltenden Kanne in ihre geliebte blaue Teekanne. Und auch dabei zitterten ihre Hände, zumal die Kanne, so voll wie sie war, auch sehr schwer in ihren Armen hing. Sie musste sie mit der zweiten Hand unterstützen.
Ein süßer Früchtetee, dessen Geruch bereits vorsichtig aufstieg und die Luft des Raumes erkundete. Ja, genau, was ihre Stimmung nun heben würde. Während der Tee zog, nahm sie ihn mit zu einem kleinen Tischlein, welches direkt vor dem Fenster stand. Anna hatte ihr vor kurzem frisch gebackene Kekse her gebracht. Frustriert und vertieft in ihre Arbeit hatte sie sich nicht stören lassen wollen, und so hatte die Magd sie hier abgestellt.
Mir ist gar nicht aufgefallen, wie himmlisch sie duften! So sollte es gar nicht sein. Sie konnte ja wohl noch die kleinen Dinge genießen! Was war denn nur heute los, dass sie so miesepetrisch drauf war? Nein, nein, jetzt würde sie Tee trinken, Kekse essen und sich entspannen.

Gerade, als sie sich ihr hübsches Tässchen dazu geholt hatte, klopfte es eilig an der Türe.
"Madame Waílamereis", ertönte eine leicht atemlose Stimme, noch bevor sich die Tür auf ihr Zustimmen hin öffnete. "Verzeiht die Störung, Madame, aber Serafina und Faran, sie haben die Tür abgeschlossen. Sie sagten, sie reisen ins Feenreich, und wir dachten, sie spielen nur, aber.. Naja, also sie antworten nicht mehr. Schon seit einer Weile. Verzeiht bitte! Wir machen uns Sorgen. Wir hätten sie nicht abschließen lassen dürfen, und wir wissen nicht, ob alles okay ist, und-"
Dorothea hob die Hand. "Atmen, Anna, atmen. Es ist ein Segen, dass Wesen so etwas können, und wir sollten es nicht mit einer Hetzjagd an Worten verachten. Lass uns zusammen zu ihnen gehen, und falls sie wirklich einen Weg in die Feenwelt gefunden haben, sei unbesorgt, sie nehmen uns bestimmt mit."
Zuckersüße Kinder. Thea bezweifelte stark, dass dies mehr war als ein kleiner Streich, oder ein Missverständnis, aber es ließ sie doch Schmunzeln. Scheinbar war sie nicht die einzige unter den hohen Dächern des Schlosses, die neugierig auf eine ganz bestimmte, fremde Welt war.
Anna schien nicht so recht überzeugt von der Idee, die Kinder auf ein Abenteuer zu begleiten. Ach Kindchen, dachte sich die Großmutter, als sie ohne einen weiteren Blick auf ihre duftenden Kekse der anderen hinaus folgte, in deinem Alter hätte ich mich auch verschluckt vor Sorge. Wieso hatte die Magd eigentlich keine eigenen Kinder? Sie sollte sich schleunigst einen Mann finden, bevor sie zu alt für dergleichen war. Dieser neue Bub, der der Köchin zur Hand ging, der konnte immerhin backen. Wobei, vielleicht war der dann doch zu jung...
Mittlerweile lebte Yadiris schon einige Wochen in ihrer neuen Heimat und war immer noch damit beschäftigt sich an diese neue Umgebung zu gewöhnen. Ein großes Schloss war eben doch etwas ganz Anderes als eine kleines Diebesgilde in Ingland. Hier teilte sich Yadiris nicht das Zimmer mit vielen Anderen und musste auch das Essen nicht so teilen. Schlecht war es ihr damals trotzdem nicht ergangen. Die Abende waren mit Heiterkeit gefüllt und es hatte sich irgendwie gut angefühlt zwischen anderen Wesen zu sein, die so waren wie sie. Nämlich geächtet vom König und seinen Schergen. Doch diese Zeit war nun vorbei und ein ganz neues Kapitel ihres Lebens hatte begonnen. Die Verwundung am Flügel war mittlerweile durch die liebevolle Pflege von Atevora gut verheilt. Trotzdem fiel ihr das Fliegen von längeren Strecken noch etwas schwer. Aber auch das würde wieder werden und Yadiris wäre wieder ganz die Alte.

Am heutigen Tage hatte Yadiris beschlossen sich das große Schloss etwas genauer anzusehen. Zwar kannte sie schon einen Großteil des riesigen Gebäudes, aber alles hatte sie noch nicht gesehen. Neugierig flog sie also um das Gebäude und hielt nach neuen, interessanten Dingen Ausschau. Gerade offene Fenster waren eine ziemlich willkommene Einladung. Dort konnte sie sich einerseits kurz ausruhen und andererseits einen Blick in das Zimmer werfen. Yadiris hatte bereits 3 Fenster abgeklappert als sie plötzlich an einem ziemlich interessanten Fenster beziehungsweise Zimmer angekommen war. Ansich war es ein Zimmer wie viele andere auch hier im Schloss. Doch eines erweckte Yadiris Interesse sofort. Frische Kekse! Die junge Rabendame liebte frische Kekse. Kurz ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Niemand war hier und könnte sie sehen. Warum nicht also ein paar Kekse knabbern?
Gedacht - Getan.
Flink flatterte die kleine Rabendame auf den Tisch und machte sich daran an den Keksen zu knabbern. Sie schmeckten wirklich gut und aus einem Keks wurden schließlich zwei und drei. Yadiris vergaß vollkommen, dass sie sich hier in einem fremden Zimmer befand und fremde Kekse verzehrte.

Plötzlich jedoch öffnete sich die Tür und ein Windstoß wehte durch den Raum. Yadiris wollte gerade zum Fenster hinaus flattern, doch noch bevor sie starten konnte, wurde das Fenster durch einen Windstoß zugeschlagen. Verdammt. Wie sollte sie nun entkommen? Wäre sie mal nicht so gierig gewesen. Nun saß sie in der Falle. Hoffentlich war sie nicht im Zimmer einer unfreundlichen Person gelandet. Oder jemandem, der mit Vögeln beziehungsweise explizit mit Raben nichts anfangen konnte. Yadiris hatte aber auch manchmal wirklich ein Händchen sich in Gefahr zu bringen. Unruhig saß der kleine Vogel auf dem Tisch und hatte noch einen verbliebenen Keks vor sich. In ihrem Gefieder befand sich der eine oder andere Kekskrümmel, was ein lustiges Bild abgab. Mit Spannung wartete Yadiris ab, wer da nun den Raum betreten würde und rechnete bereits mit dem Schlimmsten...
Thea hatte an die Tür der Kinder geklopft, woraufhin natürlich nichts passiert war. Aber sie wäre keine Hundert Jahre alte Urgroßmutter geworden (naja, zumindest fast) wenn sie nicht mit den besonderen Umständen des Kinder-Großziehens umzugehen gelernt hätte. Daher besaß sie, natürlich, etwas unglaublich geniales, wahnsinnig einfallsreiches, ganz spezielles Werkzeug, welches sie in ihrer unendlichen Weisheit für genau solche Momente entworfen hatte.
Laien mögen es mit einem Zweitschlüssel verwechseln, aber irrt euch nicht, es war absolut magisch und sicherlich von den Altvorderen berührt. Zumindest erzählte sie das dem Kindermädchen.

Die zwei süßen Sprösslinge Atevoras lagen friedlich kuschelnd im Bettchen, seelenruhig am Schlafen, als sie die Tür öffneten. Nachdem die Szene von allen Beteiligten verarbeitet worden war, standen die drei erwachsenen Damen wieder auf dem Flur, und Thea winkte den nächsten Wortschwall beiseite.
"Nein, nein, ich bestehe sogar darauf, in solchen Situationen stets und immerzu gerufen zu werden. Sonst verliere ich noch das Gefühl, gebraucht zu werden!", sie zwinkerte, tätschelte dem Mädchen auf den Arm und machte sich wieder auf den Rückweg zu ihrem Zimmer. Eines Tages könnte das Vorhaben den beiden Kindern noch gelingen, und dann wollte sie auf jeden Fall dabei sein! "Ach, und wenn sie aufwachen, sagt ihnen doch ihre liebende Großmutter hat Kekse und würde sie liebend gerne mit ihnen teilen!"

Wieder bei ihrem Zimmer angekommen stieß sie die Tür so ruckartig auf, dass das Fenster mit einem dumpfen 'Tschubb' zufiel. Ahje, hatte sie das etwa offen gelassen? Da war ja der ganze Raum ausgekühlt! So viel Zeit wäre doch noch gewesen. Aber sie hatte sich von der Idee der Feenwelt umschmeicheln lassen und war Anna ganz gedankenlos hinterher gehechtet. Jetzt sollte sie sich wohl etwas überziehen, bis es wieder etwas Wärmer geworden war. Und der Tee war sicherlich auch schon kalt.
Thea hatte die Tür in ihrem Rücken schon wieder geschlossen, bevor sie verdutzt inne hielt und ihren unverhofften Gast anblinzelte. Nanu?
"Na, da werden die Kinder aber ganz enttäuscht sein. Tz, tz, tz, das macht man aber nicht, einfach alles aufessen", schimpfte die alte Dame, mehr, um bestmöglich mit der Situation umgehen zu können, als dass es wirklich ernst gemeint war. Es war ihr eine starke Angewohnheit geworden, fremden Situationen mit einem Kochtopf voller Alltäglichkeit zu begegnen. Das half zumeist, den ersten Schrecken zu überwinden.

Immerhin, da saß ein Rabe auf ihrem Tisch. Zwischen Teegeschirr und einem kläglich leeren Teller, auf dem ein einzelner Keks noch übrig war. Ein waschechter Rabe? Was tat der denn da? Und wie kam der überhaupt hier rein? Waren das Krümmel in seinen Federn?
Sie wusste, dass Raben mitunter gefährlich sein konnten, obwohl sie meist friedlich taten, was auch immer diese Vögel so taten. Aber eingesperrt, mit einem für sie sicherlich bedrohlich wirkenden Menschen - da konnte man niemandem verübeln, gereizt zu reagieren. Also dimmte Thea das Lachen, welches über ihre Lippen kam, zu einem belustigten Kichern.
"Ach weißt du, wir haben genug davon. Die Kinder schlafen eh gerade, also nimm dir ruhig. Oder teilst du deinen letzten Keks mit einer alten Dame, die sich so sehr darauf gefreut hat?" Thea ging langsam zu einem Sessel herüber und setzte sich. Nach der Aufregung mit den Kindern und dem vielen Laufen wollte sie nun doch gerne sitzen. "Wenn es dir nichts ausmacht, lieber Herr Rabe, könntest du mir ein wenig Platz machen. Ich habe mich wirklich sehr auf eine Tasse Tee und einen Keks gefreut. Und sicherlich könnte ich auch das Fenster wieder öffnen, damit du nicht hier eingesperrt sein musst mit meiner Wenigkeit."

Sie betrachtete das Tier fasziniert. Er war hübsch, und sicher auch sehr intelligent, wenn er seinen Weg zu den Keksen gefunden hatte. Aber natürlich ging sie nicht davon aus, dass er sie verstand. Thea traute sich nicht, sich an ihm vorbei zu drängen und das Fenster zu öffnen, aus Sorge, sich damit in seinen privaten Raum zu begeben. Außerdem hatte sie gar nichts dagegen, hier zu sitzen und ihn zu betrachten, wie er es ebenfalls mit ihr tat. Was ging wohl in so einem kleinen Köpfchen vor? Hach, wie schade nur, dass der Tee bei ihm stand! Den hätte sie jetzt nur zu gerne...
Es gab schon ein ziemlich amüsantes Bild ab, wie Yadiris auf dem kleinen Tisch stand zwischen einem fast komplett leeren Keksteller und einer Tasse Tee. Wäre das Fenster nun offen gewesen, wäre Yadiris sogleich hinaus geflogen, aber jetzt war sie erstmal hier gefangen. Zunächst musterte Yadiris die ältere Dame einen langen Moment. Sie wirkte freundlich und bewohnte wohl ebenso wie Yadiris dieses riesige Schloss. Nur eben auf der anderen Seite. Bisher hatte Yadiris noch nicht jeden Bewohner des Schlosses kennengelernt. Zumal dies auch gar nicht so einfach war. Sie konnte sich ja nicht einfach hinstellen und sagen: Hey, ich bin die Neue hier. Ich klaue gerne und sammle Informationen. Das käme vermutlich nicht allzu gut an. Da musste sich Yadiris noch ein gutes Alibi ausdenken, um hier auf dem Schloss nicht aufzufallen.

Aufmerksam beobachtete Yadiris die ältere Dame und blieb ganz entspannt. Jemand der hier im Schloss von Atevora lebte, konnte kein böser Mensch sein. Zur Not konnte sich Yadiris immer noch auf einem hohen Gegenstand retten. Aber noch war ja alles in Ordnung und es gab keinen Grund zu fliehen. Trotzdem wurde jede Bewegung der alten Dame genau beobachtet. Es war schon interessant, wie sie mit dem Raben auf ihrem Tisch redete, als wäre es das Normalste von Welt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Yadiris jedes Wort verstand. Auf die Worte der alten Dame machte sich Yadiris mit dem Schnabel daran den Keks in der Mitte zu zerteilen und eine der Hälften in die Richtung von Thea zu schieben. Sie selbst begann zufrieden an der anderen Häfte zu knabbern und zu knuspern. Da es ja auch Thea's Kekse waren, teilte Yadiris natürlich gerne. Nachdem sie ihre Hälfte verspeist hatte, richtete sich wieder Blick hinauf zu Thea, um der alten Dame weiter zu lauschen.
Bezüglich der Tasse Tee, die Thea begehrte, wusste Yadiris ebenfalls eine Lösung. Es bedurfte nur zwei Hüpfer und schon saß Yadiris vor der Teetasse. Vorsichtig begann sie an der Untertasse zu ziehen und zog so die Tasse Tee bis zum Rand des Tisches, sodass ihn Thea nehmen konnte. Sowohl die Hälfte des Kekses als auch der Tee standen nun bereit. Flink begab sich Yadiris hinter die Tasse, um Thea nicht im Weg zu stehen. Um die lästigen Krümel aus den Federn zu bekommen, schüttelte sich die Rabendame etwas und bekam so auch die meisten der lästigen Krümel weg. Beim Rest musste man ihr wohl helfen.
Um Thea zu zeigen, dass sie keine Angst haben musste vor dem Raben auf ihrem Tisch, machte es sich Yadiris bequem und krächzte einmal kurz sehr freundlich auf. Hoffentlich verstand Thea diese Geste und missinterpretierte diese nicht. Yadiris würde es ja gleich sehen.
Besonders merkwürdig wurde es, als der Rabe doch noch in Aktion trat. Er pickte auf dem Keks herum, als hätte er sich entschieden, diesen nun doch zu essen. Was ein Vielfraß, lachte Thea im Stillen auf. So verfressen war die Blindschleiche des lieben Leonidas doch auch, nicht wahr? Sie entschloss sich gerade, dem Rabenherren davon zu berichten, als ihr gewahr wurde, dass das Tier durchaus davon absah, den ganzen Keks zu fressen.
Es hatte ihn geteilt! Och herrje, was ein kluger Vogel das war! Thea lachte laut. Er fraß alle Kekse auf, aber den letzen, den war er bereit zu teilen? Man könnte fast von guter Manier sprechen...
"Das ist ja ganz großzügig, lieber Herr Rabe. Ich wollte dir gerade davon erzählen, dass mein Enkel, der liebe Leo, von seiner Cousine eine Echse geschenkt bekommen hat - ich vergesse immer, was das für ein Tier ist. Er kümmert sich so rührend um das Ding! Ganz entzückend. Wenn ich ihm von einem Kekse-teilenden Raben erzähle, dann wäre er sicherlich ganz aus dem Häuschen." Thea erzählte weiter, immer noch ziemlich sicher, dass das Tier sie nicht verstand. Allerdings, vielleicht ... Vielleicht musste sie das noch mal überdenken. Ihr werter Gast begann nämlich, die Teetasse über den Tisch zu ziehen.
Oh, er wird sie doch nicht kaputt machen?, dachte die Großmutter bestürzt. Das war ein kunstvoll verziertes Geschenk eines guten Freundes gewesen! Vor Sorge verstummte Thea dann doch. Beobachtete, und war noch erstaunter, als deutlich wurde, was der Rabe da tat.
Beruhigt sprach sie weiter: "Wer weiß? Vielleicht sollte er den Gefallen erwidern, und dich seiner Cousine vorstellen? Die liebe Atevora hat zwar schon eine Eulendame als Begleitung, aber nun ja. Vielleicht besuchst du sie mal, und bringst ihr einen Keks vorbei?"

Als das Federknäul schließlich krächste, hatte Thea geendet. Sie schüttelte lächelnd den Kopf, während sie sich aufraffte, um das überaus freundliche Angebot des Rabens anzunehmen - zumindest interpretierte sie es so. Selten hatte ihr ein Vogel Tee und Kekse angeboten! Ach, wie reizend das doch war. Ein Jammer, wirklich ein Jammer, dass ihre Enkel nicht hier waren, um das zu sehen. Sie wären sicherlich auch ganz entzückt.
"Danke, werter Herr Rabe. Sehr freundlich, wirklich!", flötete Thea, während sie den Stuhl, der am Tischlein stand, verrückte, sodass etwas mehr Distanz entstand. Zum einen konnte sie so überhaupt erst bequem an ihre Tasse gelangen. Zum anderen wollte sie trotz allem nicht zu nah bei dem Vogel sitzen.

Genüsslich nahm sie einen Schluck ihres geliebten Getränks. Uhh, wundervo- äh. Oh. Ein Blick in die Tasse bestätigte, dass einige Krümmel von des Rabens Federkleid in ihren Tee geschüttelt worden waren. Heute mochte sie das Schicksal nun wirklich nicht allzu lieb haben. Mit dem Löffelchen fischte sie die Reste vom Keks aus ihrer Tasse. Anschließend ergriff sie endlichen ihre Hälfte des Gebäcks und genoss das sanfte Knuspern, als sie eine kleine Ecke abbiss.
"Mögt ihr auch ein wenig Tee haben?", fragte sie dann. Sicherlich. Nur wie sollte sie dem Vögelchen diesen am besten servieren? In einer Tasse doch, oder?
Es irritierte die Rabenwandlerin jedes Mal aufs Neue, dass sie mit Herr angesprochen wurde. Konnte man nicht sehen, dass sie eine Frau war? Vielleicht keine Lady, aber eine Frau. Sie machte Frauensachen. Aber gut, als Rabe war das natürlich nicht so einfach zu erkennen. Vor allem nicht aus dieser Entfernung. Deswegen krächzte Yadiris empört auf und flatterte vorsichtig mit den Flügeln, als sie erneut mit Herr angesprochen wurde. Vielleicht würde die ältere Dame ja verstehen, dass sie es hier mit einer Dame zu tun hatte und nicht mit einem Herren.

Auf die Frage, ob sie auch eine Tasse Tee wollte, krächzte die Rabendame freundlich auf. Wenn sie es klug anstellen würde, konnte sie auch aus einer Tasse trinken ohne sie umzuwerfen. Zur Not musste sie eben mit den Flügeln sich etwas anheben und somit leichter machen. Aber dies sollte wohl das kleinste Problem. Also wartete die Rabendame nur darauf, dass ihr eine Tasse Tee eingeschenkt worden war. Wäre sie nach der Wandlung nicht nackt gewesen, hätte sie sich vermutlich nun gewandelt und richtig vorgestellt. Andererseits wäre das wohl ein ganz schöner Schreckmoment für die alte Dame. Das wollte sie eben jener dann auch nicht antun. Am Ende fiel sie noch tot um und dann? Wie sollte sie das Atevora erklären? Ja, ähm Atevora? Ich habe diese alte Frau in deinem Schloss umgebracht aber nur ausversehen? Nein. Das machte Yadiris besser nicht. Zwar war sie in ihren Antworten etwas beschränkter als Rabe aber bisher hatte die Kommunikation ja funktioniert und zu keinen Missverständnissen geführt. Zur Not könnte sie immer noch versuchen ein Stück Papier zu holen und etwas darauf zu schreiben. Irgendwie würden sie die etwas schwierige Kommunikation schon bewältigt bekommen.

Nachdem Thea den Tee in die Tasse gefüllt hatte, flatterte Yadiris mit den Flügeln und hielt sich am Rand der Tasse fest. Leider war sie etwas zu schwer und so musste sie mit den Flügen weiter schlagen, um das Porzellan nicht umzuwerfen. Trotzdem war es dem kleinen Raben möglich etwas vom Tee zu probieren und zu trinken. Nachdem Yadiris getrunken hatte, landete sie wieder neben der Tasse und sah Thea mit einem freundlichen Trick an. Sie sah in Thea mittlerweile keine Gefahr mehr und hörte der alten Dame neugierig zu. Vielleicht hatte sie ja auch eine Idee, was sie noch so machen könnten?
Der Rabe war wirklich etwas sehr besonderes. Er reagierte auf all ihre Worte, ganz so, als würde er sie verstehen. Und dann krächzte er auch noch ganz begeistert auf. Was hatte Thea denn gesagt, dass ihn in so eine gute Laune versetzte? Oder war es etwas, dass er ihr mitteilen wollte? Sie beobachtete das Tier verwundert. Da krächzte es schon wieder! Dieses Mal auf die Frage des Tees hin.

"Aber natürlich, mein Lieber", flötete Thea, während sie dem Raben den Tee einfach in eine Tasse einschenkte. Oh, tatsächlich! Er hatte ein paar Mühen, aber ohne das Porzellan umzuschmeißen gelang es ihm, daraus zu trinken. "Na sowas", murmelte die alte Dame. Das war nun wirklich etwas ganz besonderes.
So besonders, um genau zu sein, dass die Großmutter tatsächlich stutzig wurde. Ja, es gab intelligente Tiere, aber dieses hier schien ihr doch einen kleinen Tick zu ... unrabenhaft in dem Verhalten. Ob es sich um einen Mensch handelte, der verzaubert worden war, dass er nun als Rabe sein Dasein verbringen musste? Ein böser Fluch sicherlich, oder aber eine Strafe.

So stellte die alte Dame sich die Situation vor. Und in ihrer Fantasie würde sie den armen, zu unrecht verfluchten Menschen, der unter dem Federkleid verborgen war, erretten und zurück zu seiner wahren Gestalt verhelfen. Sie stellte sich einen muskulösen Mann vor, einen gestutzten, grauen Bart, in dem noch letzte schwarze Haare von seiner ursprünglichen Farbe zeugten, ein markantes, aber freundliches Gesicht mit Lachfalten um die Augen. Ja, das würde Thea gefallen.
Sie bemerkte kaum, dass sie bei diesen Gedanken zustimmend nickte. Oh - da kam ihr ein Gedanke. Mit großen Augen starrte sie den Raben an.

"Sagt, Herr Rabe, seid Ihr eine Sie? Ein Krächzen heißt ja, ein Flügelschlagen nein." Ihr war nämlich soeben ein anderes Bild in den Kopf gekommen. Das einer schönen, jungen Frau, die von ihrem neidischen Verehrer verflucht worden war. Das arme Ding! Neugierig wartete sie die Reaktion des Raben ab.

"Kann ich Euch zu einem Spaziergang überreden?", fragte die alte Dame, noch während sie sich erhob. Sie war nicht bewandt in Flüchen oder dergleichen, und hatte eigentlich keine Ahnung, wie man so etwas behob. Aber sie wollte den Vogel gern mit in die Bibliothek nehmen - zum einen, da sie hoffte, dort die liebe Atevora anzutreffen, zum anderen, um auch ohne die Enkelin in einem der dicken Wälzer zumindest einen Hinweis zu finden, wie man dem Kindchen mit Federn helfen konnte. Denn eines war sicher: Im Schloss Firnwacht wurden keine Flüche geduldet!